Ruhm, der erschreckt

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Herbert von Karajan, charismatischer Dirigent und Geschäftsgenie, starb vor zehn Jahren.

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Herbert von Karajan, charismatischer Dirigent und Geschäftsgenie, starb vor zehn Jahren.

Ein solcher Ruhm erschreckt", sagte einmal Deutschlands Kritikerdoyen Joachim Kaiser, als er vor der Aufgabe stand, anläßlich einer Preisverleihung an Herbert von Karajan dessen "Berühmtheit" zu analysieren. Tatsächlich hatten Umfrageergebnisse belegt, daß Karajan damals, im Zenit seiner künstlerischen Entfaltung und seines kulturpolitischen Einflusses, "prominenter war als der Erzbischof von Wien, als Bundeskanzler und Olympiasieger und gar als Otto von Habsburg".

Durchforstet man nun anläßlich des 10. Todestages - Karajan starb am 16. Juli 1989 in Salzburg - die Karajan-Archive, kommt man nicht aus dem Staunen. Zuerst einmal über die Berge von Material und Biografien, die sich alle in Lobpreisungen des "Wunders Karajan" ergehen - oder dieses mit rüder Heftigkeit zausen, aber auch über eine unerschöpfliche Fülle von Histörchen zum Gesellschaftsidol Karajan. Zum zweiten aber darüber, wie "der Chef" - so nannten ihn Freunde und Mitarbeiter am liebsten - in den Glanzzeiten seines Imperiums die Musikwelt zu befehligen wußte: Zuerst in dem Dreieck Mailand, Wien, Berlin, zu dem dann sogar kurzfristig die New Yorker Metropolitan Opera kam, dann als Mediengigant, der in der Platten-, CD- und Video-Industrie von seinem Stützpunkt Monte Carlo aus neue Maßstäbe der Medienpolitik setzte. Nicht von ungefähr machte ein Witz die Kultfigur Karajan noch populärer als sie ohnedies immer war: Karajan kommt zu spät zu einem Flugzeug. Großes Bedauern. Doch Karajan meint nur, er könne ja gleich die nächste abgehende Maschine nehmen. "Ich habe überall zu tun!"

Klangrevolutionen Was war das Faszinosum, das Karajan so weit über die meisten seiner Kollegen hinaushob? Man merkte es in jeder seiner Proben, die man miterleben konnte, in seinen legendären Konzerten und Opernaufführungen, in der Art, wie ökonomisch er seiner musikalischen Wahrheit nahezukommen versuchte und inszenierte, wie er dem Stil seiner Zeit seine unglaublich sachliche Modernität entgegenstellte. Er hat damit zwischen 1938 und 1960 (Klang- und Hör-)Revolutionen ausgelöst - was viele damals nicht wahrhaben wollten, was heute aber gar nicht aus unserer Musikrezeption wegzudenken ist.

Modern war er aber auch in der Pragmatik seines Denkens und seiner Arbeit, in der praktischen Organisation seines Musizierens und des Musiklebens. Seine Ökonomie machte Schule, wie er etwa für seine Salzburger Osterfestspiele mit seinen Berliner Philharmonikern in Berlin Wagner vorprobte, das Produkt konzertant präsentierte und auf Tonträger aufzeichnen ließ, sodaß die Werke bei den Festspielen bereits verwertet werden konnten.

Doch diese moderne Ökonomie des Arbeitens, die neue Qualitätskriterien schuf, wurde auch kommerziell weitergedacht: Denn die Künstler der Produktion wurden von einem eigenen Karajan-Büro engagiert; und der Maestro selbst war der "Übermanager" dieses Imperiums, dessen Sitz, anfangs in Liechtenstein, steuerschonende Wirkung hatte. Was selbstverständlich zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Subventionspolitik der österreichischen Kulturverwaltung führen mußte. Doch auch da setzte der Erfolgverwöhnte dank eines nur schwer faßbaren Charismas bei Politikern seinen Willen durch.

Charisma und unbändiger Ehrgeiz waren wohl die Antriebskräfte, die ihm von Anfang an zu einer kometenhaften Karriere den Weg wiesen. Am 5. April 1908 wurde er in Salzburg als Sohn eines Chirurgen geboren; mit neun debütierte er als Pianist; vom Studium an der Technischen Hochschule wechselte er an die Wiener Musikhochschule und Universität. 1927 debütierte er in Salzburg mit "Fidelio". Bis 1934 war er in Ulm Korrepetitor, städtischer Kapellmeister und zuletzt Opernchef - und daneben Assistent von Richard Strauss und Arturo Toscanini; 1934 leitete er zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker.

Ab 1937 dirigierte er an der Berliner Staatsoper: die Geburtsstunde des Mythos vom "Wunder Karajan"! Schwierigkeiten, die ihm seine NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bereiteten - 1946 wurde ein Wiener Konzert von der amerikanischen Besatzungsmacht verboten -, wurden überwunden. 1948 durfte er bei den Salzburger Festspielen auftreten: Der Grundstein für die folgenden Erfolge, die Karajan nach Mailand, Buenos Aires, Covent Garden, zu den Festspielen von Edinburgh, Salzburg und Luzern führten. Bereits 1949 wurde er Konzertdirektor der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde auf Lebenszeit.

Tausendsassa Karajan Marksteine wurden das Bach-Fest 1950 in Wien, der "Rosenkavalier" der Mailänder Scala 1951, die Wiedereröffnung in Bayreuth mit Wieland Wagner 1951; 1954 - nach Wilhelm Furtwänglers Tod - erfolgte die Ernennung zum künstlerischen Leiter der Berliner Philharmoniker auf Lebenszeit. Im März 1956 wurde er künstlerischer Oberleiter der Salzburger Festspiele, 1957 löste er Karl Böhm als Direktor der Wiener Staatsoper ab und versammelte hier die Weltelite der Sänger. Bereits 1960 schied er in Salzburg als Leiter aus, 1964 in Wien. Die großen Staatsapparate konnten seine in jeder Hinsicht radikalen Forderungen und Ansprüche nicht mehr erfüllen. Das war ein Hauptgrund, daß Karajan - ein Künstler mit einem fast unüberschaubar riesigen Repertoire, das er fast durchwegs auswendig beherrschte - 1967 sein eigenes Festival gründete: die Salzburger Osterfestspiele. 1977 begrub er endlich die Differenzen mit der Wiener Staatsoper und dirigierte wieder: "Troubadour", "Figaro" und "Don Carlo".

Die "Götterdämmerung" im Karajan-Imperium begann 1982, als er nach fast 30jähriger Zusammenarbeit mit seinen "Berlinern" einen Orchesterkrieg vom Zaun brach, an dessen Ende der totale Bruch und eine Absage der Salzburger Pfingstfestkonzerte stand. 1988 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen - schwere Bandscheibenschäden - mit einer Osterfestspiel-"Tosca" aus dem Direktorium der Salzburger Festspiele zurück. Das Ende der Ära Karajan war gekommen.

Selbstverständlich hatte das Geschäftsgenie sein Osterfestival auch als Basisstation für seine Platteneinspielungen - heute an die 200 Millionen Schallplatten bei mehr als 1.000 Aufnahmen - genützt; er stellte Fernsehen und Film, Video und Bildplatten in den Dienst seiner Musik und trug seine Ideen sogar in Weltfirmen wie Sony.

Überblickt man das Wirken Karajans in seinem letzten Lebensjahrzehnt, so fällt auf, daß er vor allem einen Wunsch hatte: Er machte sich mit seinen Produktionen auf den Weg, auch zu Menschen zu gelangen, die nie in die exklusiven Musentempel seiner Festspielstätten gelangen würden. Joachim Kaiser nannte das "ein Verdienst Karajanscher Beharrlichkeit". Tatsächlich war es sein Versuch, sich wenn schon keinen Ewigkeitsanspruch, so doch einen Anspruch auf ein künstlerisches Überleben im nächsten Jahrhundert zu sichern. Oder wie er es mir einmal bei Orchesterproben in der Berliner Deutschland-Halle sagte: "Ich fürchte in der nächsten Generation könne das, was wir in 25 Jahren geschaffen haben, Schall und Rauch sein, wenn es uns nicht gelingt, für die Nachkommenden alles in Film zu dokumentieren." Und mit einem Schmunzeln fügte er hinzu: "Ich würde mich gern für hundert Jahre einfrieren lassen, um dann neue Erfahrungen machen zu können."

Karajan hat mit seinem Ringen um sein Vermächtnis Recht behalten: Die Verkaufszahlen seiner Klangdokumente schlagen auch heue noch alle Klassik-Rekorde!

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