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Feuilleton

Rotzfrech und unverschämt

1945 1960 1980 2000 2020

Ordnung und Autorität gelten immer noch als suspekt. Dadurch fehlt vielen Eltern der Mut zum "Nein-Sagen" und zu "Machtworten".

1945 1960 1980 2000 2020

Ordnung und Autorität gelten immer noch als suspekt. Dadurch fehlt vielen Eltern der Mut zum "Nein-Sagen" und zu "Machtworten".

Er ist der Song aller Erziehungsromantiker und der Anhänger des grenzenlosen Kinderkults: "Gebt den Kindern das Kommando!" Mit seinem Liedchen vermag Herbert Grönemeyer Alt-Achtundsechzigern noch immer die Wehmutstränen in die Augen zu pressen. Gestreßten Eltern wie Lehrern treibt er allerdings zunehmend den Angstschweiß auf die Stirn. Denn während die einen noch immer ihren Träumen von einer Erziehung fern aller bürgerlichen Zwangsmaßstäbe nachhängen und aus ihren Elfenbeintürmen das "Ende der Erziehung" proklamieren, setzen die anderen auf eine Trendwende: Die Liberalität in der Kindererziehung geht vielen allmählich zu weit.

Jahrzehntelang waren in der Erziehung Begriffe wie Ordnung und Autorität suspekt. Jede Struktur und Regel wurde mit Zwang und Unterdrückung, jede Autorität mit dem Schimpfwort "autoritär" besetzt. Im Erziehungsalltag hat sich nicht selten ein nervendes Herumdiskutieren um alles und jedes entwickelt: Fernsehen, Süßigkeitenkonsum, das tägliche Zähneputzen, Kleidungsfragen, Hausübungen, Ausgeh- und Schlafenszeiten, Rauchen ... alles ist Teil permanenter Verhandlungen geworden. In einer Art Demokratie-Zwang verbannten Eltern jeglichen Mut zum berechtigten "Nein". Mancher Erziehungsratgeber half da noch ein bißchen nach. Die Forderung war, Kinder in jedem Fall als gleichberechtigte Partner der Eltern zu sehen und ließ uns mitunter vergessen, daß Kinder nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten lernen müssen. Allfällige Konflikte mit dem Nachwuchs galt es nach der neuesten Psycho-Mode zu analysieren und mittels Gordons "Niederlage-loser" Methode zu lösen. Streng verpönt: ein elterliches "Machtwort"!

Grenzenlose Freiheit Während in Fachmedien die Kritik an den Erziehungsideologien der letzten Jahrzehnte noch sehr vorsichtig im Pädagogenjargon verschlüsselt wird, hat in der breiten Öffentlichkeit eine unverblümt offene Abrechnung mit ihren Auswüchsen eingesetzt: So erklärte die Süddeutsche Zeitung neulich das Gerede um das "Zauberwort Autonomie" in der Kindererziehung zur "Sprechblase aus der ideologischen Waffenkammer der siebziger Jahre". Unter der Flagge der Autonomie hätten die Kinder vieler Familien nämlich längst die Regierung übernommen, wobei die Regierungsform in Richtung Terrorregime tendiere. Resümee: "Die Rotzfreche Armee Fraktion sagt, wo's langgeht. Ihre Bedürfnisse haben immer Vorrang."

Als Kinderpsychologe würde man mit derlei Formulierungen naturgemäß gegen sämtliche Tabus der Zunft verstoßen. Deshalb, um nicht mißverstanden zu werden: Man sollte auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen - in einem vertretbaren Maße. Und keineswegs kann man ein Terrorregime der Erwachsenen, der Eltern und Lehrer gutheißen, auch nicht die Anwendung psychischer oder physischer Gewalt! Aber: Wenn vor 20 bis 30 Jahren noch eine übermäßig einengende, autoritäre Erziehung Kinder in ihrer Entwicklung oftmals massiv beeinträchtigte, so geschieht dies heute - wie der Kinderpsychiater und Autor Wilhelm Rotthaus bestätigt - vorwiegend dadurch, daß sie durch die erzieherische Unsicherheit und Resignation der Erwachsenen kaum noch Werte und Grenzen erleben. Deshalb tun sich in der Kinder- und Jugendszene neuerdings Abgründe auf.

Obwohl sich die Zahl professioneller psychologischer Helfer und Beratungsdienste vervielfacht hat, kommen nebst einem 20 Prozentanteil lern- und verhaltensschwieriger Kinder immer noch gravierendere Phänomene ins Blickfeld: Kinderkriminalität, Kinder, die andere quälen, verletzen oder gar töten. Nicht nur in großen deutschen Schulen, auch hierzulande sind Raub und Erpressung keine Seltenheit, in der Konfliktaustragung herrscht eine bislang noch nie erlebte Brutalität.

In Fachkreisen herrscht Einigkeit darüber, daß es sich bei alledem nicht nur um eine vorübergehende Krise handelt. Allerdings zögern viele noch, sich einzugestehen, daß ein entscheidender Grund im Versagen der Erziehung liegt. Daß es sich rächt, wenn Kindern die Erfahrung von Grenzen verwehrt wird, diese Feststellung gilt unter manchen Experten noch immer als unseriös.

Zu viel Laisser-faire Die Signale einer pädagogischen Trendwende sind inzwischen unüberhörbar, ob in Politikeräußerungen oder Umfragen. Der deutsche Präsident Herzog sieht sich veranlaßt, Eltern vor zu viel gewährenlassendem Laisser-faire zu warnen. Er befürchtet, daß die Schule zum Reparaturbetrieb für alle Erziehungsdefizite wird und zur "Kuschelecke" verkommt. Er mahnt zu Tugenden wie Verläßlichkeit, Pünktlichkeit und Disziplin, vor allem aber Respekt vor dem Nächsten. Und wie zu erwarten wertet der deutsche Arbeitgeberpräsident die Pädagogik der siebziger und achtziger Jahre als leistungsfeindliche "Schmusepädagogik" ab. Fernab derartiger politischer Brandreden markieren Umfragedaten das Ausmaß der Trendwende. Vier von fünf Befragten glauben, daß Kinder in den letzten zehn Jahren zu liberal erzogen worden sind. Alarmierendstes Ergebnis: 90 Prozent der Bevölkerung halten die Ohrfeige (wieder) für eine angemessene Erziehungsmaßnahme!

Null Toleranz Unter dem Eindruck ausufernder Aggressionen Heranwachsender wird die Wiedereinführung geschlossener Anstalten, sogenannter Erziehungsheime gefordert. Das Konzept "zero-tolerance" - bei geringfügigsten Vergehen Jugendlicher in amerikanischen Großstädten angeblich bewährt - wird medial hochgejubelt. Mit dem Ziel, die Entschiedenheit und klare Grenzsetzung der Erwachsenenwelt zu dokumentieren, fordern Experten der deutschen Bundesregierung freiheitsentziehende Maßnahmen, und es gibt Diskussionen über die Herabsetzung der Strafmündigkeit.

Ohne Zweifel, die Erziehungs- und Bildungsdogmen der siebziger Jahre fallen reihenweise. Eine Generation steht resigniert vor den Bruchstücken ihrer Erziehungsideale. Nach leidvollen pädagogischen Irrwegen ist sie dabei, sich von der Doktrin der grenzenlos offenen Güte und Kindorientierung ebenso zu verabschieden, wie von der schönen Vision einer völlig repressionsfreien Erziehung. Bereichert um die Erfahrung, daß absolute Demokratie und Gleichheit in Familie und Schule nur allzuoft im erzieherischen Vakuum einer - wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck formuliert - "wohlmeinenden Leere" endet.

Da überrascht wenig, daß gerade ein Elternratgeber des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul zum Bestseller wird. Pragmatisch und fern aller basisdemokratischen Ideologien rät er entschieden davon ab, weiter dem Credo der kindlichen Gleichberechtigung zu huldigen: "In der Eltern-Kind-Beziehung gibt es keine Demokratie, dem Kind dürfen nicht Entscheidungen zugemutet werden, für die es noch nicht reif ist." Die Forderung nach mehr elterlichem Mut zu Erziehung, Autorität und Werten kommt auch vom amerikanischen Publizisten Robert Bly. Er rechnet mit Eltern (vor allem mit den Vätern!) ab, die weggetaucht sind und ihre Kinder weitgehend sich selbst und den Medien und damit einer Computerkultur überlassen, die dazu führt, daß sie nur noch im Schema von Input und Output denken und keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen haben.

Nur mehr Spaß zählt Auch der Schule wird in vielerlei Hinsicht zur Trendumkehr geraten. Der Amerikaner Paul Goodman spricht plakativ davon, daß die Schule längst zum "great babysitting" degeneriert ist. Wie die deutsche Pädagogin Frech-Becker rät auch er, endlich mit den Auswüchsen einer verordneten Spiel- und Spaßschule abzurechnen, in der alle Sorge dem sozialen Miteinander gilt, die Vermittlung von Wissen aber hintenan steht. Zeit, sich von einer Schule zu verabschieden, die den Lehrer unter Mißachtung der Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit zum zweitklassigen Fernsehmoderator, Spektakel-Referenten, Elternersatz oder Therapeuten verpflichtet und zeitgeistige Pädagogikmoden zum Dogma erhebt.

Bei aller Berechtigung der Kritik an Auswüchsen, so ist der gegenwärtigen Trendwende in der Pädagogik dennoch mit Vorsicht zu begegnen! Die Gefahr ist groß, daß mit pauschalierenden Politiker- oder Publizistenphrasen alle pädagogischen und lernpsychologischen Erkenntnisse und Bemühungen der letzten Zeit heruntergemacht werden. Erziehung und Schule dürfen sich auch künftig nicht einseitig nur an Effizienz, Leistung und Arbeitsmarkt orientieren. Erziehung braucht Schonräume!

Dennoch, was die Trendwende deutlich anzeigt, das ist ein zunehmendes Bedürfnis nach mehr Stabilität, Kontinuität und klareren Verhältnissen in der Beziehung zu Kindern. Die Entwicklung ist Signal für eine Sehnsucht nach Werten. In dieser Situation scheinen Denkanstöße - beispielsweise vorgebracht von Goebel und Clermont - wenig zielführend. Denn sie setzen gegen den laufenden Trend auf eine "Gemeinschaft ohne Moral" und halten einen Konsens allgemein anerkannter Werte erst gar nicht mehr für erstrebenswert. Eltern werden sich vermutlich schwertun, ihrer Aufforderung zu folgen, aus ihrer Not in Erziehungsfragen die "Tugend der Orientierungslosigkeit" zu machen.

Damit ist nicht Partei bezogen für ein Zurück zum autoritären Aufplustern der Erwachsenen unter dem undifferenziert-dumpfen Motto von "mehr Härte und Strenge". Bevormundung, Zwang und autoritär-fremdbestimmter Umgang mit Heranwachsenden sind passe!

Ein klares Ja zur Kurskorrektur in Sachen Erziehung allerdings dann, wenn sie mehr aktive Präsenz für Kinder bringt, mehr Zeit und Nähe, mehr wohlüberlegte und liebevolle Klarheit, Verläßlichkeit und Konsequenz. Aber auch dieses: Streitfähigkeit, Mut zum Nein und zum bewußten Aufzeigen von Grenzen.

Natürliche Autorität ist wieder gefragt - Eltern und Lehrer mit Ecken und Kanten sind wieder "in"!

Literarturtips Erziehung, schwere Last.

SPIEGEL special 12/1997: Die Gesellschaft verstößt ihre Kinder.

Aanderud Catharina. Hamburg 1995.

Kinder der Freiheit, Beck Ulrich (Hg.). Frankfurt 1997.

Die kindliche Gesellschaft.

Bly Robert: München 1996.

Das Ende der Erziehung.

Giesecke Hermann. Stuttgart 1995.

Die Tugend der Orientierungslosigkeit.

Goebel Joh., Clermont Christoph: Berlin 1997.

Das kompetente Kind.

Juul Jesper. Hamburg 1997.

Der kleine Tyrann.

Prekop Jrina. München 1997.

Kinder brauchen Grenzen.

Rogge Jan-Uwe.Reinbeck 1997.

Wozu erziehen?

Rotthaus, Wilhelm.Heidelberg 1998.

Mut zur Erziehung.

Zeltner Eva. München 1997.

Er ist der Song aller Erziehungsromantiker und der Anhänger des grenzenlosen Kinderkults: "Gebt den Kindern das Kommando!" Mit seinem Liedchen vermag Herbert Grönemeyer Alt-Achtundsechzigern noch immer die Wehmutstränen in die Augen zu pressen. Gestreßten Eltern wie Lehrern treibt er allerdings zunehmend den Angstschweiß auf die Stirn. Denn während die einen noch immer ihren Träumen von einer Erziehung fern aller bürgerlichen Zwangsmaßstäbe nachhängen und aus ihren Elfenbeintürmen das "Ende der Erziehung" proklamieren, setzen die anderen auf eine Trendwende: Die Liberalität in der Kindererziehung geht vielen allmählich zu weit.

Jahrzehntelang waren in der Erziehung Begriffe wie Ordnung und Autorität suspekt. Jede Struktur und Regel wurde mit Zwang und Unterdrückung, jede Autorität mit dem Schimpfwort "autoritär" besetzt. Im Erziehungsalltag hat sich nicht selten ein nervendes Herumdiskutieren um alles und jedes entwickelt: Fernsehen, Süßigkeitenkonsum, das tägliche Zähneputzen, Kleidungsfragen, Hausübungen, Ausgeh- und Schlafenszeiten, Rauchen ... alles ist Teil permanenter Verhandlungen geworden. In einer Art Demokratie-Zwang verbannten Eltern jeglichen Mut zum berechtigten "Nein". Mancher Erziehungsratgeber half da noch ein bißchen nach. Die Forderung war, Kinder in jedem Fall als gleichberechtigte Partner der Eltern zu sehen und ließ uns mitunter vergessen, daß Kinder nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten lernen müssen. Allfällige Konflikte mit dem Nachwuchs galt es nach der neuesten Psycho-Mode zu analysieren und mittels Gordons "Niederlage-loser" Methode zu lösen. Streng verpönt: ein elterliches "Machtwort"!

Grenzenlose Freiheit Während in Fachmedien die Kritik an den Erziehungsideologien der letzten Jahrzehnte noch sehr vorsichtig im Pädagogenjargon verschlüsselt wird, hat in der breiten Öffentlichkeit eine unverblümt offene Abrechnung mit ihren Auswüchsen eingesetzt: So erklärte die Süddeutsche Zeitung neulich das Gerede um das "Zauberwort Autonomie" in der Kindererziehung zur "Sprechblase aus der ideologischen Waffenkammer der siebziger Jahre". Unter der Flagge der Autonomie hätten die Kinder vieler Familien nämlich längst die Regierung übernommen, wobei die Regierungsform in Richtung Terrorregime tendiere. Resümee: "Die Rotzfreche Armee Fraktion sagt, wo's langgeht. Ihre Bedürfnisse haben immer Vorrang."

Als Kinderpsychologe würde man mit derlei Formulierungen naturgemäß gegen sämtliche Tabus der Zunft verstoßen. Deshalb, um nicht mißverstanden zu werden: Man sollte auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen - in einem vertretbaren Maße. Und keineswegs kann man ein Terrorregime der Erwachsenen, der Eltern und Lehrer gutheißen, auch nicht die Anwendung psychischer oder physischer Gewalt! Aber: Wenn vor 20 bis 30 Jahren noch eine übermäßig einengende, autoritäre Erziehung Kinder in ihrer Entwicklung oftmals massiv beeinträchtigte, so geschieht dies heute - wie der Kinderpsychiater und Autor Wilhelm Rotthaus bestätigt - vorwiegend dadurch, daß sie durch die erzieherische Unsicherheit und Resignation der Erwachsenen kaum noch Werte und Grenzen erleben. Deshalb tun sich in der Kinder- und Jugendszene neuerdings Abgründe auf.

Obwohl sich die Zahl professioneller psychologischer Helfer und Beratungsdienste vervielfacht hat, kommen nebst einem 20 Prozentanteil lern- und verhaltensschwieriger Kinder immer noch gravierendere Phänomene ins Blickfeld: Kinderkriminalität, Kinder, die andere quälen, verletzen oder gar töten. Nicht nur in großen deutschen Schulen, auch hierzulande sind Raub und Erpressung keine Seltenheit, in der Konfliktaustragung herrscht eine bislang noch nie erlebte Brutalität.

In Fachkreisen herrscht Einigkeit darüber, daß es sich bei alledem nicht nur um eine vorübergehende Krise handelt. Allerdings zögern viele noch, sich einzugestehen, daß ein entscheidender Grund im Versagen der Erziehung liegt. Daß es sich rächt, wenn Kindern die Erfahrung von Grenzen verwehrt wird, diese Feststellung gilt unter manchen Experten noch immer als unseriös.

Zu viel Laisser-faire Die Signale einer pädagogischen Trendwende sind inzwischen unüberhörbar, ob in Politikeräußerungen oder Umfragen. Der deutsche Präsident Herzog sieht sich veranlaßt, Eltern vor zu viel gewährenlassendem Laisser-faire zu warnen. Er befürchtet, daß die Schule zum Reparaturbetrieb für alle Erziehungsdefizite wird und zur "Kuschelecke" verkommt. Er mahnt zu Tugenden wie Verläßlichkeit, Pünktlichkeit und Disziplin, vor allem aber Respekt vor dem Nächsten. Und wie zu erwarten wertet der deutsche Arbeitgeberpräsident die Pädagogik der siebziger und achtziger Jahre als leistungsfeindliche "Schmusepädagogik" ab. Fernab derartiger politischer Brandreden markieren Umfragedaten das Ausmaß der Trendwende. Vier von fünf Befragten glauben, daß Kinder in den letzten zehn Jahren zu liberal erzogen worden sind. Alarmierendstes Ergebnis: 90 Prozent der Bevölkerung halten die Ohrfeige (wieder) für eine angemessene Erziehungsmaßnahme!

Null Toleranz Unter dem Eindruck ausufernder Aggressionen Heranwachsender wird die Wiedereinführung geschlossener Anstalten, sogenannter Erziehungsheime gefordert. Das Konzept "zero-tolerance" - bei geringfügigsten Vergehen Jugendlicher in amerikanischen Großstädten angeblich bewährt - wird medial hochgejubelt. Mit dem Ziel, die Entschiedenheit und klare Grenzsetzung der Erwachsenenwelt zu dokumentieren, fordern Experten der deutschen Bundesregierung freiheitsentziehende Maßnahmen, und es gibt Diskussionen über die Herabsetzung der Strafmündigkeit.

Ohne Zweifel, die Erziehungs- und Bildungsdogmen der siebziger Jahre fallen reihenweise. Eine Generation steht resigniert vor den Bruchstücken ihrer Erziehungsideale. Nach leidvollen pädagogischen Irrwegen ist sie dabei, sich von der Doktrin der grenzenlos offenen Güte und Kindorientierung ebenso zu verabschieden, wie von der schönen Vision einer völlig repressionsfreien Erziehung. Bereichert um die Erfahrung, daß absolute Demokratie und Gleichheit in Familie und Schule nur allzuoft im erzieherischen Vakuum einer - wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck formuliert - "wohlmeinenden Leere" endet.

Da überrascht wenig, daß gerade ein Elternratgeber des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul zum Bestseller wird. Pragmatisch und fern aller basisdemokratischen Ideologien rät er entschieden davon ab, weiter dem Credo der kindlichen Gleichberechtigung zu huldigen: "In der Eltern-Kind-Beziehung gibt es keine Demokratie, dem Kind dürfen nicht Entscheidungen zugemutet werden, für die es noch nicht reif ist." Die Forderung nach mehr elterlichem Mut zu Erziehung, Autorität und Werten kommt auch vom amerikanischen Publizisten Robert Bly. Er rechnet mit Eltern (vor allem mit den Vätern!) ab, die weggetaucht sind und ihre Kinder weitgehend sich selbst und den Medien und damit einer Computerkultur überlassen, die dazu führt, daß sie nur noch im Schema von Input und Output denken und keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen haben.

Nur mehr Spaß zählt Auch der Schule wird in vielerlei Hinsicht zur Trendumkehr geraten. Der Amerikaner Paul Goodman spricht plakativ davon, daß die Schule längst zum "great babysitting" degeneriert ist. Wie die deutsche Pädagogin Frech-Becker rät auch er, endlich mit den Auswüchsen einer verordneten Spiel- und Spaßschule abzurechnen, in der alle Sorge dem sozialen Miteinander gilt, die Vermittlung von Wissen aber hintenan steht. Zeit, sich von einer Schule zu verabschieden, die den Lehrer unter Mißachtung der Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit zum zweitklassigen Fernsehmoderator, Spektakel-Referenten, Elternersatz oder Therapeuten verpflichtet und zeitgeistige Pädagogikmoden zum Dogma erhebt.

Bei aller Berechtigung der Kritik an Auswüchsen, so ist der gegenwärtigen Trendwende in der Pädagogik dennoch mit Vorsicht zu begegnen! Die Gefahr ist groß, daß mit pauschalierenden Politiker- oder Publizistenphrasen alle pädagogischen und lernpsychologischen Erkenntnisse und Bemühungen der letzten Zeit heruntergemacht werden. Erziehung und Schule dürfen sich auch künftig nicht einseitig nur an Effizienz, Leistung und Arbeitsmarkt orientieren. Erziehung braucht Schonräume!

Dennoch, was die Trendwende deutlich anzeigt, das ist ein zunehmendes Bedürfnis nach mehr Stabilität, Kontinuität und klareren Verhältnissen in der Beziehung zu Kindern. Die Entwicklung ist Signal für eine Sehnsucht nach Werten. In dieser Situation scheinen Denkanstöße - beispielsweise vorgebracht von Goebel und Clermont - wenig zielführend. Denn sie setzen gegen den laufenden Trend auf eine "Gemeinschaft ohne Moral" und halten einen Konsens allgemein anerkannter Werte erst gar nicht mehr für erstrebenswert. Eltern werden sich vermutlich schwertun, ihrer Aufforderung zu folgen, aus ihrer Not in Erziehungsfragen die "Tugend der Orientierungslosigkeit" zu machen.

Damit ist nicht Partei bezogen für ein Zurück zum autoritären Aufplustern der Erwachsenen unter dem undifferenziert-dumpfen Motto von "mehr Härte und Strenge". Bevormundung, Zwang und autoritär-fremdbestimmter Umgang mit Heranwachsenden sind passe!

Ein klares Ja zur Kurskorrektur in Sachen Erziehung allerdings dann, wenn sie mehr aktive Präsenz für Kinder bringt, mehr Zeit und Nähe, mehr wohlüberlegte und liebevolle Klarheit, Verläßlichkeit und Konsequenz. Aber auch dieses: Streitfähigkeit, Mut zum Nein und zum bewußten Aufzeigen von Grenzen.

Natürliche Autorität ist wieder gefragt - Eltern und Lehrer mit Ecken und Kanten sind wieder "in"!

Literarturtips Erziehung, schwere Last.

SPIEGEL special 12/1997: Die Gesellschaft verstößt ihre Kinder.

Aanderud Catharina. Hamburg 1995.

Kinder der Freiheit, Beck Ulrich (Hg.). Frankfurt 1997.

Die kindliche Gesellschaft.

Bly Robert: München 1996.

Das Ende der Erziehung.

Giesecke Hermann. Stuttgart 1995.

Die Tugend der Orientierungslosigkeit.

Goebel Joh., Clermont Christoph: Berlin 1997.

Das kompetente Kind.

Juul Jesper. Hamburg 1997.

Der kleine Tyrann.

Prekop Jrina. München 1997.

Kinder brauchen Grenzen.

Rogge Jan-Uwe.Reinbeck 1997.

Wozu erziehen?

Rotthaus, Wilhelm.Heidelberg 1998.

Mut zur Erziehung.

Zeltner Eva. München 1997.