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"Sanfte Medizin", wenn sonst nichts hilft

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Vielfältig ist das Angebot der ganzheitlichen oder sanften Medizin. Im folgenden die Darstellung von zwei dieser Ansätze.

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Vielfältig ist das Angebot der ganzheitlichen oder sanften Medizin. Im folgenden die Darstellung von zwei dieser Ansätze.

Bereits im Volksschulalter werden bei Kindern heute Schäden des Bewegungsapparates festgestellt. Schulärzte und Orthopäden warnen vor den Spätfolgen nicht behandelter oder nicht erkannter Fehlbildungen und Erkrankungen.

Leider wird auf Prophylaxe in Österreich nach wie vor viel zu wenig Wert gelegt. Es wird sogar davon gesprochen, die orthopädischen Untersuchungen der Kinder durch Schulärzte gänzlich zu streichen. Sie seien zu aufwendig und daher zu teuer, heißt es.

Ob wir uns aber teure Therapien, die auf lange Sicht bei fehlender Vorsorge notwendig werden, leisten können, scheint die Verantwortlichen nicht sonderlich zu beschäftigen. "In zehn bis 20 Jahren, wenn Wirbelsäulenverkrümmungen, bedingt durch miserable Schulmöbel, zu schwere Schultaschen und zu wenig Bewegung manifest werden, sitzen die zuständigen Herren nicht mehr auf ihren Sesseln", meint der Orthopäde Günter Deim. "Massive Schädigungen wie Bandscheibenvorfälle, in deren Verlauf es häufig zu depressiven Zuständen nach Operationen und darauffolgenden Anträgen auf Frühpensionierung kommt und in Zukunft noch vermehrt kommen wird, sind ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn", warnt der Orthopäde.

Gespart wird bei der Physiotherapie Man muß aber gar nicht sehr weit in die Zukunft schauen, um die Fragen der Finanzierbarkeit verschiedener Behandlungsmethoden zu überdenken. Denn auch heute ist es leider ein Faktum, daß Physiotherapien von den Kassen nur sehr restriktiv bewilligt werden. Vielfach leidet darunter auch deren Effektivität: Schlechte Bezahlung von Physiotherapeuten, eine Verkürzung der Behandlungszeiten in den Ambulatorien (Massagen, die nur drei Minuten dauern, drei Minuten Ultraschall statt sechs), haben nachweislich negative Wirkungen auf die Patienten.

Dazu kommt, daß viele Ärzte heute von ihren Kassenverträgen nur mehr schlecht und recht leben können und daher auf ein Zusatzeinkommen angewiesen sind.

In vielen Arztpraxen werden daher neben den gängigen Behandlungen auf Krankenschein auch sogenannte "alternative Heilmethoden" angeboten. Patienten, die von den gängigen, wenn auch unentgeltlichen Behandlungsmethoden enttäuscht sind, nehmen diese Angebote gerne an, auch wenn sie dafür in die eigene Geldbörse greifen müssen.

"Ich habe jahrelang schwere Antirheumatika und Physiotherapien bekommen, ohne eine Linderung meiner Ischias-Beschwerden zu erreichen. Heute bin ich durch die osteopathische Behandlung schmerzfrei", erzählt eine Patientin in der Ordination des Orthopäden Deim. Sechs Sitzungen und ein finanzieller Aufwand von nicht ganz 5.000 Schilling haben den Heilerfolg gebracht, der durch die schulmedizinischen Methoden ausgeblieben ist.

Sanfte Verfahren gibt es auch bei Allergien, etwa bei Heuschnupfen oder einer schmerzhaften Unverträglichkeit von Metallen (Amalgam oder künstliche Hüftgelenke). Auch sie werden in manchen Arztpraxen erfolgreich durch eine alternative Behandlungsform, die sogenannten "Biosignalmodulation" (eine Form der Bioresonanzbehandlung), behandelt.

Christian Adensamer, Referent für alternative und komplementäre Medizin in der Wiener Ärztekammer, verweist durch den Einsatz von Biosignalmodulation auf 70 bis 80 Prozent Heilungschancen bei Allergien. Die Biosignalmodulation geschieht durch ein von Horst Konzelmann erfundenes Gerät, das die körpereigenen Signale in einer modifizierten Art an den Körper zurückführt. Dadurch kommt es dazu, daß falsche Informationen verändert und die Selbstheilungskräfte aktiviert werden.

Diese Methode wird heute übrigens auch von Orthopäden, Veterinärmedizinern, praktischen Ärzten, Kinderärzten und Neurologen als unterstützende Behandlung eingesetzt. Die Erfolge dieser Methode werden in den Arztpraxen statistisch erfaßt, um diese relativ junge Methode laufend zu beobachten und zu kontrollieren, damit sie verbessert werden kann.

Adensamer, Begründer der "Gesellschaft für Biosignalmodulation": "Wichtig für mich ist, daß die Methode ausschließlich im ärztlichen Bereich angewendet wird. Bei dieser Behandlung geht es ja auch um wichtige Dosierungsfragen, die nicht einfach zu lösen sind. Die Zusammenarbeit der Anwender ist außerdem deshalb sehr wichtig, weil es auf diesem Gebiet noch keine gültigen Standards gibt und eventuell auftretende Fehler unbedingt behoben werden müssen."

Anatomische und medizinische Kenntnisse sind nicht nur für die "Biosignalmodulation" Grundvoraussetzung. Die Ausbildung zum Osteopathen ist lang (rund sechs Jahre) und kostspielig. Auch sehr engagierte Physiotherapeuten erlernen diesen für Europa relativ jungen Beruf des Osteopathen.

Im November 1998 verließen die ersten sechs (von 15) Kandidaten die "Wiener Internationale Schule für Osteopathie" mit einem Diplom. Adensamer: "Ich schicke meine Patienten immer dann zu einem Osteopathen, wenn ich mit meinen Methoden nichts mehr erreichen kann oder wenn es sich um chronifizierte Leiden handelt. Die Osteopathie ist eine ganzheitliche Behandlung. Ich selbst würde die Ausbildung sofort machen, wenn ich 20 Jahre jünger wäre."

Ärztliches Wissen unbedingt erforderlich Günther Deim, der osteopathische Methoden in seiner Ordination einsetzt, klärt vor der Behandlung genau ab, ob nicht eine innere Erkrankung hinter akuten Verkrampfungen und Gelenksblockierungen steht. "Ärztliches Wissen ist unbedingt erforderlich, um abklären zu können, welches Geschehen hinter der jeweiligen Störung eines Patienten steckt. Ich wende die osteopathische Methode auch bei schlechten oder abgenützten Gelenken an, wenn ich festgestellt habe, daß es durch sie zu den schmerzhaften Verspannungen und Fehlbelastungen gekommen ist. Oft genügen ein bis zwei Manipulationen und in der Folge Wiederholungen in regelmäßigen Abständen, um dem Patienten Erleichterung oder Schmerzfreiheit zu verschaffen."

Bei vielen Patienten, die an Migräne, Gelenksbeschwerden oder Kreuzschmerzen gelitten hatten, konnte er diese Methode erfolgreich anwenden. Daß sehr viel Fingerspitzengefühl und eine ungeheure Erfahrung für den Einsatz der sogenannten "komplementärmedizinischen Methoden" erforderlich ist, ist auch die Ansicht des Orthopäden Primarius Alexander Kraft.

"Viele Schulen und Kurse bieten in sogenannten Schnellsiederkursen alternative Heilmethoden an. Das halte ich für sehr gefährlich. Ich erinnere mich an einen Patienten mit einem Bandscheibenvorfall, der durch die unsachgemäße Behandlung eines Masseurs ausgelöst worden war. Eine profunde Ausbildung ist für die in der Schulmedizin teilweise noch umstrittenen Methoden alternativer Behandlungen eine unverzichtbare Grundvoraussetzung."

Paramedizin als Flucht in die Mystik?

Auch Professor Hermann Neugebauer, Präsident der Wiener Ärztekammer in den Jahren 1977 bis 1985, hält nicht viel von Methoden, die wissenschaftlich nicht begründet sind. Gefährlich wird es seiner Meinung nach dann, wenn wichtige Zeit versäumt wird, in der erprobte Behandlungsformen eingesetzt werden könnten.

Neugebauer meint sogar, daß viele Patienten heute in den Bereich der "Paramedizin" flüchten, weil "dem Menschen von heute jede Mystik genommen wurde." Was im religiösen Bereich die Sekten mit ihrer teils ungeheuren Anziehungskraft sind, sind in der Medizin manche alternativen Behandlungsmethoden, die den Menschen von heute in ihren Bann ziehen. Für den Betroffenen, für den Schmerzpatienten, zählen aber verständlicherweise in erster Linie die spürbaren Heilerfolge einer Medizin, deren Methoden nicht immer anerkannt oder nachweisbar sind.

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