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Reise zu Wutbürgern und Twitter-Rebellen

Das Internet kann ein Schlüssel zur Macht der Vielen sein. Es stellt die Macht auf den Kopf, wie Revolutionen zeigten. Aber wer sind diese neuen Rebellen?

Anfang 2011 begab ich mich auf die Suche nach den Online-Revolutionären in dieser Welt. Inzwischen ist eines klar: Revolution mag dieser Tage mit Smart-Phones, Twitter-Konten und Chat Relays einhergehen. Damit eine Protestbewegung aber dauerhaft Erfolg hat, braucht es die selben Zutaten wie eh und je: Hohe Frustration der Bürger und eine effiziente Organisationsstruktur.

Als ich im Sommer 2010 den Vertrag für mein Buch "Revolution 3.0“ unterfertigte, war noch keine Rede davon, dass bald die revolutionäre Welle über den Nahen Osten hereinbrechen und autoritär regierende Staatsmänner aus den Ämtern schwemmen würde. Dass für Widerstandsbewegungen ein neues Zeitalter angebrochen war, zeigte sich allerdings lange vor dem Arabischen Frühling.

Technik nützt dem Widerstand

Bereits im Jahr 2009 wurde die Bedeutung von Handy und Internet für den politischen Widerstand deutlich. Etwa als im April junge Moldawier nach vermuteten Wahlbetrügereien in Chisinau auf die Straße gingen. Als Iraner gegen den erneut an die Macht gelangten Mahmud Amadi Nejad protestierten. Oder länderübergreifend: Als im Herbst 2009 Studenten das Wiener Auditorium Maximum spontan besetzten und damit eine europaweite Protestbewegung auslösten.

Informationen austauschen, Sympathisanten mobilisieren, Übergriffe der Staatsgewalt dokumentieren, Marschrouten an der Polizei vorbei planen - nie zuvor war es einfacher, Widerstand zu entfachen. Könnte es sein - fragte ich mich damals - dass soziale Online-Netzwerke, Mobiltelefone und der freiere Zugang zum Internet die Menschen zu aktiveren, widerständigeren Bürgern machten? Dass wir von einer Ära der Politikverdrossenheit in eine Ära des politischen Selbstbewusstseins wechseln? Dass wir uns gar auf einem Weg befinden hin zu einer aktiveren, direkteren, vielleicht sogar demokratischeren Demokratie?

Nichts schien zweckmäßiger, als sich zur Beantwortung dieser Frage mit denjenigen auseinanderzusetzen, die sich zum Aufbegehren entschlossen hatten: den neuen Rebellen.

Im Herbst 2010 begann ich die Recherchearbeiten mit dem Ziel, ein möglichst breites Spektrum politischer Bewegungen abzubilden. Dabei war die Auswahl gar nicht einfach, denn während ich noch an einer Stelle forschte, ereignete sich anderswo bereits der nächste Tumult. Als ich im Dezember 2010 nach Baden-Württemberg reiste, um den Tübinger Bürgermeister Boris Palmer und andere Gegner des Tiefbahnhofs in Stuttgart zu treffen, sorgte die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi für Schlagzeilen. Dessen Freitod löste nicht nur Massendemonstrationen gegen das Regime von Zine el-Abidine Ben Ali und gegen die Lebensbedingungen in Tunesien aus, sondern bewirkte jene Kettenreaktion, die als Arabischer Frühling in die Geschichte eingehen sollte.

Zusammen mit der libanesisch-mexikanisch-stämmigen Journalistin Sandra Larriva Henaine reiste ich nach Kairo. Ironischer-weise erschloss sich der Zugang zu den Online-Revolutionären dort meist über den altmodischen Weg: Ein Tipp eines befreundeten Reporters, Telefonnummern durchrufen, ein paar gut vernetzte Menschen treffen. Sich in eine Geburtstagsparty der ägyptischen Bloggerszene einschleusen. Irgendwann ein Interview in einem Teehaus nahe dem Tahrir Platz, das damit endete, dass die Geschäfte in der Umgebung plötzlich die eisernen Rollläden herunter ließen, weil kurz nach dem Freitagsgebet eine gewalttätige Demonstration losbrach.

Zu viel des Lobes für Twitter

Das Verhaftet-Sein in der realen Welt begegnete uns bei fast allen revolutionären Bewegungen. Es konterkariert die vielfach in den Medien verbreitete Einschätzung, wonach es sich um "Twitter Revolutionen“ handle, die ohne die raffinierten Werkzeuge der Informationstechnologie nie möglich gewesen wären. Zwar mag es Bereiche geben wie das Hacker-Netzwerk Anonymous oder die Enthüllungsplattform Wikileaks, wo sich der Widerstand tatsächlich allein im Virtuellen abspielt. In den meisten Fällen aber kann das Internet die Revolution nur so weit tragen, wie die Leute auf der Straße zu gehen bereit sind.

"Twitter hat wahrscheinlich mehr Lob bekommen, als es verdient“, sagt etwa Sarrah Abdulrahman, jene 23-jährige Videobloggerin aus Kairo, die wir im Buch portraitierten: "Weißt du was eine Revolution wirklich auslöst? Fucking Frustration.“

Wie verhaftet revolutionäre Bewegungen im "Diesseits“ sind, zeigt auch der Schlüsselfaktor für ihren dauerhaften Erfolg: Die Organisationsstruktur. Es gilt nämlich, was schon der Sozialwissenschaftler Aldon D. Morris in seinem Buch "The Origins of the Civil Rights Movement“ über die US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen feststellte: Ohne generalstabsmäßige Planung und genaue Rollenverteilung geht gar nichts.

Aus diesem Grund sind es auch nicht die jungen, liberalen, technik-affinen Menschen, die jetzt in Ägypten die politischen Triumphe feiern, sondern die im "Diesseits“ gut organisierten konservativen Kräfte.

Aus klugem politischen Kalkül drängen politische Kräfte, die sich einst nur im Virtuellen organisierten, nun zurück ins Reale. Das zeigt sich etwa dieser Tage an den Wahlerfolgen der Piratenpartei. Schon drei Jahre früher feierte in Island die basisdemokratische Partei "Borgarahreyfingin“ ("Bürgerbewegung“) erste Wahlerfolge, indem sie die Wesensart des Internet mit seinen anarchistischen Zügen, seinen hierarchielosen Charakter und die demokratische Meinungsbildung in ein Parteikonzept goss: Als Wortführerin der neu gegründeten Partei, die in Reaktion auf die Wirtschaftskrise in Island entstand, zog die Internet-Aktivistin und Wikileaks-Mitarbeiterin Birgitta Jonsdottir ins isländische Parlament ein. Die beteiligten Gruppen einigten sich in ihrem Programm auf das Ziel einer Demokratie- und Verfassungsreform - und auf eine Reform des Medienrechts, die Island zur "Schweiz der Bytes“ machen sollte. "Steuerparadiese zielen darauf ab, alles so undurchsichtig wie möglich zu machen“, formuliert Jonsdottir. "In Island wollen wir das Gegenteil: Alles soll so transparent wie möglich sein.“ Mit ihrer Zielsetzung erwies sich Jonsdottirs Partei äußerst erfolgreich. Im Parlament fand IMMI, die Isländische Moderne Medien Initiative, eine breite Mehrheit und wurde bereits größtenteils umgesetzt.

Neue Dimension der Mitsprache

Nicht alle im Buch erwähnten Rebellen freuten sich jedoch über derartige Erfolge. Tübingens Bürgermeister Boris Palmer etwa musste erleben, wie eine Volksabstimmung in Baden Württemberg zugunsten von Stuttgart 21 ausging. Wie wenig sie mit ihren Protesten auszurichten vermochten, stellte schließlich auch die Uni brennt-Bewegung fest.

Aber: Das vordergründige Scheitern mancher Bewegungen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Twitter-Revolutionen“ die politische Kultur nachhaltig wandeln. Palmer gelang es immerhin, ein Bauprojekt einem beispiellosen Schlichtungsverfahren im TV zu unterziehen und ein Plebiszit zu initiieren. Die Audimax-Besetzer lieferten ein Lehrstück über die Macht des spontanen Protests, wenn er Internet-gestützt daherkommt. Und für viele junge Menschen im arabischen Raum bedeutete die Auflehnung gegen Mubarak erst das Erwachen ihres politischen Bewusstseins: "Ich wurde am 25. Jänner, dem Tag der Revolution am Tahrir Platz geboren“, sagt Sarrah Abdulrahman.

Vielleicht behält Palmer mit seiner optimistischen Sicht ja recht, wenn er meint, dass sich unser politisches System mittelfristig ganz erheblich verändern wird: "Der Einfluss der Bürger wird wachsen“, prophezeit er, "neue Beteiligungsformen werden entstehen. Dass sich die Mitsprache der Bürger darauf beschränkt, dass sie etwa bei einem Straßenbauprojekt einen Krötentunnel einfordern können, ist zu wenig.“

Der Autor

Matthias Bernold (37) pendelt als Journalist zwischen New York und Wien. Mit der Journalistin Sandra Larriva Henaine verfasste er den Reportage-Band "Revolution 3.0“, einen Reisebericht über Besuche bei den neuen Rebellen, die sich des Internet bedienen (Tipp siehe unten).

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