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Feuilleton

Reparatur anstelle von Umbruch

1945 1960 1980 2000 2020
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"Konservative Korrekturen“ nennt sich ein neues Bändchen von Essays, in denen mit 1968 abgerechnet und Konservativismus definiert wird.

Jeder Generation ihre Abrechnung, jeder Zeit ihre politische Literatur: Der 40-jährige Politik- und Kommunikationswissenschafter Christian Sebastian Moser hat mit seinen Essays in dem Band "Konservative Korrekturen“ treffliche Analysen, eindringliche Plädoyers und programmatische Markierungen vorgelegt. Deklariert aus konservativer Sicht, die nach Jahrzehnten der Marginalisierung und nach Jahren der Instrumentalisierung dank derartiger Essays in den fundierten Politikdiskurs zurückkehrt.

Eine Absage an die Utopien

Reparatur statt Umbruch - auf diese Formel bringt Moser das in der gegenwärtigen Situation objektiv Gebotene und von den Wählern subjektiv Erwünschte: "Eine von Krisen und Hyperindividualismus erschöpfte Gesellschaft verlangt jetzt mehr Sicherheit im Alltag, Freiraum für den einzelnen Bürger und Steuersenkungen.“ Und weil der Geist dieser Formel eben auch ein Kind seiner Zeit ist, die mit der Elterngeneration stets eine Rechnung offen hat, schreibt Moser: "Ähnlich wie im Jahr 1968 stehen wir heute vor einer Epochenwende, einer Zäsur, nur dass diesmal nicht politische Utopien sondern Systemreparaturen gefordert sind.“

Exakt vermisst Moser das deutschsprachige Gelände politischer Theorien, Literatur und Essays der letzten 50 Jahre, verweist auf französische Autoren und amerikanische Theoretiker und Praktiker. Breit zitiert werden der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Zizek und der griechisch-deutsche Philosoph Panajotis Kondylis. Vom "Materialismus als linker Utopie“ führt Mosers Weg, gestützt auf Hermann Lübbe und Jürgen Habermas, über "Konservativen Widerstand“ zur "Zweiten Welle des Neokonservatismus“ und "Konservativen Überzeugungen“. Nach eifriger Kritik an Linken endlich angekommen.

Um den Konservativen zu chrak-terisieren, bemüht Moser den deutschen Politologen Franz Walter. Dieser meint: Im Unterschied zu anderen politischen Schulen entwerfe der Konservativismus keine leuchtenden Bilder von der Zukunft, er sei eine politische Haltung, die Utopien vom Anderssein mit Misstrauen begegne. Der Konservativismus erkenne die "entlastende Funktion von Institutionen und habitualisierten Traditionen“. Darin läge eine für den Einzelnen wohltuende Wirkung: "Erst Sicherheiten im Alltag lassen dem postmodernen, hyperaktiven Menschen die Energie für das Wesentliche und befreien ihn vom Diktat der Multioptionsgesellschaft, vom permanenten Leistungsdruck und neu-liberalem Deregulierungsparadigma.“

Damit landet die Debatte um den Konservativismus in einem ihrer Dilemmata, nämlich jenem glaubwürdiger Vermittlung: Es fehle an politischen Persönlichkeiten, welche ein derartiges Leben führten, zugleich seien kirchliche Gebote und Verbote nicht mehr bindend, Loyalitäten im Abnehmen begriffen. Das führt zu einem Paradoxon: Franz Walter fände es erstaunlich, berichtet Moser, dass "der Konservativismus die Schlacht gegen den Modernismus genau zu jenem Zeitpunkt verliert, an dem die Segnungen der Totalliberalisierung an Attraktivität einbüßen“. Da hilft nur, und darin liegt die Bedeutung der Moser’schen Essays, der Griff zu politischer Theorie des Konservativen.

Für den englischen Philosophen Michael Oakeshott sei Konservativismus nicht nur eine Reaktion auf konkrete progressive Tendenzen in einer Gesellschaft sondern ein skeptischer Politikstil sui generis, eine eigenständige politische Haltung und Überzeugung. Diese zeichne sich aus durch Traditionalismus und eben eine Skepsis gegenüber universalistischen Vorstellungen des Richtigen und einer Konstruktion guter Gesellschaft.

Mit Verweis auf den deutschen Verfassungsrichter Udo di Fabio, den deutschen Intellektuellen Wilhelm Röpke und den deutschen Journalisten Alexander Gauland liefert Moser einen Katalog bürgerlich-konservativer Werte und Tugenden, derer der Einzelne ebenso bedürfe wie das Staatswesen, sollen Leben und Zusammenleben gelingen.

"Die Verlangsamung des Fortschritts, das Bewahren von Traditionen und Lebenswelten sowie die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens bilden den Kern konservativer Überzeugungen“, schreibt Moser. Und nennt dann jene fünf Eckpunkte, die der Bremer Historiker Paul Nolte für seine Politikkonzeption der Verantwortung proklamiert: Religiöses Fundament, Eindämmung der Kehrseiten des Individualismus, Subsidiarität, Maßhalten und Identität. Moser erweitert den Katalog um einen sechsten Punkt: eine verbesserte Migrationspolitik.

Konservative Korrekturen

Von Christian Sebastian Moser (Hg.)

edition noir 2011

252 Seiten, kartoniert, e 9,50

"Konservative Korrekturen“ nennt sich ein neues Bändchen von Essays, in denen mit 1968 abgerechnet und Konservativismus definiert wird.

Jeder Generation ihre Abrechnung, jeder Zeit ihre politische Literatur: Der 40-jährige Politik- und Kommunikationswissenschafter Christian Sebastian Moser hat mit seinen Essays in dem Band "Konservative Korrekturen“ treffliche Analysen, eindringliche Plädoyers und programmatische Markierungen vorgelegt. Deklariert aus konservativer Sicht, die nach Jahrzehnten der Marginalisierung und nach Jahren der Instrumentalisierung dank derartiger Essays in den fundierten Politikdiskurs zurückkehrt.

Eine Absage an die Utopien

Reparatur statt Umbruch - auf diese Formel bringt Moser das in der gegenwärtigen Situation objektiv Gebotene und von den Wählern subjektiv Erwünschte: "Eine von Krisen und Hyperindividualismus erschöpfte Gesellschaft verlangt jetzt mehr Sicherheit im Alltag, Freiraum für den einzelnen Bürger und Steuersenkungen.“ Und weil der Geist dieser Formel eben auch ein Kind seiner Zeit ist, die mit der Elterngeneration stets eine Rechnung offen hat, schreibt Moser: "Ähnlich wie im Jahr 1968 stehen wir heute vor einer Epochenwende, einer Zäsur, nur dass diesmal nicht politische Utopien sondern Systemreparaturen gefordert sind.“

Exakt vermisst Moser das deutschsprachige Gelände politischer Theorien, Literatur und Essays der letzten 50 Jahre, verweist auf französische Autoren und amerikanische Theoretiker und Praktiker. Breit zitiert werden der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Zizek und der griechisch-deutsche Philosoph Panajotis Kondylis. Vom "Materialismus als linker Utopie“ führt Mosers Weg, gestützt auf Hermann Lübbe und Jürgen Habermas, über "Konservativen Widerstand“ zur "Zweiten Welle des Neokonservatismus“ und "Konservativen Überzeugungen“. Nach eifriger Kritik an Linken endlich angekommen.

Um den Konservativen zu chrak-terisieren, bemüht Moser den deutschen Politologen Franz Walter. Dieser meint: Im Unterschied zu anderen politischen Schulen entwerfe der Konservativismus keine leuchtenden Bilder von der Zukunft, er sei eine politische Haltung, die Utopien vom Anderssein mit Misstrauen begegne. Der Konservativismus erkenne die "entlastende Funktion von Institutionen und habitualisierten Traditionen“. Darin läge eine für den Einzelnen wohltuende Wirkung: "Erst Sicherheiten im Alltag lassen dem postmodernen, hyperaktiven Menschen die Energie für das Wesentliche und befreien ihn vom Diktat der Multioptionsgesellschaft, vom permanenten Leistungsdruck und neu-liberalem Deregulierungsparadigma.“

Damit landet die Debatte um den Konservativismus in einem ihrer Dilemmata, nämlich jenem glaubwürdiger Vermittlung: Es fehle an politischen Persönlichkeiten, welche ein derartiges Leben führten, zugleich seien kirchliche Gebote und Verbote nicht mehr bindend, Loyalitäten im Abnehmen begriffen. Das führt zu einem Paradoxon: Franz Walter fände es erstaunlich, berichtet Moser, dass "der Konservativismus die Schlacht gegen den Modernismus genau zu jenem Zeitpunkt verliert, an dem die Segnungen der Totalliberalisierung an Attraktivität einbüßen“. Da hilft nur, und darin liegt die Bedeutung der Moser’schen Essays, der Griff zu politischer Theorie des Konservativen.

Für den englischen Philosophen Michael Oakeshott sei Konservativismus nicht nur eine Reaktion auf konkrete progressive Tendenzen in einer Gesellschaft sondern ein skeptischer Politikstil sui generis, eine eigenständige politische Haltung und Überzeugung. Diese zeichne sich aus durch Traditionalismus und eben eine Skepsis gegenüber universalistischen Vorstellungen des Richtigen und einer Konstruktion guter Gesellschaft.

Mit Verweis auf den deutschen Verfassungsrichter Udo di Fabio, den deutschen Intellektuellen Wilhelm Röpke und den deutschen Journalisten Alexander Gauland liefert Moser einen Katalog bürgerlich-konservativer Werte und Tugenden, derer der Einzelne ebenso bedürfe wie das Staatswesen, sollen Leben und Zusammenleben gelingen.

"Die Verlangsamung des Fortschritts, das Bewahren von Traditionen und Lebenswelten sowie die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens bilden den Kern konservativer Überzeugungen“, schreibt Moser. Und nennt dann jene fünf Eckpunkte, die der Bremer Historiker Paul Nolte für seine Politikkonzeption der Verantwortung proklamiert: Religiöses Fundament, Eindämmung der Kehrseiten des Individualismus, Subsidiarität, Maßhalten und Identität. Moser erweitert den Katalog um einen sechsten Punkt: eine verbesserte Migrationspolitik.

Konservative Korrekturen

Von Christian Sebastian Moser (Hg.)

edition noir 2011

252 Seiten, kartoniert, e 9,50