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Rosskur Kulturpolitik

Manchmal verstehe ich Robert Menasse nicht. So hat er in der Süddeutschen Österreich zur "Heimat des hinkenden Vergleichs" erklärt, weil man dort die Südsteiermark "steirische Toskana" nenne, es aber niemandem einfiele, die Toskana als "italienische Steiermark" zu bezeichnen. Er rätselt, warum Gouverneur Schwarzenegger hierzulande als "steirische Eiche" apostrophiert wird, wo er, Menasse, in der Steiermark doch noch nie eine Eiche gesehen habe. Ein Dichter also, der mit Metaphern seine liebe Not hat. Einer, der sich dort, wo er nichts zu sagen hat, von der eigenen Brillanz blenden lässt.

Manchmal verstehe ich Robert Menasse jedoch sehr gut. Wenn er nun in der Presse gemeint hat, dass der Kulturpolitiker dieser Regierung aus der Not seiner Isolation in Wiener Künstlerkreisen die - vermeintliche - Tugend eines provinzpäppelnden Programms gemacht habe und es an der Zeit sei, über Kulturpolitik, also Steuergeldverteilung, zu streiten, dann kann Menasse wohl jeder, außer Michael Scharang, folgen. Kulturpolitik wird freilich schon die längste Zeit gemacht: Diese Regierung setzt mit der Privatisierung der Künste und der Künstler nur fort, was die Große Koalition begonnen hat. Die lebensgefährliche Rosskur für das Wiener Literaturhaus - in dem intern vieles im Argen liegt, von dem aber die Autoren, außer Michael Scharang, sehr wohl profitieren - ist kein Kunstfehler, sondern Erziehungsmittel. Wenn Kulturpolitik sich "nur in Diktaturen wirklich entfalten kann" (Scharang im Standard), dann wäre ihr aktueller Entfaltungsgrad bedenklich.

Wer von der öffentlichen Hand weiter Freigebigkeit einfordert, der muss ihr aber auch auf die Finger klopfen, wenn sie, wie in Wien, das Geld aus dem Fenster wirft. Was Karl Welunschek mit dem Rabenhof-Theater aufgeführt hat, ist durch seinen Abgang noch nicht gesühnt.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin in Wien.

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