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Feuilleton

Salzburg spielt fest

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Rückblick auf eine turbulente Saison und den Erkenntnisgewinn möglicher Abstürze.

Die Festspiele scheinen auf der Stadt zu schwimmen, wie eine Untertasse, die gleich wegfliegen kann." Was ist los in einer Stadt, wenn sich eine Journalistin zu solch kühner Poesie aufschwingt? Es geht auch nüchterner: "Konstant blieben allein die Preise, die nach wie vor die höchsten der Welt sind." Salzburg zu Wasser und in der Luft, ein Gebilde, dem die Bodenhaftung abgeht, und Salzburg als Bodenstation des Kapitals. Wenn sich Journalisten vergeblich als Intellektuelle und Poeten zu qualifizieren suchen, spielt Salzburg fest, und die Medien spielen fest mit.

Zu den Salzburger Festspielen hat jeder eine Meinung. Dem einen sind sie zu bieder geworden, und er trauert den guten alten Mortier-Zeiten nach. Dem anderen sind sie zu radikal, und er führt Klage über das Regie-Theater, das aus alten Stoffen neue Gewänder schneidert. Ein Journalist bedauert, dass "das Luxusfestival kontinuierlich zurück in die Konvention" gedriftet sei, ein anderer, dass die Festspiele "die Probebühne für Theaterproduktionen" und "eine Versuchsstation" geworden seien. Wir sind in das Zeitalter einer neuen Mäkelkultur eingetreten. Kritik kann schrecklich kleinkrämerhaft und borniert sein. Die große Tradition der Aufklärung, sich lustvoll mit fremden Gedanken zu streiten, hat abgedankt. Keine Rede davon, dass man sich ernsthaft mit Konzepten und Ideen auseinandersetzen würde. Dazu passt, dass die Frage nach dem Nachfolger von Peter Ruzicka als Intendant nach 2006 einen Großteil der Energien verschlungen hat. Scheinthemen drängen an die Öffentlichkeit. Welche Persönlichkeiten von Rang und welche Selbstdarsteller sich in Salzburg zum Stelldichein einfinden, stößt auf größere Beachtung als der intellektuelle Entwurf eines Festspielsommers.

Man sollte sich die Frage zumuten, wie zeitgemäß Festspiele heutzutage noch sind. Und welchen Veränderungen müssen sie sich vorsätzlich unterwerfen, um dem Geist der Zeit, nicht dem Zeitgeist, zu entsprechen? Vom Anspruch her waren die Salzburger Festspiele eine konservative Angelegenheit, ja ein Bollwerk gegen die Moderne, und Hugo von Hofmannsthals Jedermann ist das Symbol dafür. Hier findet eine aus den Fugen geratene Welt, in der Gott und Teufel als Antagonisten einen Stellvertreterkampf für die Menschen auf Erden führen, am Ende zum Heil. Das Stück ist lehrreich und tröstlich - und ist bis heute der unangefochtene Publikumsliebling. Christian Stückl hat dieses Drama, mit dem jeder Regisseur seine Schwierigkeiten hat, weil er ihm nicht zutraut, Verbindliches für die Gegenwart zu sagen, entschlackt und spektakulär mit Effekten aufgezäumt.

Unter Gerard Mortier, dem so angreifbaren, weil streitmächtigen Intendanten vor der Zeit Peter Ruzickas, haben sich die Festspiele eine neue Identität verschafft. Hinter seinen Anspruch, zeitgemäßes Theater, Musiktheater und Musik auf die Bühne zu stellen, können sie nicht mehr zurück. Sie haben sich dem Neuen, auch dem Experiment geöffnet, was heftige Reaktionen bewirkt. Das war heuer beim Rosenkavalier ebenso zu beobachten wie in Falk Richters Inszenierung von Anton Tschechows Stück Die Möwe, als eine ältere Dame empört und lautstark protestierend den Saal verließ: "Das ist ja dumm, was hier geschieht." Die melancholische Stimmung im Russland der Datschas und der Sommerfrische wurde durch ein grauenhaftes Familiendrama, durch eine Amokstimmung im weiten Land der Verlorenheit aller Menschen ersetzt. Das ist schlüssig und einleuchtend, versetzt aber dem klassischen Tschechow-Bild einen heftigen Schlag.

Festspiele sind mehr als die Summe einzelner Ereignisse. Sie brauchen eine übergreifende Idee, die im Innersten zusammenhält, was jedes einzelne Werk zu sprengen droht. Das Werk von Mozart gehört zu den Fixsternen jeder Programmplanung. Es ist das Verdienst Peter Ruzickas, Komponisten, die ins Exil gedrängt wurden, einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Erich Wolfgang Korngold stand in diesem Jahr im Mittelpunkt, seine Oper Die tote Stadt wurde als vergessenes Werk präsentiert. Aber warum wird dieser Komponist in weiterer Folge im Programm versteckt? Lohnt es sich nicht, auf ihn nachdrücklich und also an exponierter Stelle hinzuweisen? Dabei ist die Idee gut, nicht nur mit großen Namen aufzutrumpfen, sondern unbekannte Namen als große zu präsentieren. Die Reihe "Young Directors Project", vom scheidenden Theaterdirektor Jürgen Flimm erfunden, hatte zum Ziel, jungen Regisseuren, die sich auf dem Sprung zu einer internationalen Karriere befinden, ein Forum zu bieten. Joanna Laurens Stück Fünf Goldringe in der Inszenierung von Christiane Pohle wurde aufgeführt. Spannend war nicht nur, wie eine junge Frau Familienkrieg auf der Bühne nachstellt, sondern auch, wie sich dieses Stück mit der Tschechowschen Version eines Familienkriegs verbindet und schlägt. Auch das ist eine Chance von Festspielen, dass untergründig unvorhergesehen Verbindungen entstehen, mit denen vorher nicht zu rechnen war. Um den Festspielen eine Zukunft zu sichern, ist es notwendig, ihnen auf die Gefahr hin, dass Abstürze passieren, eine Laborsituation, in der das Neue, Unwägbare entsteht, zur Verfügung zu stellen. Auch Abstürze auf höherem Niveau tragen zur Erkenntnis bei und bergen genug Spannung in sich, um mit Gewinn betrachtet zu werden.

Der Autor ist Literaturkritiker in Salzburg.

Rückblick auf eine turbulente Saison und den Erkenntnisgewinn möglicher Abstürze.

Die Festspiele scheinen auf der Stadt zu schwimmen, wie eine Untertasse, die gleich wegfliegen kann." Was ist los in einer Stadt, wenn sich eine Journalistin zu solch kühner Poesie aufschwingt? Es geht auch nüchterner: "Konstant blieben allein die Preise, die nach wie vor die höchsten der Welt sind." Salzburg zu Wasser und in der Luft, ein Gebilde, dem die Bodenhaftung abgeht, und Salzburg als Bodenstation des Kapitals. Wenn sich Journalisten vergeblich als Intellektuelle und Poeten zu qualifizieren suchen, spielt Salzburg fest, und die Medien spielen fest mit.

Zu den Salzburger Festspielen hat jeder eine Meinung. Dem einen sind sie zu bieder geworden, und er trauert den guten alten Mortier-Zeiten nach. Dem anderen sind sie zu radikal, und er führt Klage über das Regie-Theater, das aus alten Stoffen neue Gewänder schneidert. Ein Journalist bedauert, dass "das Luxusfestival kontinuierlich zurück in die Konvention" gedriftet sei, ein anderer, dass die Festspiele "die Probebühne für Theaterproduktionen" und "eine Versuchsstation" geworden seien. Wir sind in das Zeitalter einer neuen Mäkelkultur eingetreten. Kritik kann schrecklich kleinkrämerhaft und borniert sein. Die große Tradition der Aufklärung, sich lustvoll mit fremden Gedanken zu streiten, hat abgedankt. Keine Rede davon, dass man sich ernsthaft mit Konzepten und Ideen auseinandersetzen würde. Dazu passt, dass die Frage nach dem Nachfolger von Peter Ruzicka als Intendant nach 2006 einen Großteil der Energien verschlungen hat. Scheinthemen drängen an die Öffentlichkeit. Welche Persönlichkeiten von Rang und welche Selbstdarsteller sich in Salzburg zum Stelldichein einfinden, stößt auf größere Beachtung als der intellektuelle Entwurf eines Festspielsommers.

Man sollte sich die Frage zumuten, wie zeitgemäß Festspiele heutzutage noch sind. Und welchen Veränderungen müssen sie sich vorsätzlich unterwerfen, um dem Geist der Zeit, nicht dem Zeitgeist, zu entsprechen? Vom Anspruch her waren die Salzburger Festspiele eine konservative Angelegenheit, ja ein Bollwerk gegen die Moderne, und Hugo von Hofmannsthals Jedermann ist das Symbol dafür. Hier findet eine aus den Fugen geratene Welt, in der Gott und Teufel als Antagonisten einen Stellvertreterkampf für die Menschen auf Erden führen, am Ende zum Heil. Das Stück ist lehrreich und tröstlich - und ist bis heute der unangefochtene Publikumsliebling. Christian Stückl hat dieses Drama, mit dem jeder Regisseur seine Schwierigkeiten hat, weil er ihm nicht zutraut, Verbindliches für die Gegenwart zu sagen, entschlackt und spektakulär mit Effekten aufgezäumt.

Unter Gerard Mortier, dem so angreifbaren, weil streitmächtigen Intendanten vor der Zeit Peter Ruzickas, haben sich die Festspiele eine neue Identität verschafft. Hinter seinen Anspruch, zeitgemäßes Theater, Musiktheater und Musik auf die Bühne zu stellen, können sie nicht mehr zurück. Sie haben sich dem Neuen, auch dem Experiment geöffnet, was heftige Reaktionen bewirkt. Das war heuer beim Rosenkavalier ebenso zu beobachten wie in Falk Richters Inszenierung von Anton Tschechows Stück Die Möwe, als eine ältere Dame empört und lautstark protestierend den Saal verließ: "Das ist ja dumm, was hier geschieht." Die melancholische Stimmung im Russland der Datschas und der Sommerfrische wurde durch ein grauenhaftes Familiendrama, durch eine Amokstimmung im weiten Land der Verlorenheit aller Menschen ersetzt. Das ist schlüssig und einleuchtend, versetzt aber dem klassischen Tschechow-Bild einen heftigen Schlag.

Festspiele sind mehr als die Summe einzelner Ereignisse. Sie brauchen eine übergreifende Idee, die im Innersten zusammenhält, was jedes einzelne Werk zu sprengen droht. Das Werk von Mozart gehört zu den Fixsternen jeder Programmplanung. Es ist das Verdienst Peter Ruzickas, Komponisten, die ins Exil gedrängt wurden, einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Erich Wolfgang Korngold stand in diesem Jahr im Mittelpunkt, seine Oper Die tote Stadt wurde als vergessenes Werk präsentiert. Aber warum wird dieser Komponist in weiterer Folge im Programm versteckt? Lohnt es sich nicht, auf ihn nachdrücklich und also an exponierter Stelle hinzuweisen? Dabei ist die Idee gut, nicht nur mit großen Namen aufzutrumpfen, sondern unbekannte Namen als große zu präsentieren. Die Reihe "Young Directors Project", vom scheidenden Theaterdirektor Jürgen Flimm erfunden, hatte zum Ziel, jungen Regisseuren, die sich auf dem Sprung zu einer internationalen Karriere befinden, ein Forum zu bieten. Joanna Laurens Stück Fünf Goldringe in der Inszenierung von Christiane Pohle wurde aufgeführt. Spannend war nicht nur, wie eine junge Frau Familienkrieg auf der Bühne nachstellt, sondern auch, wie sich dieses Stück mit der Tschechowschen Version eines Familienkriegs verbindet und schlägt. Auch das ist eine Chance von Festspielen, dass untergründig unvorhergesehen Verbindungen entstehen, mit denen vorher nicht zu rechnen war. Um den Festspielen eine Zukunft zu sichern, ist es notwendig, ihnen auf die Gefahr hin, dass Abstürze passieren, eine Laborsituation, in der das Neue, Unwägbare entsteht, zur Verfügung zu stellen. Auch Abstürze auf höherem Niveau tragen zur Erkenntnis bei und bergen genug Spannung in sich, um mit Gewinn betrachtet zu werden.

Der Autor ist Literaturkritiker in Salzburg.