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Salzburger auf dem Kilimandscharo

1945 1960 1980 2000 2020

Auf etwa 1800 Alpengipfel hatte Purtscheller seinen Fuß gesetzt, bevor er mit der Erstbesteigung des höchsten Punktes Afrikas seine Bergsteigerkarriere krönte. Auf ihn geht die Einführung des alpinen Grußes "Bergheil" zurück. Er hat dem führerlosen Bergsteigen zum Durchbruch verholfen. Vor hundert Jahren verstarb der Salzburger Turnlehrer Ludwig Purtscheller an den Folgen eines Bergunfalls.

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Auf etwa 1800 Alpengipfel hatte Purtscheller seinen Fuß gesetzt, bevor er mit der Erstbesteigung des höchsten Punktes Afrikas seine Bergsteigerkarriere krönte. Auf ihn geht die Einführung des alpinen Grußes "Bergheil" zurück. Er hat dem führerlosen Bergsteigen zum Durchbruch verholfen. Vor hundert Jahren verstarb der Salzburger Turnlehrer Ludwig Purtscheller an den Folgen eines Bergunfalls.

Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher unbekannte, namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: Kaiser-Wilhelm-Spitze." Nach einem Hoch auf den kaiserlichen Taufpaten drücken sich der deutsche Geograph Hans Meyer und der Salzburger Turnlehrer Ludwig Purtscheller die Hand. Als erste erreichen sie am 6. Oktober 1889 um halb elf Uhr vormittag den Gipfel des Kilimandscharo. Vor Freude johlend stecken die beiden Bergsteiger eine deutsche Fahne ins verwitterte Lavagestein. "Das ist mir ein herrliches Geburtstagsgeschenk", jubelt Purtscheller, "ich bin heute 40 Jahre alt!"

Purtscheller kommt in Innsbruck als Sohn eines Steuereinnehmers zur Welt. Mit 16 muß er aus finanziellen Gründen die Schule abbrechen und eine kaufmännische Stelle in einem Bergwerk bei Villach annehmen. Seine Arbeit befriedigt ihn nicht. Jede freie Stunde verbringt er in den Bergen. Und nach entbehrungsreichen Jahren des Studiums ist das Ziel erreicht: Purtscheller wird Turnlehrer, zuerst in Klagenfurt, bald darauf in Salzburg, das ihm eine zweite Heimat werden sollte. Von 1875 bis 1895 erreicht er seine bedeutensten bergsteigerischen Ziele. 1895 muß er einen bösen Typhus überstehen. Trotzdem schafft er in den folgenden Jahren große Bergfahrten, bis ihn ein grausames Schicksal ereilt: Nur 50 Jahre alt stirbt Purtscheller im Winter 1900 in Bern an den Folgen eines Bergunfalls, in den er durch fremde Schuld verwickelt worden war.

Das erste goldene Zeitalter des Alpinismus ist nach der Besteigung aller Hauptgipfel in den Alpen vorbei. Nicht die Besteigung des Gipfels bildet fortan die Motivation, der Weg und dessen Schwierigkeiten werden zum Ziel. Klettertechnische Probleme treten in den Vordergrund, Marsch- und Kletterzeit sind auf einmal wichtig und Leistung und Wettkampf finden Einzug in den Alpinismus. Die Naturschönheit Berg wird zum Sportgerät, der ästhetische Genuß weicht der Freude, sich in schwierigsten Situationen zu bewähren.

Der erste Führerlose "Des Hochgebirges kunstvoller Bau, seine Schwierigkeiten und Gefahren fordern zu einem Wettstreit mit ihm auf. Es gilt zu zeigen, was das Übermaß an Zivilisation, was städtische Verkehrtheit, Unverstand und konventionelle Sitte noch Tüchtiges und Brauchbares an uns gelassen, was körperliche und geistige Energie aufzubieten vermögen", schreibt Purtscheller, der auch viele Bergbücher verfaßte. Purtscheller war das Vorbild jener Bergsteiger, die durch eigenen Einsatz neue Wege suchten. Im alpinistischen Fachjargon nennt man sie die "Führerlosen". Diese durchbrechen die Tradition, eine Besteigung von hohen und/oder schwierigen Bergen nur mit Hilfe von meist einheimischen Bergführern zu wagen.

In den Jahren um 1880 verhelfen die Wiener Brüder Emil und Otto Zsigmondy gemeinsam mit Purtscheller der Idee des führerlosen Bergsteigens zum Durchbruch. Vorbei die Zeit, in der sich ein Markgraf Pallavicini von seinem Führer hunderte Stufen in das nach ihm benannte Eiscouloir an der Nordseite des Großglockners hacken ließ, auf denen der Graf hinter seinem schwitzenden Bergknecht gemütlich das über 50 Grad steile Eis hinaufsteigen konnte. Ab jetzt pickeln sich die vornehmen Herren aus der Stadt selber die Grate und Wände hinauf.

Für Purtscheller äußert sich der von und in den Bergen gebildete Charakter des Menschen aber nicht nur im Wagen, sondern auch im Entsagen: "Wer den Alpinismus nur als Sportsache betrachtet, als Mittel, um das abgekitzelte Nervensystem neu anzuregen, wer die Gefahr aufsucht, bloß um mit ihr zu spielen, der ist kein Bergsteiger in unserem Sinn."

Die steigenden Bergunfälle in der Alpinistenszene veranlassen 1887 einen Erlaß der Polizeidirektion Wien, der von den alpinen Vereinen administrative Maßregeln zur Verhütung dieser Unglücke fordert. Um die Handlungsfreiheit der Alpinisten entfacht ein heftiger Streit, in dem Purtschellers Berggefährte Heinrich Heß die Meinung vertritt: "Verkümmern wir uns nicht die Freude an der Natur durch engherzige Regeln und knöcherne Gesetze und bewahren wir uns das, was wir im Hochgebirge als beglückendes Ziel suchen und finden wollen: die herrliche Freiheit."

Diese Freiheit findet Purtscheller von den Dolomiten bis zu den Gipfeln des Wallis. Gemeinsam mit dem Wiener Universitätsprofessor August von Böhm und den Brüdern Zsigmondy vereinbart er 1881 auf dem Olperer in den Zillertaler Alpen die Einführung des alpinen Grußes "Bergheil", den er im Laufe seines Bergsteigerlebens auf etwa 1.800 Gipfeln der Alpen und auf zwei erfolgreichen Auslandsbergfahrten in den Kaukasus und nach Afrika noch oft wiederholen wird. Halt! Bei der Besteigung des Kilimandscharo soll laut Expeditionsleiter Meyer ein dreimaliges "Hurra" das obligate "Bergheil" ersetzt haben. Wahrscheinlich ein Zugeständnis Purtschellers an den deutschen Bergkameraden!

Bevor den Ereignissen um die Afrikareise Purtschellers nachgegangen wird, noch ein Schwenk zu einer der gefährlichsten Alpentouren des Salzburgers: die erste führerlose Überschreitung des Matterhorns vom schweizerischen Zermatt ins italienische Breuil. Schon zu Beginn der Bergfahrt verwundet ein von einem Gefährten ins Rollen gebrachter Steinblock Purtschellers linken Unterarm und macht seinen Pickel nahezu unbrauchbar. "Der notwendig gewordene Verband meines Armes sowie die erstarrten Hände des Freundes verursachen einigen Aufenthalt." Trotzdem erreichen die Führerlosen den Gipfel. "Das Aussichtsbild, das sich von der Spitze des Matterhorns darbietet, ist nach jeder Richtung hin ein großartiges und weitgedehntes", ist Purtscheller vom Panorama begeistert. Aber erst die leichtere Hälfte der Traversierung ist geschafft.

Umkehrende Bergführer raten: "Geben Sie es auf, nach Breuil hinabzusteigen. Sie werden sich dabei den Hals brechen. Der Grat ist ganz vereist." Wären sie allein, hätten sie vielleicht anders entschieden, gibt Purtscheller später zu. In Anwesenheit der konkurrierenden Führer gibt es aber nur eine Möglichkeit: "Wir banden uns an das Seil, das bislang im Rucksack geruht hatte", und der gefährliche Abstieg beginnt. Nach halsbrecherischer Kletterei und einer stürmischen Biwaknacht - eingehüllt in vier große Schafspelze - übertreten sie um sieben Uhr am folgenden Abend "ohne jede Behelligung die Schwelle des behaglichen Gasthofes in Breuil. Mit innerer Genugtuung schauten wir auf das glücklich beendete, mühevolle Tagwerk zurück."

Ironie eines Lebenswerkes, daß Purtscheller gerade mit einer Bergfahrt, die er - der klassische Führerlose - als Bergführer und Alpinfachmann begleitete, in die Annalen des Bergsteigens einging. Der Afrikaforscher und Professor für Kolonialgeographie in Leibzig Hans Meyer bittet Purtscheller nach drei mißglückten Kilimandscharo-Expeditionen mit ihm einen Ersteigungsversuch zu unternehmen. Juli 1889 schiffen sie sich in Genua ein, und erreichen nach drei Wochen Seefahrt die Insel Sansibar. Dort verbringen sie ein Monat, mit der Zusammenstellung ihrer Karawane beschäftigt. Probleme tauchen auf: Man verweigert ihnen die Mitnahme der Waffen, die Zelte aus England werden irrtümlich nach Ceylon geführt. Anfang September schaffen es die beiden Europäer, mit mehr als 60 schwarzen Trägern nach Mombasa überzusetzen. Die Expedition beginnt.

Mit Ochsen beschenkt Von den einheimischen Stämmen teils skeptisch, teils freudig begrüßt, in jedem Fall aber mit Ochsen beschenkt, von den eigentümlichem Reizen des Landes verzaubert, überwindet die Karawane 300 Kilometer Steppe, bis sie den Fuß des Vulkankegels erreicht. Die Gruppe reduziert sich, bis knapp unter den Gipfel begleitet sie nur mehr der Afrikaner Muini Amani, "der die Schlafsäcke und Decken trägt". Die letzte Etappe gestaltet sich schwieriger, als geglaubt: "Nur schwer konnte der Pickel in die glasharte, spröde, im Bruche wasserhell erglänzende Eismasse eindringen. Jede Stufe erforderte wenigstens 20 bis 25 Hiebe." Vom Gletscherbrand Hände und Gesicht stark geschwollen und mit Blasen bedeckt, erreichen Meyer und Purtscheller im zweiten Anlauf den Gipfel.

Nach der Unabhängigkeit Tansanias wird die Spitze des Kilimandscharo 1961 in "Uhuru Peak" (Freiheitsgipfel) umbenannt. Ein Name, sicher im Sinne Purtschellers, der ja auch ein Leben lang frei von Bevormundung und Führern sein wollte.

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