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Feuilleton

Russische Maler in freier Wildbahn

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wege der postsowjetischen, Post-Dissidenten

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wege der postsowjetischen, Post-Dissidenten

Lang hatten russische Maler im Westen einen Dissidentenbonus. Da sie unterdrückt wurden, nahm man es im Westen mit der künstlerischen Qualität nicht so genau. Damit ging es ab dem Zusammenbruch der Sowjetunion rasant zu Ende. Heute können die russischen Maler malen wie sie wollen und die russischen Bildhauer die Plastiken schaffen, die ihnen vorschweben. Aber wenn sie davon leben wollen, müssen sie sich in der freien Wildbahn behaupten. Die freie Wildbahn hört auf den Namen Markt. Und der Kunstmarkt ist so unbarmherzig wie der Aktien- oder der Realitätenmarkt. Dabei sondert sich die Spreu vom Weizen.

Vor uns liegt ein neues Buch aus dem Wienand-Verlag: "Das rote Haus - Zeitgenössische russische Kunst aus der Sammlung Bierfreund". Noch sind die Bestände öffentlicher Museen teils lückenhaft, teils nicht auf letztem Stand. Noch bieten private Sammlungen den besten Überblick.

Die Sammlung Ulrike und Bernd Bierfreund genießt dabei einen Sonderstatus. Die Sammler beschränkten sich weder auf eine bestimmte Kunstrichtung noch auf in Russland lebende Künstler. Ein Teil von ihnen lebt seit langem im Westen. Der zentrale Künstler der Sammlung, der 1957 in Moskau geborene Maksim Kantor, wohnt und arbeitet abwechselnd in Moskau und westeuropäischen Städten und zeitweise auch in den USA. Seine Familie dachte liberal, unterlag aber keinen Repressionen. Kantors Vater, Gründer und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift "Dekorativnoe Iskusstvo", hat wohl einfach das Beste aus den Verhältnissen gemacht. Obwohl Maksim Kantor, der zunächst als Buchillustrator tätig war, bereits 1984 die Künstlergruppe "Das rote Haus" gründete, ist er sozusagen ein Post-Dissident, ein Künstler, der seine Inspiration und Identität nicht mehr aus Widerstand und Unterdrückung schöpft. Nichtsdestoweniger könnte seine Kunstauffassung direkt von Dostojewski stammen. Anlässlich seiner ersten Einzelausstellung im Museum der Stadt Bochum 1992 schrieb er: "Das Wesentliche in der Kunst ist der Mensch. Das Wesentliche im Menschen ist sein Leiden, denn nur dadurch wird der Mensch zum Menschen."

Auch die Sammlung Bierfreund entstand "post-dissident". Die Werke wurden nicht mehr unter widrigen, konspirativen und mitunter riskanten Umständen vor Ort zusammengetragen, sondern im Westen angekauft. Ihre Bedeutung wird durch den Umstand erhöht, dass es Vergleichbares in Russland nicht gibt. In der sowjetischen Ära kauften die Museen nur die heute zum Großteil stark "wertberichtigte" offizielle, konformistische und erstarrte Kunst des "Sozialistischen Realismus". Selbst wo Gespür und Sachverstand vorhanden waren, waren sie durch die Restriktionen lange daran gehindert, Dissidentenkunst anzukaufen, so lange sie für sie erschwinglich war. Das Verhältnis der Machthaber zur Kunst war zwiespältig. 1974, auf dem Höhepunkt der Repression, ließ das KGB eine nonkonformistische Freiluft-Ausstellung mit Bulldozern niederwalzen, im Ausland durften die Werke gezeigt werden.

Die Übergangszeit, in der die Sowjetunion noch existierte, aber "Die andere Kunst" (Titel einer Ausstellung in der Moskauer Tretjakow-Galerie im Jahre 1991) auch in Russland bereits zur Kenntnis genommen werden durfte, war kurz und chaotisch. Den Fachleuten in den Museen fehlte es an Geld und noch mehr an Knowhow. In der nachsowjetischen Ära verfügten sie über immer mehr Sachverstand und immer weniger Geld. Die bedeutendste Sammlung "Anderer Kunst", das Moskauer Caricyno-Museum, hat noch immer kein Haus. Und unter den neuen Reichen fand sich bisher keiner, der mit entsprechendem Einsatz in Eigenregie eine "russische Sammlung Leopold" aufgebaut hätte.

Kein Wunder also, wenn ein Großteil der Hauptwerke neuer und anderer Kunst heute im Ausland ist. Eines Tages wird man den internationalen Sammlern wohl vorwerfen, Russland "ausgebeutet" zu haben. Sammler, die billig erworbene alte Kunst ausführen, könnte man dessen vielleicht anklagen. Die Sammler neuer Kunst aber haben ja die Entstehung der Werke, die sie erwerben, als Mäzene erst ermöglicht. Kein Maler kann malen, wenn niemand seine Bilder zu annehmbarem Preis kauft.

Was aber das Buch über die Sammlung Bierfreund betrifft: Einen so eindrucksvollen Überblick über Strömungen russischer Kunst wird man schwerlich anderswo finden. Nicht "die" Strömungen, denn jeder Sammler hat seine Präferenzen. Aber doch über so viele. Wobei sich zeigt, wie eigenständig sich die russische Kunst heute entwickelt und wie viel Eindrucksvolles sie hervorbringt.

Die abgebildeten Werke stammen von fast drei Dutzend Künstlern, darunter Eduard Steinberg, Komar & Melamid und Aleksandr Kosolapov. Sie stehen für "Soz Art", "Moskauer Konzeptualisten", "Nonkonformisten" und andere Richtungen, in die Hans-Peter Riese kompetent einführt. Wobei man Bierfreund dazu gratulieren kann, dass er sich besonders auf Maksim Kantor konzentriert. Dessen Bilder zählen zum Eindrucksvollsten, was die postsowjetische, post-dissidente russische Kunst hervorbringt. Hier zeichnet sich ein Lebenswerk ab, das Bestand haben wird.

Die Texte sind deutsch, englisch und russisch gedruckt. Der Status eines Standardwerkes über russische Kunst heute und in jüngster Vergangenheit ist diesem Werk sicher.

Das Rote Haus. Zeitgenössische Kunst aus der Sammlung Bierfreund.

Von Hans- Peter Riese, Wienand Verlag, Köln 2000, 236 Seiten, viele Abbildungen und Tafeln, geb., öS 715,- / e 51,96

Lang hatten russische Maler im Westen einen Dissidentenbonus. Da sie unterdrückt wurden, nahm man es im Westen mit der künstlerischen Qualität nicht so genau. Damit ging es ab dem Zusammenbruch der Sowjetunion rasant zu Ende. Heute können die russischen Maler malen wie sie wollen und die russischen Bildhauer die Plastiken schaffen, die ihnen vorschweben. Aber wenn sie davon leben wollen, müssen sie sich in der freien Wildbahn behaupten. Die freie Wildbahn hört auf den Namen Markt. Und der Kunstmarkt ist so unbarmherzig wie der Aktien- oder der Realitätenmarkt. Dabei sondert sich die Spreu vom Weizen.

Vor uns liegt ein neues Buch aus dem Wienand-Verlag: "Das rote Haus - Zeitgenössische russische Kunst aus der Sammlung Bierfreund". Noch sind die Bestände öffentlicher Museen teils lückenhaft, teils nicht auf letztem Stand. Noch bieten private Sammlungen den besten Überblick.

Die Sammlung Ulrike und Bernd Bierfreund genießt dabei einen Sonderstatus. Die Sammler beschränkten sich weder auf eine bestimmte Kunstrichtung noch auf in Russland lebende Künstler. Ein Teil von ihnen lebt seit langem im Westen. Der zentrale Künstler der Sammlung, der 1957 in Moskau geborene Maksim Kantor, wohnt und arbeitet abwechselnd in Moskau und westeuropäischen Städten und zeitweise auch in den USA. Seine Familie dachte liberal, unterlag aber keinen Repressionen. Kantors Vater, Gründer und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift "Dekorativnoe Iskusstvo", hat wohl einfach das Beste aus den Verhältnissen gemacht. Obwohl Maksim Kantor, der zunächst als Buchillustrator tätig war, bereits 1984 die Künstlergruppe "Das rote Haus" gründete, ist er sozusagen ein Post-Dissident, ein Künstler, der seine Inspiration und Identität nicht mehr aus Widerstand und Unterdrückung schöpft. Nichtsdestoweniger könnte seine Kunstauffassung direkt von Dostojewski stammen. Anlässlich seiner ersten Einzelausstellung im Museum der Stadt Bochum 1992 schrieb er: "Das Wesentliche in der Kunst ist der Mensch. Das Wesentliche im Menschen ist sein Leiden, denn nur dadurch wird der Mensch zum Menschen."

Auch die Sammlung Bierfreund entstand "post-dissident". Die Werke wurden nicht mehr unter widrigen, konspirativen und mitunter riskanten Umständen vor Ort zusammengetragen, sondern im Westen angekauft. Ihre Bedeutung wird durch den Umstand erhöht, dass es Vergleichbares in Russland nicht gibt. In der sowjetischen Ära kauften die Museen nur die heute zum Großteil stark "wertberichtigte" offizielle, konformistische und erstarrte Kunst des "Sozialistischen Realismus". Selbst wo Gespür und Sachverstand vorhanden waren, waren sie durch die Restriktionen lange daran gehindert, Dissidentenkunst anzukaufen, so lange sie für sie erschwinglich war. Das Verhältnis der Machthaber zur Kunst war zwiespältig. 1974, auf dem Höhepunkt der Repression, ließ das KGB eine nonkonformistische Freiluft-Ausstellung mit Bulldozern niederwalzen, im Ausland durften die Werke gezeigt werden.

Die Übergangszeit, in der die Sowjetunion noch existierte, aber "Die andere Kunst" (Titel einer Ausstellung in der Moskauer Tretjakow-Galerie im Jahre 1991) auch in Russland bereits zur Kenntnis genommen werden durfte, war kurz und chaotisch. Den Fachleuten in den Museen fehlte es an Geld und noch mehr an Knowhow. In der nachsowjetischen Ära verfügten sie über immer mehr Sachverstand und immer weniger Geld. Die bedeutendste Sammlung "Anderer Kunst", das Moskauer Caricyno-Museum, hat noch immer kein Haus. Und unter den neuen Reichen fand sich bisher keiner, der mit entsprechendem Einsatz in Eigenregie eine "russische Sammlung Leopold" aufgebaut hätte.

Kein Wunder also, wenn ein Großteil der Hauptwerke neuer und anderer Kunst heute im Ausland ist. Eines Tages wird man den internationalen Sammlern wohl vorwerfen, Russland "ausgebeutet" zu haben. Sammler, die billig erworbene alte Kunst ausführen, könnte man dessen vielleicht anklagen. Die Sammler neuer Kunst aber haben ja die Entstehung der Werke, die sie erwerben, als Mäzene erst ermöglicht. Kein Maler kann malen, wenn niemand seine Bilder zu annehmbarem Preis kauft.

Was aber das Buch über die Sammlung Bierfreund betrifft: Einen so eindrucksvollen Überblick über Strömungen russischer Kunst wird man schwerlich anderswo finden. Nicht "die" Strömungen, denn jeder Sammler hat seine Präferenzen. Aber doch über so viele. Wobei sich zeigt, wie eigenständig sich die russische Kunst heute entwickelt und wie viel Eindrucksvolles sie hervorbringt.

Die abgebildeten Werke stammen von fast drei Dutzend Künstlern, darunter Eduard Steinberg, Komar & Melamid und Aleksandr Kosolapov. Sie stehen für "Soz Art", "Moskauer Konzeptualisten", "Nonkonformisten" und andere Richtungen, in die Hans-Peter Riese kompetent einführt. Wobei man Bierfreund dazu gratulieren kann, dass er sich besonders auf Maksim Kantor konzentriert. Dessen Bilder zählen zum Eindrucksvollsten, was die postsowjetische, post-dissidente russische Kunst hervorbringt. Hier zeichnet sich ein Lebenswerk ab, das Bestand haben wird.

Die Texte sind deutsch, englisch und russisch gedruckt. Der Status eines Standardwerkes über russische Kunst heute und in jüngster Vergangenheit ist diesem Werk sicher.

Das Rote Haus. Zeitgenössische Kunst aus der Sammlung Bierfreund.

Von Hans- Peter Riese, Wienand Verlag, Köln 2000, 236 Seiten, viele Abbildungen und Tafeln, geb., öS 715,- / e 51,96