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Feuilleton

Riskanter Flug durch die Partikel

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Vier Tage lang herrschte Stillstand im Luftraum über Europa. Die wirklichen Ursachen sind Feuer und Eis. Erst sie ergaben das Gemisch aus Wasserdampf, Staub und winzigen Glaspartikeln, das sich über Europa legte.

Bis vor kurzem war er außerhalb Islands nur einer Handvoll Geologen und Bergsteigern ein Begriff. Seinen Namen korrekt aussprechen konnten wahrscheinlich noch weniger. Doch innerhalb einer Woche ist Eyjafjallajökull, der Gletschervulkan im Süden Islands, zur bekanntesten Erhebung des Kontinents geworden. Er spuckt ungeniert auf Europa und hat gehörig Unruhe in die europäischen Verkehrswege gebracht. Kurzzeitig legte die von ihm in den Himmel geblasene Aschewolke sogar weite Teile des Luftraumes komplett lahm. Unzählige Flüge fielen aus, Reisende mussten auf Bahn oder Auto ausweichen – oder warten. Dass brachiale Urgewalt aus den Tiefen der Erde unsere hochtechnologische Zivilisation alt aussehen lässt, ist keine neue Erfahrung. Diesmal gab es zum Glück keine Todesopfer zu beklagen. Weswegen man das Ereignis legitimerweise mit wertfreiem Interesse betrachten darf.

In Island sind die Bewohner vulkanische Aktivitäten gewohnt. Die Insel liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, einem unterirdischen Gebirge, das die eurasische und die nordamerikanische Platte voneinander trennt. Ein bis zu 50 Kilometer breiter Grabenbruch begünstigt vulkanische und tektonische Aktivitäten.

Erst Eis ergab Wucht der Eruption

Auch Eyjafjallajökull ist Vulkanologen kein Unbekannter. Seine letzte größere Eruption liegt fast 200 Jahre zurück. Erst am 20. März dieses Jahres meldete er sich erneut, spie Lavafontänen gen Himmel und lockte damit Touristen an. Anfang April ließ die Aktivität nach, das Spektakel schien vorbei. Doch dann brach erneut eine Spalte auf und setzte jene Mengen Asche frei, die seither zahlreiche Experten beschäftigen.

Was den erneuten Ausbruch so vehement ausfallen ließ, ist eine Kombination aus zwei Faktoren. Zum einen enthielt das aus dem Erdinneren austretende Magma ungewöhnlich viel Gas, was den Druck erhöht. Noch entscheidender aber ist, dass das Eruptionszentrum direkt unter einem mit Eis gefüllten Kessel liegt. Durch die austretende Lava schmilzt das Eis. Dabei bewirkt der Kontakt von Wasser mit heißem Magma eine explosionsartige Eruption. Ein ähnlicher Effekt tritt auf, wenn man Wasser in heißes Fett schüttet.

Rasch abgekühltes Magma ist Glas

Die Kraft des Ausbruchs stieß eine Wolke aus Wasserdampf und Asche bis zu elf Kilometer senkrecht in die Luft. Um Asche im üblichen Sinne eines Verbrennungsrückstandes handelt es sich aber genau genommen nicht. Die vielzitierte „Aschewolke“ ist ein Gemisch aus Wasserdampf, Staub und winzigen Glaspartikeln.

Diese Glaspartikel entstehen, wenn das flüssige Magma in sehr kurzer Zeit abkühlt. Durch dieses quasi Abschrecken zerspringt die Silikatschmelze in Millionen Glaspartikel. Vor projektilartig fliegenden Scherben braucht man sich allerdings nicht zu fürchten – die Partikelgröße liegt im Bereich einiger tausendstel Millimeter.

Der Wind schickte die gewaltige Wolke anschließend auf ihre Reise über Europa. In der Folge schlossen etliche Länder erst ihre großen Flughäfen, dann kurzzeitig sogar den gesamten Luftraum. Mittlerweile kritisieren viele Fluglinien diese Entscheidung als übertrieben. Dahinter steht betriebswirtschaftliche Bange: wer nicht fliegt, verdient kein Geld. Auf die leichte Schulter nehmen sollte man Vulkanasche allerdings nicht.

Eine Aschewolke zu durchfliegen zählt zu den riskantesten Manövern der Luftfahrt. Experten nennen zwei Hauptgefahren. Zum einen geraten unweigerlich Aschepartikel in die Triebwerke. Dabei schmelzen sie auf und können Turbinenschaufeln belegen oder Leitungen verstopfen. Zum anderen wirken die harten Mikropartikel wie Schleifmittel. Sie zerkratzen die Cockpitscheiben und führen im schlimmsten Fall zum totalen Sichtverlust der Piloten.

Dass Vulkanasche ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko für Flugzeuge bedeutet, ist spätestens seit dem 24. Juni 1982 bekannt. Damals geriet eine Linienmaschine der British Airways über Java in eine Wolke aus Vulkanasche, ausgestoßen vom indonesischen Gunung Galunggung. Alle vier Triebwerke fielen aus, das Flugzeug sank etwa 7000 Meter ab. Erst dann gelang es dem Piloten, die Triebwerke wieder zu starten und auf Jakarta notzulanden. Mehrere Dutzend ähnlicher Fälle der letzten 20 Jahre sind dokumentiert, alle ohne Verlust von Menschenleben.

Wie lange der vulkanische Auswurf noch bedrohlich über uns schwebt, ist selbst für Fachleute schwer abzuschätzen. Unter zehn Kilometer Höhe verflüchtigen sich Aschewolken meist innerhalb weniger Tage. Die Partikelkonzentration nimmt stetig ab, Niederschläge waschen die verdünnte Wolke weiter aus. Eine Änderung der Windrichtung könnte die Asche in kurzer Zeit einfach aus Europa verblasen. Anders sieht es freilich aus, wenn der Vulkan kontinuierlich für Nachschub sorgt.

Der zweite Vulkan ist überfällig

Anfang der Woche schien die Aktivität von Eyjafjallajökull zwar nachzulassen. Doch es ist jederzeit möglich, dass sich weitere Spalten öffnen und neue Eruptionen auftreten. Sollte der isländische Vulkan noch länger aktiv bleiben, sind auch Auswirkungen auf das Klima nicht auszuschließen. Vor allem Schwefelverbindungen gelten als Bedrohung, weil sie – eine hinreichend große Menge vorausgesetzt – in der Stratosphäre die Sonneneinstrahlung reduzieren könnten. Solche Befürchtungen nährt auch eine weitere Gefahr.

Dieses besteht in der Möglichkeit, dass der benachbarte Vulkan Katla ebenfalls plötzlich zum Leben erwacht. Drei Mal ist Eyjafjallajökull bisher ausgebrochen, jedes Mal folgte Katla kurz darauf. Weil Katla vollständig unter einer dicken Eisschicht liegt, wäre wohl mit einer besonders explosiven Eruption zu rechnen. Zudem liegt der letzte Ausbruch bereits fast 100 Jahre zurück. Rein statistisch gilt er deshalb als „überfällig“.

Vier Tage lang herrschte Stillstand im Luftraum über Europa. Die wirklichen Ursachen sind Feuer und Eis. Erst sie ergaben das Gemisch aus Wasserdampf, Staub und winzigen Glaspartikeln, das sich über Europa legte.

Bis vor kurzem war er außerhalb Islands nur einer Handvoll Geologen und Bergsteigern ein Begriff. Seinen Namen korrekt aussprechen konnten wahrscheinlich noch weniger. Doch innerhalb einer Woche ist Eyjafjallajökull, der Gletschervulkan im Süden Islands, zur bekanntesten Erhebung des Kontinents geworden. Er spuckt ungeniert auf Europa und hat gehörig Unruhe in die europäischen Verkehrswege gebracht. Kurzzeitig legte die von ihm in den Himmel geblasene Aschewolke sogar weite Teile des Luftraumes komplett lahm. Unzählige Flüge fielen aus, Reisende mussten auf Bahn oder Auto ausweichen – oder warten. Dass brachiale Urgewalt aus den Tiefen der Erde unsere hochtechnologische Zivilisation alt aussehen lässt, ist keine neue Erfahrung. Diesmal gab es zum Glück keine Todesopfer zu beklagen. Weswegen man das Ereignis legitimerweise mit wertfreiem Interesse betrachten darf.

In Island sind die Bewohner vulkanische Aktivitäten gewohnt. Die Insel liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, einem unterirdischen Gebirge, das die eurasische und die nordamerikanische Platte voneinander trennt. Ein bis zu 50 Kilometer breiter Grabenbruch begünstigt vulkanische und tektonische Aktivitäten.

Erst Eis ergab Wucht der Eruption

Auch Eyjafjallajökull ist Vulkanologen kein Unbekannter. Seine letzte größere Eruption liegt fast 200 Jahre zurück. Erst am 20. März dieses Jahres meldete er sich erneut, spie Lavafontänen gen Himmel und lockte damit Touristen an. Anfang April ließ die Aktivität nach, das Spektakel schien vorbei. Doch dann brach erneut eine Spalte auf und setzte jene Mengen Asche frei, die seither zahlreiche Experten beschäftigen.

Was den erneuten Ausbruch so vehement ausfallen ließ, ist eine Kombination aus zwei Faktoren. Zum einen enthielt das aus dem Erdinneren austretende Magma ungewöhnlich viel Gas, was den Druck erhöht. Noch entscheidender aber ist, dass das Eruptionszentrum direkt unter einem mit Eis gefüllten Kessel liegt. Durch die austretende Lava schmilzt das Eis. Dabei bewirkt der Kontakt von Wasser mit heißem Magma eine explosionsartige Eruption. Ein ähnlicher Effekt tritt auf, wenn man Wasser in heißes Fett schüttet.

Rasch abgekühltes Magma ist Glas

Die Kraft des Ausbruchs stieß eine Wolke aus Wasserdampf und Asche bis zu elf Kilometer senkrecht in die Luft. Um Asche im üblichen Sinne eines Verbrennungsrückstandes handelt es sich aber genau genommen nicht. Die vielzitierte „Aschewolke“ ist ein Gemisch aus Wasserdampf, Staub und winzigen Glaspartikeln.

Diese Glaspartikel entstehen, wenn das flüssige Magma in sehr kurzer Zeit abkühlt. Durch dieses quasi Abschrecken zerspringt die Silikatschmelze in Millionen Glaspartikel. Vor projektilartig fliegenden Scherben braucht man sich allerdings nicht zu fürchten – die Partikelgröße liegt im Bereich einiger tausendstel Millimeter.

Der Wind schickte die gewaltige Wolke anschließend auf ihre Reise über Europa. In der Folge schlossen etliche Länder erst ihre großen Flughäfen, dann kurzzeitig sogar den gesamten Luftraum. Mittlerweile kritisieren viele Fluglinien diese Entscheidung als übertrieben. Dahinter steht betriebswirtschaftliche Bange: wer nicht fliegt, verdient kein Geld. Auf die leichte Schulter nehmen sollte man Vulkanasche allerdings nicht.

Eine Aschewolke zu durchfliegen zählt zu den riskantesten Manövern der Luftfahrt. Experten nennen zwei Hauptgefahren. Zum einen geraten unweigerlich Aschepartikel in die Triebwerke. Dabei schmelzen sie auf und können Turbinenschaufeln belegen oder Leitungen verstopfen. Zum anderen wirken die harten Mikropartikel wie Schleifmittel. Sie zerkratzen die Cockpitscheiben und führen im schlimmsten Fall zum totalen Sichtverlust der Piloten.

Dass Vulkanasche ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko für Flugzeuge bedeutet, ist spätestens seit dem 24. Juni 1982 bekannt. Damals geriet eine Linienmaschine der British Airways über Java in eine Wolke aus Vulkanasche, ausgestoßen vom indonesischen Gunung Galunggung. Alle vier Triebwerke fielen aus, das Flugzeug sank etwa 7000 Meter ab. Erst dann gelang es dem Piloten, die Triebwerke wieder zu starten und auf Jakarta notzulanden. Mehrere Dutzend ähnlicher Fälle der letzten 20 Jahre sind dokumentiert, alle ohne Verlust von Menschenleben.

Wie lange der vulkanische Auswurf noch bedrohlich über uns schwebt, ist selbst für Fachleute schwer abzuschätzen. Unter zehn Kilometer Höhe verflüchtigen sich Aschewolken meist innerhalb weniger Tage. Die Partikelkonzentration nimmt stetig ab, Niederschläge waschen die verdünnte Wolke weiter aus. Eine Änderung der Windrichtung könnte die Asche in kurzer Zeit einfach aus Europa verblasen. Anders sieht es freilich aus, wenn der Vulkan kontinuierlich für Nachschub sorgt.

Der zweite Vulkan ist überfällig

Anfang der Woche schien die Aktivität von Eyjafjallajökull zwar nachzulassen. Doch es ist jederzeit möglich, dass sich weitere Spalten öffnen und neue Eruptionen auftreten. Sollte der isländische Vulkan noch länger aktiv bleiben, sind auch Auswirkungen auf das Klima nicht auszuschließen. Vor allem Schwefelverbindungen gelten als Bedrohung, weil sie – eine hinreichend große Menge vorausgesetzt – in der Stratosphäre die Sonneneinstrahlung reduzieren könnten. Solche Befürchtungen nährt auch eine weitere Gefahr.

Dieses besteht in der Möglichkeit, dass der benachbarte Vulkan Katla ebenfalls plötzlich zum Leben erwacht. Drei Mal ist Eyjafjallajökull bisher ausgebrochen, jedes Mal folgte Katla kurz darauf. Weil Katla vollständig unter einer dicken Eisschicht liegt, wäre wohl mit einer besonders explosiven Eruption zu rechnen. Zudem liegt der letzte Ausbruch bereits fast 100 Jahre zurück. Rein statistisch gilt er deshalb als „überfällig“.