San hoid G’schicht’n aus’n Weana Woid

Premiere von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Wiener Akademietheater: Stefan Bachmanns Regiehandschrift ist in dieser Interpretation des Stücks nicht wiederzuerkennen. Aber es ist auch nur zum Teil Bachmanns Regie: Die Inszenierung brachte Sven-Eric Bechtolf zu Ende, nachdem Bachmann während der Endproben erkrankte.

Letztes Jahr erschien der erste Band der historisch-kritischen Wiener Ausgabe von Ödön von Horváths gesammelten Werken. „Wiener Ausgabe“ steht hier einerseits dafür, dass sich Horváths Nachlass in der Wienbibliothek im Rathaus und in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet und die Grundlage für die neue Ausgabe darstellt, andererseits entsteht diese aufwendige Edition in Wien. Ansonsten aber ist Horváth kein spezifischer Wiener Dramatiker, und auch wenn seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hier angesiedelt sind, ist die Festlegung auf eine wienerische Mentalität ein grundsätzliches Missverständnis.

Horváths Räume sind keine geografischen Festlegungen, sondern dienen als Orientierungsorte, schließlich ist „Kasimir und Karoline“ auch kein Münchner Oktoberfest-Stück. Bei Horváth stehen die Beziehungen oder vielmehr die Beziehungslosigkeit im Vordergrund.

Stefan Bachmanns Regiehandschrift ist in dieser Interpretation von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ nicht wiederzuerkennen. Normalerweise gilt er als Garant für passenden Rhythmus, doch diesmal kündigen schon zu Beginn die musikalischen, aus der Ferne anklingenden Operettenseligkeitszitate an, dass hier alles zerhackt und inhomogen ausfallen wird. Aber es ist auch nur teilweise Bachmanns Regie: Die offizielle Version besagt, dass Bachmann in den Endproben erkrankte und Sven-Eric Bechtolf die Inszenierung zu einem Ende brachte.

Es fehlt an (räumlicher) Tiefe

Auch wenn die Gerüchteküche vom Ausstieg eines aufgrund von Konflikten mit dem Ensemble völlig entkräfteten Bachmann spricht (Gekränkt-Sein ist schließlich auch Krank-Sein), steht auf jeden Fall fest: Bachmanns Konzept, aus den kleinen, manchmal hilflosen, meist aber eiskalten Seelen lauter Wiener Hausmeister zu machen, ist ein grundsätzliches Missverständnis. Am deutlichsten zeigt sich das im Umgang mit Horváths vielanalysierter Kunstsprache, in der die Figuren zu keiner eigenen, authentischen Sprache finden, sondern nur Phrasen dreschen. Die berühmten „Stille“-Momente, auf die Horváth in seinen Manuskripten oft mehr als hundert Mal (!) hinweist, verlieren sich im geschäftigen Bemühen der Schauspieler um den wienerischen Dialekt. Dabei „darf kein Wort Dialekt gesprochen werden! Jedes Wort muss hochdeutsch gesprochen werden, allerdings so, wie jemand, der sonst nur Dialekt spricht und sich nun zwingt, hochdeutsch zu reden“, betonte Horváth selbst.

Damit macht nicht nur der inkonsequente Sprechduktus aus dieser Tragödie ein mickriges, alles andere als unheimliches Kleinkrämer-Stück; auch die Bühne tut das Ihre: Hugo Gretler hat das Akademietheater mit Kommoden, Kredenzen und Schränken zugestellt, die die Fassade einer bürgerlichen Welt symbolisieren, in deren Enge die arme Marianne (Birgit Minichmayr) zu Hause ist. Die Möbel werden kaum bespielt, sondern dienen als Auf- und Abtrittsmöglichkeiten und nehmen dem Stück auch noch räumlich an Tiefe.

Minichmayr überzeugt zwar als rebellische junge Frau zwischen großer Verletzlichkeit und einem außergewöhnlichen Durchhaltevermögen, aber trotz hochkarätiger Besetzung kommen keine Figuren zustande. Als ihr Vater, der Zauberkönig, rutscht Johann Adam Oest vom angedeuteten Wienerisch ins tiefste Binnendeutsch und wird immer überdeutlicher in seiner Gestik. Nicholas Ofczarek (Alfred) ist zwar ein rechter Strizzi, verliert aber auch am Ende an Profil, und Bibiana Zeller ist eine der harmlosesten Großmütter im Horváth’schen Wienerwald; wie übrigens auch Johannes Krisch als Oskar, der sich auf einen züchtigenden Gott beruft.

Exzellentes Programmheft

Der Rittmeister (Falk Rockstroh) zeigt alles andere als einen Repräsentanten des alten Österreich, und dass er als tuntige Tante in einen Rock schlüpfen muss, ist weder komisch noch sonst irgendwie nachvollziehbar. Am ehesten gelingt es Regina Fritsch als Trafikantin Valerie in der „stillen Straße“ eine kleinbürgerliche, aber ehrliche Figur zu entwickeln. Das exzellent zusammengestellte Programmheft des Dramaturgen Plinio Bachmann beweist, dass in den Bachmännern doch viel mehr steckt.

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