Rekordrendite Frühförderung

Nobelpreisträger James Heckman erläutert im FURCHE-Gespräch, was eine gute Frühförderung ausmacht und wie sich diese wirtschaftlich rentiert.

Österreich gibt derzeit sehr viel Geld für das Reparieren von Problemen wie Jugendarbeitslosigkeit oder das Nachholen von Bildungsabschlüssen aus. Der amerikanische Ökonom James Heckman hat den Wert frühkindlicher Förderung für Staat und Gesellschaft errechnet.

Die Furche: Sie haben die Langzeiteffekte des Perry-Preschool-Programmes mit äußerster wissenschaftlicher Sorgfalt ausgewertet. Es handelt sich um die am längsten andauernde Studie zu den Auswirkungen frühkindlicher Förderung, die je durchgeführt wurde.

James Heckman: Jene Kinder, die durch das Perry-Preschool-Programm gefördert wurden, sind bis zu ihrem 40. Geburtstag mit einer Kontrollgruppe von ebenso benachteiligten Kindern verglichen worden, die nicht gefördert wurden. Die Kluft zwischen den Gruppen ist enorm: Die Vorschulkinder haben seltener die Schule abgebrochen, wurden seltener arbeitslos oder kriminell und ihr Einkommen ist deutlich höher als jenes der Kontrollgruppe.

Die Furche: Sie haben den Lebensveränderungen der ehemaligen Vorschulkinder einen ökonomischen Wert zugeschrieben. Heckman: Kaum ein Finanzprodukt bringt so hohe Renditen wie das Perry-Preschool-Programm: Für den Staat hat die Investition in das Programm eine jährliche Rendite von 13 Prozent abgeworfen. Wenn man heute einen Euro in ein Kind investiert, erhält man jährliche Zinsraten von sieben bis zehn Prozent - das restliche Leben lang. Je früher Programme ansetzen, umso höhere Renditen können erzielt werden.

Die Furche: Wie konnte ausgerechnet das Perry-Programm so hohe Renditen abwerfen?

Heckman: Das Programm konnte nur deshalb so rentabel sein, weil es sich an arme, benachteiligte Kinder richtete. Die Lerneffekte bei diesen Kindern sind mit Abstand am größten. Je ärmer und jünger ein Kind ist, umso mehr rechnet sich die Investition.

Die Furche: Wie war das Perry-Programm inhaltlich angelegt?

Heckman: Es förderte insbesondere nicht-kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten. Nicht der IQ der Kinder, sondern ihre Motivation war schließlich höher als bei den nicht Geförderten. Eigenschaften wie Engagement, Durchhaltevermögen, Selbstorganisation, Kommunikationstalent sind essenziell. Ein gesteigertes Interesse an der Welt hat messbare soziale Auswirkungen.

Die Furche: Das Perry-Programm dauerte zwei Jahre. Die Kinder besuchten an fünf Tagen pro Woche für nur zweieinhalb Stunden die Vorschule. Wie konnte so ein Programm derartig erfolgreich sein?

Heckman: Auf fünf bis sechs Kinder kam eine Pädagogin. Die Pädagoginnen waren hoch qualifiziert und gut bezahlt. Sie besuchten wöchentlich eineinhalb Stunden lang die Familie des Kindes und bezogen die Eltern ein.

Die Furche: Welche Dynamiken können dadurch entstehen?

Heckman: Gute Programme können fehlende Strukturen in desorganisierten Familien ersetzen. Wenn Kinder ermutigt werden, die Welt zu entdecken, reißen sie die Eltern mit. Förderprogramme sind nur dann effektiv, wenn sie die Eltern einbeziehen.

Die Furche: Zeigt das Perry-Programm generationenübergreifende Effekte?

Heckman: Einen solchen Vergleich anzustellen, ist schwierig. Die Effekte, die wir bisher bei den Kindern der Versuchsgruppe finden konnten, sind bescheiden. Wir hoffen, in weiteren Erhebungen auf größere Effekte zu stoßen.

Die Furche: In Österreich zählt laut PISA-Studie jedes fünfte Schulkind zur Risikogruppe, die Grundkompetenzen wie sinnerfassendes Lesen nicht beherrscht.

Heckman: Diese Kinder verfügen wohl schon beim Schulstart über geringe Sprachkompetenzen. Ungleichheit beginnt sehr früh. Benachteiligte Kinder haben mit zwei Jahren ein Vokabular, das nur ein Drittel bis ein Viertel des Vokabulars eines Akademiker-Kindes ausmacht. Die Ungleichheit beginnt quasi schon vor der Geburt.

Die Furche: Sollten Förderprogramme pränatal einsetzen?

Heckman: Das ist der Idealfall. In den USA gibt es sehr effiziente pränatale Programme. Diese können sogar den IQ des Kindes heben. Vielen Frauen ist nicht klar, welchen Schaden sie ihrem Kind durch Nikotin oder Alkohol zufügen. Gesundheit ist eine Voraussetzung für Bildungserfolg.

Die Furche: Was brauchen benachteiligte Kinder am nötigsten?

Heckman: Zuwendung. Kinder sind Forscher, Beobachter, Nachahmer, Zuhörer, Denker. Sie brauchen Kommunikation und Anregung. Wenn Bezugspersonen die Fragen der Kinder unbeantwortet lassen, hören sie irgendwann auf, zu fragen. Ihr Wortschatz und Horizont bleiben begrenzt.

Die Furche: Welche Bedingungen müssen für einen bestmöglichen Lernerfolg erfüllt sein?

Heckman: Kinder lernen dann am besten, wenn sie ihre Aktivitäten selbst wählen, planen, ausführen und beurteilen. Pädagogen geben Anregungen, helfen den Kindern bei der Umsetzung ihrer Pläne und sorgen für eine tägliche Routine.

Die Furche: In späteren Lebensphasen wird mehr in Bildung investiert als in der frühen Kindheit.

Heckman: Aber früh erworbene Fähigkeiten vervielfachen den Wirkungsgrad der späteren Förderung. Bei Arbeitslosenprogrammen stimmt die Erfolgsbilanz oft nicht, sie sind meist eine Verschwendung öffentlicher Mittel.

Die Furche: Benachteiligte Kinder sind in den Kindergärten tendenziell seltener vertreten als Kinder aus der Mittelschicht.

Heckman: Arme Kinder sollten gratis Frühförderung erhalten. Es lohnt sich für den Staat. Am besten sollten sich Hebammen schon in den ersten Monaten um die Kinder überforderter Eltern kümmern.

Die Furche: Sollten benachteiligte Kinder verpflichtend an Förderprogrammen teilnehmen?

Heckman: Nein. Ein Zwang schreckt viele Eltern ab. Den Eltern sollte vermittelt werden, dass so ein Programm ihre Erziehung nicht ersetzt, sondern bereichert.

Die Furche: Die Qualität des Kindergartens hängt in Wien auch von der Wohngegend ab.

Heckman: Benachteiligte Kinder und geförderte Kinder müssen nicht gemeinsam betreut werden. Programme müssen je nach Zielgruppe entwickelt werden.

Die Furche: Was gilt es bei Programmen für Kinder mit Migrationshintergrund zu beachten?

Heckman: Für Migrantenfamilien bräuchte es kulturell adaptierte Programme, damit sie keinen Zwang zur Anpassung empfinden. Oft ist es sinnvoll, mit den Förderstunden in der Erstsprache des Kindes zu beginnen. Sobald Kinder Deutsch sprechen, werden sie offener für ihr weiteres Umfeld.

Die Furche: Kann der Erfolg des Perry-Programms andernorts wiederholt werden?

Heckman: Wenn Politiker das versuchen, beachten sie oft nicht die Qualitätsansprüche der Frühförderung: Gut ausgebildete Pädagoginnen, kleine Gruppen, intensive Betreuung. Die Investitionen sind hoch, aber benachteiligte Kinder nicht zu fördern, hat fatale soziale und volkswirtschaftliche Folgen.

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