Digital In Arbeit
Feuilleton

Renaissance der Grenzen

1945 1960 1980 2000 2020

Vom sozialen Phänomen der Grenze berichten bereits die Paradieserzählungen - und es sieht nicht danach aus, dass es je verschwindet.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom sozialen Phänomen der Grenze berichten bereits die Paradieserzählungen - und es sieht nicht danach aus, dass es je verschwindet.

Nicht einmal das Paradies ist ohne Grenzen ausgekommen. Migrationspolitisch eine vorausschauende Entscheidung. Ohne ein Draußen: Wohin hätten Eva und Adam vertrieben werden können? Ohne ein Drinnen: Was könnten Kerubim und Flammenschwert im Osten des Garten Eden bewachen?

Grenzenlos wäre weltlos. Für Jean-Jacques Rousseau sogar kulturlos: Denn erst "der Erste, der ein Stück Land umzäunt hat und erklärte: Das ist jetzt meins!, und erreichte, dass die anderen das einfach akzeptierten, hat damit das Tor zur bürgerlichen Gesellschaft aufgestoßen".

Das sah auch Robinson Crusoe im gleichnamigen Roman von Daniel Defoe so. Kaum gestrandet, begann er seine grenzenlose Einsamkeit einzugrenzen. Am 3. Januar 1659 vermerkte er im Tagebuch: "Ich begann mit einer Einfriedung oder meinem Wall. Ich befürchtete immer noch einen Angriff von irgendeiner Seite und nahm mir vor, ihn sehr stark und fest zu machen." Drei Monate schuftete er für die Befestigung: "Es ist kaum glaublich, wie unsagbar schwer die Arbeit war, die ich leisten musste, besonders beim Heranschaffen der Pfähle aus den Wäldern und beim Einrammen in den Boden " - was hätte er sich mit dem Aufwand Luxuriöses schaffen können? Doch er meinte, nur "dann völlig in Sicherheit zu sein, wenn der Zaun fertig war".

Subjektiv steigt dann das Sicherheitsgefühl

Erst rückblickend relativierte er den Wall: "Freilich stellte sich später heraus, dass alle diese Vorsichtsmaßregeln gegen angenommene Gefahren unnötig gewesen waren." Aber einen ruhigen Schlaf hat ihm sein Zaun garantiert. Das beschreibt auch schon den wichtigsten Grenznutzen: Objektive Grenzschutz-Erfolge mögen fraglich sein, subjektiv steigt das Sicherheitsgefühl - und darauf kommt es an: für den Einzelnen, für die Politik. Und akzeptierte Grenzen sind die entscheidende Voraussetzung für Frieden, im Privaten wie zwischen Staaten.

"Wenn wir das Phänomen der politischen Grenzen untersuchen, sind wir nicht nur einem Schlüsselkonzept der Politik auf der Spur, sondern einem Grundzug in der Entwicklung des Menschen als kulturell geprägte, soziale und vor allem politische Wesen", schreibt der Marburger Politikwissenschafter Wilfried von Bredow in seiner Studie "Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen" (Theiss 2014). In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bestätigt er die Renaissance der Grenzen in Europa und weltweit: "Grenzen sind - ich denke mal -so ungefähr in den letzten fünfzehn Jahren wieder sehr viel wichtiger geworden und widersprechen jener Euphorie nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, als ganz viele Menschen gedacht haben, Grenzen verschwinden jetzt nicht nur in Europa, sondern sie verschwinden eigentlich überhaupt. Das war sehr, sehr voreilig."

Erinnerung an die Welt von Gestern

Im letzten Punkt hätte Stefan Zweig dem emeritierten Professor für Internationale Politik widersprochen. Für Zweig war der Gedanke an offene Grenzen nicht voreilig, sondern rückblickend und an "Die Welt von Gestern" erinnernd. "Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört", schrieb Zweig in seinen 1939 bis 1941 entstandenen Lebenserinnerungen: "Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben." Schriftstellerkollege Heinrich Mann bestätigte Zweigs grenzenlose Welterinnerungen: "Ausland war vor 1914 bloß eine Redensart."

Eine Generation zuvor machte sich Georg Büchner in seinem Stück "Leonce und Lena" darüber lustig, wie viele Grenzen man in deutschen Landen bei einem Nachmittagsspaziergang überqueren konnte, ohne es zu merken. Zweig: "Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Misstrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt, wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst."

Zweigs "Welt von Gestern" beschreibt die Welt von heute. Europäisierung und Globalisierung gingen nicht mit einem "Konkurs der Geographie" einher. Im Gegenteil, fließende Grenzen führten zu Verunsicherungen und der Forderung nach neuen Dämmen. Wichtigster Auslöser für die Grenzen-Renaissance ist die Angst vor Terrorismus und ungesteuerter Massenzuwanderung. Diese Angst lässt Grenzen wachsen -in den Köpfen und zwischen Staaten. Für Grenzforscher von Bredow nicht überraschend. Seine Studie kommt zu drei Feststellungen: "Erstens: Grenzen sind meist konstruiert und nicht 'natürlich'; zweitens: Grenzen gelten nicht auf ewig -und drittens: Es gibt keine vorprogrammierte Entwicklung hin zu einem Verschwinden von Grenzen."

Selbst im grenzenlosen Schengen-Europa haben sich die Grenzen nicht in Nichts aufgelöst. Schlagbäume und Zollhäuschen wurden zwar abgerissen, aber die Grenzen blieben wie ein Gespenst, das keine Ruhe finden kann, präsent, und das nicht nur im Atlas. Nur weil kein Zaun mehr trennt, heißt das noch lange nicht, dass zwischen Drüben und Herüben kein Unterschied bleibt. Das gilt für die Vor-Schengen-Europäer natürlich noch mehr als für die Erasmus-Generationen. Aber auch den Jungen wird mit der Roaming-Warnung ihres Mobiltelefons (noch) jeder Grenzübertritt angezeigt, mit dem Effekt, die ansonsten grenzenlose Kommunikation aus Kostengründen einzugrenzen.

Hier Schengen, da Lampedusa

Der Schengen-Raum hat deshalb so lange so gut funktioniert, meint von Bredow, weil er unter ähnlichen Ländern vereinbart wurde und man sich auf die Sicherung der Außengrenzen verständigt hat. Insofern sieht von Bredow im Schengen-Europa ein "Hologramm": Die Abwertung der Binnengrenzen geht, dreht man das Bild, mit einer Aufwertung und Aufrüstung der Außengrenzen einher. "Hier Schengen, da Lampedusa. Einerseits ein wachsender Bedeutungsverlust von Grenzen, andererseits erleben wir eine Perfektionierung von Grenzüberwachungstechnologien und Kontrollpraktiken, eine Renaissance von Mauern und ein fragwürdiges Asylrecht." Denn hinter dem politischen Dilemma türmt sich ein moralisches und ein Menschenrechtsdilemma.

Schau auf seine Grenzen, und du kannst sagen, was für ein Staat das ist. (Außen-)Grenzen sind ein Barometer für (Innen-)Politik. Bizarre Grenzen gehen mit bizarren Regimen einher. Politische Zombies schaffen Zombie-Grenzen, von der Berliner Mauer bis zum Todesstreifen am 38. Breitengrad.

Von Bredow unterscheidet zwischen "guten" und "bösen Grenzen". Seine Musterbeispiele sind die nördliche und südliche US-Grenze. Während eine der längsten und teilweise unsichtbarsten Grenzen Amerika mit Kanada verbindet, wurde die US-Grenze zu Mexiko verriegelt bis hin zu Trumps Mauer-Wahlversprechen.

Gemeinsam ist jedoch allen Grenzen, den guten wie bösen: Sie locken zur Überschreitung. Staatsgrenzen waren und sind auch Kriminalitäts-Hotspots: für Schmuggler, Steuerbetrüger, Schleuser. Die Grenze, die trennt, ist gleichzeitig der Ort, der verbindet, sie ist Sperre und Membran. Dafür hat die frühere Gouverneurin des Mexiko-Grenzstaates Arizona, Janet A. Napolitano, die immer gültige Grenz-Erfahrung formuliert: "Zeige mir einen 50 Fuß hohen Grenzzaun, und ich zeige dir eine 51 Fuß hohe Leiter, um ihn zu überwinden."

Nicht einmal das Paradies ist ohne Grenzen ausgekommen. Migrationspolitisch eine vorausschauende Entscheidung. Ohne ein Draußen: Wohin hätten Eva und Adam vertrieben werden können? Ohne ein Drinnen: Was könnten Kerubim und Flammenschwert im Osten des Garten Eden bewachen?

Grenzenlos wäre weltlos. Für Jean-Jacques Rousseau sogar kulturlos: Denn erst "der Erste, der ein Stück Land umzäunt hat und erklärte: Das ist jetzt meins!, und erreichte, dass die anderen das einfach akzeptierten, hat damit das Tor zur bürgerlichen Gesellschaft aufgestoßen".

Das sah auch Robinson Crusoe im gleichnamigen Roman von Daniel Defoe so. Kaum gestrandet, begann er seine grenzenlose Einsamkeit einzugrenzen. Am 3. Januar 1659 vermerkte er im Tagebuch: "Ich begann mit einer Einfriedung oder meinem Wall. Ich befürchtete immer noch einen Angriff von irgendeiner Seite und nahm mir vor, ihn sehr stark und fest zu machen." Drei Monate schuftete er für die Befestigung: "Es ist kaum glaublich, wie unsagbar schwer die Arbeit war, die ich leisten musste, besonders beim Heranschaffen der Pfähle aus den Wäldern und beim Einrammen in den Boden " - was hätte er sich mit dem Aufwand Luxuriöses schaffen können? Doch er meinte, nur "dann völlig in Sicherheit zu sein, wenn der Zaun fertig war".

Subjektiv steigt dann das Sicherheitsgefühl

Erst rückblickend relativierte er den Wall: "Freilich stellte sich später heraus, dass alle diese Vorsichtsmaßregeln gegen angenommene Gefahren unnötig gewesen waren." Aber einen ruhigen Schlaf hat ihm sein Zaun garantiert. Das beschreibt auch schon den wichtigsten Grenznutzen: Objektive Grenzschutz-Erfolge mögen fraglich sein, subjektiv steigt das Sicherheitsgefühl - und darauf kommt es an: für den Einzelnen, für die Politik. Und akzeptierte Grenzen sind die entscheidende Voraussetzung für Frieden, im Privaten wie zwischen Staaten.

"Wenn wir das Phänomen der politischen Grenzen untersuchen, sind wir nicht nur einem Schlüsselkonzept der Politik auf der Spur, sondern einem Grundzug in der Entwicklung des Menschen als kulturell geprägte, soziale und vor allem politische Wesen", schreibt der Marburger Politikwissenschafter Wilfried von Bredow in seiner Studie "Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen" (Theiss 2014). In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bestätigt er die Renaissance der Grenzen in Europa und weltweit: "Grenzen sind - ich denke mal -so ungefähr in den letzten fünfzehn Jahren wieder sehr viel wichtiger geworden und widersprechen jener Euphorie nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, als ganz viele Menschen gedacht haben, Grenzen verschwinden jetzt nicht nur in Europa, sondern sie verschwinden eigentlich überhaupt. Das war sehr, sehr voreilig."

Erinnerung an die Welt von Gestern

Im letzten Punkt hätte Stefan Zweig dem emeritierten Professor für Internationale Politik widersprochen. Für Zweig war der Gedanke an offene Grenzen nicht voreilig, sondern rückblickend und an "Die Welt von Gestern" erinnernd. "Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört", schrieb Zweig in seinen 1939 bis 1941 entstandenen Lebenserinnerungen: "Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben." Schriftstellerkollege Heinrich Mann bestätigte Zweigs grenzenlose Welterinnerungen: "Ausland war vor 1914 bloß eine Redensart."

Eine Generation zuvor machte sich Georg Büchner in seinem Stück "Leonce und Lena" darüber lustig, wie viele Grenzen man in deutschen Landen bei einem Nachmittagsspaziergang überqueren konnte, ohne es zu merken. Zweig: "Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Misstrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt, wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst."

Zweigs "Welt von Gestern" beschreibt die Welt von heute. Europäisierung und Globalisierung gingen nicht mit einem "Konkurs der Geographie" einher. Im Gegenteil, fließende Grenzen führten zu Verunsicherungen und der Forderung nach neuen Dämmen. Wichtigster Auslöser für die Grenzen-Renaissance ist die Angst vor Terrorismus und ungesteuerter Massenzuwanderung. Diese Angst lässt Grenzen wachsen -in den Köpfen und zwischen Staaten. Für Grenzforscher von Bredow nicht überraschend. Seine Studie kommt zu drei Feststellungen: "Erstens: Grenzen sind meist konstruiert und nicht 'natürlich'; zweitens: Grenzen gelten nicht auf ewig -und drittens: Es gibt keine vorprogrammierte Entwicklung hin zu einem Verschwinden von Grenzen."

Selbst im grenzenlosen Schengen-Europa haben sich die Grenzen nicht in Nichts aufgelöst. Schlagbäume und Zollhäuschen wurden zwar abgerissen, aber die Grenzen blieben wie ein Gespenst, das keine Ruhe finden kann, präsent, und das nicht nur im Atlas. Nur weil kein Zaun mehr trennt, heißt das noch lange nicht, dass zwischen Drüben und Herüben kein Unterschied bleibt. Das gilt für die Vor-Schengen-Europäer natürlich noch mehr als für die Erasmus-Generationen. Aber auch den Jungen wird mit der Roaming-Warnung ihres Mobiltelefons (noch) jeder Grenzübertritt angezeigt, mit dem Effekt, die ansonsten grenzenlose Kommunikation aus Kostengründen einzugrenzen.

Hier Schengen, da Lampedusa

Der Schengen-Raum hat deshalb so lange so gut funktioniert, meint von Bredow, weil er unter ähnlichen Ländern vereinbart wurde und man sich auf die Sicherung der Außengrenzen verständigt hat. Insofern sieht von Bredow im Schengen-Europa ein "Hologramm": Die Abwertung der Binnengrenzen geht, dreht man das Bild, mit einer Aufwertung und Aufrüstung der Außengrenzen einher. "Hier Schengen, da Lampedusa. Einerseits ein wachsender Bedeutungsverlust von Grenzen, andererseits erleben wir eine Perfektionierung von Grenzüberwachungstechnologien und Kontrollpraktiken, eine Renaissance von Mauern und ein fragwürdiges Asylrecht." Denn hinter dem politischen Dilemma türmt sich ein moralisches und ein Menschenrechtsdilemma.

Schau auf seine Grenzen, und du kannst sagen, was für ein Staat das ist. (Außen-)Grenzen sind ein Barometer für (Innen-)Politik. Bizarre Grenzen gehen mit bizarren Regimen einher. Politische Zombies schaffen Zombie-Grenzen, von der Berliner Mauer bis zum Todesstreifen am 38. Breitengrad.

Von Bredow unterscheidet zwischen "guten" und "bösen Grenzen". Seine Musterbeispiele sind die nördliche und südliche US-Grenze. Während eine der längsten und teilweise unsichtbarsten Grenzen Amerika mit Kanada verbindet, wurde die US-Grenze zu Mexiko verriegelt bis hin zu Trumps Mauer-Wahlversprechen.

Gemeinsam ist jedoch allen Grenzen, den guten wie bösen: Sie locken zur Überschreitung. Staatsgrenzen waren und sind auch Kriminalitäts-Hotspots: für Schmuggler, Steuerbetrüger, Schleuser. Die Grenze, die trennt, ist gleichzeitig der Ort, der verbindet, sie ist Sperre und Membran. Dafür hat die frühere Gouverneurin des Mexiko-Grenzstaates Arizona, Janet A. Napolitano, die immer gültige Grenz-Erfahrung formuliert: "Zeige mir einen 50 Fuß hohen Grenzzaun, und ich zeige dir eine 51 Fuß hohe Leiter, um ihn zu überwinden."