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Schablonen der Revolution

Viele Dinge, die sich im Großen abspielen, sind angeblich schon im Kleinen angelegt. Selbst epochemachende. Wer wäre zum Beispiel in seinem tiefsten Inneren nicht gerne einmal ein Revolutionär gegen die eigene Vita gewesen? Dann nämlich, wenn das Leben in den Bahnen des Eingefahrenen nur noch schal schmecken will. Wenn die täglichen kleinen Ärgernisse zu schweren Lasten werden und Sorgen zu Ängsten. Dann malen die Wünsche nach persönlicher Revolte die Tagträume. Und dort scheinbar seichten Schlager: "Auf und davon","flieg mit mir zum Mond","einmal alles anders machen".

Die Revolution ist so gesehen keine aufsehenerregende Ausnahme, sondern die täglich geübte Romantik, hat aber sonst sehr viel mit der politischen Bewegung gemeinsam. Beide haben einander gleichende Ursachen: Tiefe Unzufriedenheit, eklatante Schwäche der Strukturen, Ablehnung überkommender Autoritäten und Ziele. Sie haben auch das gleiche Ziel: Eine neue Welt zu schaffen, in der alles besser und gerechter wird. Und überdies bestrafen beide Formen der Revolte oft jene, die sich an ihre tatsächliche Umsetzung wagen, die alles "hinter sich lassen", umwerfen, neu gestalten wollen. Und so kann man von Selbstrevolutionen meist auch das Gleiche wie von politischen Revolutionen behaupten: "Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, dass die gemachte Revolution, jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah."

Der das sagte, war allerdings kein Therapeut für gescheiterte Träumer, sondern einer der größten Revolutionsstifter der Geschichte - und er meinte es auch rein politisch: Friedrich Engels. Auf seinen und Karl Marx' Schriften basierend, hat sich die größte politische Umwälzung der jüngeren Geschichte zugetragen, die sich 2017 zum 100. Mal jährt: Die russische Oktoberrevolution. Dass sie letztlich nach 70 Jahren Diktatur des Proletariats von diesem selbst gestürzt wurde, ist eine Binsenweisheit, deshalb soll es im Folgenden eher darum gehen, was von ihren Vordenkern blieb, von denen einer selbst ihr Scheitern vorherahnte.

Da sticht vor allem ein zentraler Gedanke von Marx und Engels ins Auge: Die Vorherrschaft des Ökonomischen in den Machtprozessen der geschichtlichen Entwicklung. Dass einander letztlich die Unternehmen durch gnadenlose Konkurrenz auszulöschen versuchen, dass die großen immer größer werden, die Weltherrschaft antreten und den Reichtum der Welt absaugen. Das ist schon ziemlich gut vorher gedacht, denn heute gibt es tatsächlich 1300 Unternehmen, die 80 Prozent der globalen Wertschöpfung auf sich vereinen.

KAPITALER GALOPP

Marktwirtschaftler würden dem nun empört entgegenhalten: "Aber wir haben doch den Sozialstaat und die Soziale Marktwirtschaft und die Umverteilung!" Damit haben sie teilweise recht. Aber scheint es derzeit nicht so, als habe sich der Kapitalismus in seiner schädlichsten Form als Gesellschaftssystem bloß eine kurze Ruhephase gegönnt, in der er sich vom Sozialstaat drosseln ließ? Dieses Erbe der Reformer in Schweden, Frankreich, Deutschland und Österreich wurde ab 1990 langsam zurückgebaut.

Der ideologische Konkurrent war mit dem Untergang der Sowjetunion verloren gegangen und mit dem Gegner hatte man gleich auch die Selbstkritik versenkt, die den Kapitalismus lern- und anpassungsfähig gemacht hatte. So verursachte der Verlust des Konkurrenten auf der Seite der "Gewinner" eine wüste und leere Uniformität des ökonomischen, politischen und philosophischen Denkens. Die führenden Wissenschaftler und Proponenten aller drei Felder ver-und begnügten sich letztlich mit der Abgabe ihrer Verantwortung an eine wirtschaftsbrachiale Logik, und garnierten ihre Kapitulation mit den barocken Wortschöpfungen der Postmoderne. Das Drama einer jeden Gesellschaft und Zivilisation entsteht letztlich durch geistige Impotenz.

Und feierten wir nicht schon mit Francis Fukuyama "Das Ende der Geschichte"? Diese festliche Stunde war aber letztlich der Beginn eines geistigen Leidensweges. Der Triumph der niederen Instinkte gegen das Sublime erreichte mit der Bankenrettung, der Austeritätspolitik, dem Brexit und den US-Wahlen erste Höhe-oder besser Tiefpunkte. Tatsächlich scheint sich eine düstere Kinoblockbuster-Vision von globalen "Hunger-Games" zu bewahrheiten: Die Realität der Menschen wird gefüllt mit Kämpfen, Kriegen und Hassprojekten: Sie laufen in unserer Realität unter den Schlagzeilen Flüchtlinge, Eliten, Sozialschmarotzer, Griechen, Schlepper, China, Mexiko etc. Und während sich die Menschen an diesen Geschichten aufreiben, vollendet das Kapital jenseits der Illusionen von Gut und Böse sein Verteilungswerk - und vielleicht sind sich die Kapitalisten dessen selbst nicht einmal bewusst.

UmbrUchs-Parameter

Der Innsbrucker Historiker Helmut Reinalter hat eine ähnliche historische Episode im 19. Jahrhundert ausgemacht. Auch damals gab es eine Zeit des massiven Umbruchs, in der technischer Fortschritt und Zukunftshoffnung von Pessimismus und einem um sich greifenden Verschwörungsdenken konterkariert wurde. Diese Gemengelage, so Reinalter, führte erst zu den Krisen des 20. Jahrhunderts. Wenn die These von jahrzehntelangen historischen Prozessen zutrifft, und diese Prozesse letztlich durch Krieg ihre Entladung und Lösung finden, wenn man ferner noch die Perioden der Globalisierung/Kolonialisierung an der Schwelle zur letzten Kriegs-Periode miteinbezieht, könnte einem an der Schwelle zur Digitalisierung schon Angst werden. Nicht wegen realer Gefahren, sondern wegen jener Krisen, die aus dem Irrationalen unserer Angst-Politik und der Enttäuschung über eine Fortschritts-Illusion entstehen.

An der Schwelle zu diesem Neuen Jahr könnte die Erkenntnis stehen, dass sich das System und mit ihm wir alle in einer Art von "Vorwärtspanik" befinden, in der die Weitsicht zum Tunnelblick wird und der nächstliegende Moment, die nächste Sekunde, zur alles entscheidenden Zukunft geadelt wird, auf die hin sämtliche Entscheidungen getroffen werden. Im Zeitalter des Digitalen Materialismus wird das System allerdings nicht, wie von Marx vorausgesehen, die Chance zu Sozialismus und Kommunismus haben. Diese Chance wird in den Katastrophen des Klimawandels untergegangen sein.

Tatsächlich sind es diese katastrophalen Aussichten, die die Hoffnung vermitteln, dass sich der Mensch mit Blick auf die eigene Geschichte nicht auslöschen wird, weil er in der Vergangenheit die Zukunft abschätzen und entsprechend handeln kann. Im Kapital schreibt Marx über die Lernfähigkeit von Gesellschaften. Eine Nation könne Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. "Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." In diesem Sinne kann man der Menschheit das Beste für das Revolutionsjahr 2017 wünschen.

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