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Rempelrüpel und Res publica

Die Beobachtung eines allgemeinen Sittenverfalls gehört bekanntlich zu den Erscheinungen des Alters. Gleichwohl denke ich, es ließe sich empirisch belegen, dass gutes Benehmen hierzulande immer weniger gefragt ist. Oder besser, mehr gefragt denn je, aber immer weniger praktiziert. Tatsächlich erst in den letzten Jahren ist es zwar gang, aber deshalb noch nicht gäbe (also angenehm) geworden, im Großstadtgetümmel Mitmenschen, die der eigenen Ideallinie etwa im Wege stehen, direkt anzugehen, anzurempeln, beiseite zu stoßen und sich nach solchem bald provozierten, bald in Kauf genommenen Körperkontakt beim Opfer nicht einmal zu entschuldigen, sondern stracks, ja schnurstracks weiter durch die Passanten zu pflügen. Pandur nichts dagegen.

"Daß soviel Ungezogenheit gut durch die Welt kommt, daran ist die Wohlerzogenheit schuld", meinte Marie von Ebner-Eschenbach. Die Rempelrüpel sind ein Symptom für die Brutalisierung einer Gesellschaft, in der der Gebrauch der Ellbogen als erfolgversprechend gilt. Die Amerikaner können freilich nichts dafür. Sogar in New York, der Stadt der "pushy people", ist mir aufgefallen, dass man sich dort, auch im U-Bahn-Gedränge, tunlichst aus dem Weg geht und sich, unabhängig von Klasse und Hautfarbe, selbst dann beim andern entschuldigt, wenn man in sein bloß gedachtes Hoheitsgebiet eingedrungen ist, ohne ihn zu berühren.

Wir sollten Manieren nicht mehr als antidemokratisches Relikt einer höfischen Kultur betrachten, sondern als Ausdruck des Respekts vor dem Individuum, manchmal auch der Res publica: Wenn Parlamentarier das Hohe Haus im Freizeitdress bevölkern, wenn ein junger Staatssekretär zur Angelobung beim Bundespräsidenten im offenen Hemd erscheint, dann wird die coole Geste zum Affront gegen den Souverän, das Volk, das sich hier repräsentiert sieht.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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