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Feuilleton

Scheitern und Neuanfang

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Wir alle machen Fehler. Dass uns diese Fehler nicht wie Steine belasten, die wir im Rucksack der Lebensbürden zu tragen haben, verdanken wir der Kultur der Vergebung.

Wir stehen noch in der Weihnachtszeit. Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes; das Fest der Geburt Jesu, der Petrus die Pflicht zur Vergebung aufgetragen hat (Mt 18,21-22). An eben dieser Stelle erinnert uns das Evangelium auch daran, dass wir auf die Vergebung Gottes angewiesen und deswegen gut beraten sind, nicht hartherzig und kleinlich gegen andere zu sein (Mt 18,23-35). In der Bergpredigt lesen wir, dass Versöhnung mit dem Mitmenschen vor der gefälligen Opfergabe steht (Mt 5,23f). Deutlich wird an diesen Stellen die Botschaft, dass wir als Menschen nicht gut zusammenleben könnten, wenn wir einander nicht die Möglichkeit eines Neuanfangs einräumen würden - immer wieder. Auch inneres Wachstum und Reife haben viel mit der Bereitschaft zu tun, immer wieder neu zu beginnen. Im geistlichen Tagebuch von Johannes XXIII., das er vor allem zu Zeiten von jährlichen Exerzitien gepflegt hat, finden wir immer wieder den Eintrag, dass er seine Vorsätze "erneuert“ habe, also: nicht verändert, sondern vertieft mit einem Geist des Anfangens. Dieser Geist des Anfangs ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit in unserer fehleranfälligen Existenz.

Jeder braucht die Chance zum Neuanfang

Dass wir alle Fehler machen, fällt uns am besten im eigenen Leben auf; wir wären in unserem Tun und Lassen gelähmt, würden sämtliche Fehler so zu Buche schlagen, dass sie stets in unserer Bilanz mit der Welt aufscheinen. Dass diese Fehler uns nicht wie Steine belasten, die wir im Rucksack der Lebensbürden zu tragen haben oder wie Sisyphos vor uns her wälzen müssen, verdanken wir der Kultur des Vergebens, der Möglichkeit von Entwicklung und Neuanfang oder auch dem kurzen Gedächtnis unserer Mitmenschen. Albert von Monaco würde dann wohl ebenso wenig als Staatsmann gelten können wie Joschka Fischer, Franz von Assisi würde nicht als Heiliger verehrt werden dürfen. Damit will ich nun nicht Albert von Monaco und Joschka Fischer auf die Ebene von heiligmäßigen Menschen heben, sondern um Zustimmung zum schlichten Gedanken werben: Wir brauchen die Möglichkeit zu einem Neuanfang.

Menschliche Reife und Vergebung

Es ist Zeichen von menschlicher Reife, anderen einen Neuanfang zu ermöglichen. Der langjährige Generalobere der Jesuiten, Pedro Arrupe, hat "Fehlertoleranz“, also die Fähigkeit, mit Fehlern anderer gut umgehen zu können, als wichtige Eigenschaft für Führungsverantwortliche bezeichnet. Das wird auch deutlich an zwei Beispielen aus der Gründungszeit des Jesuitenordens: Der portugiesische Jesuit Simão Rodrigues de Azevedo, einer der ersten Weggefährten des Ignatius von Loyola, bereitete dem jungen Orden durch übertriebene Frömmigkeitsübungen Probleme; der Konflikt drohte zu eskalieren. Ignatius lädt Rodrigues in einem Schreiben vom 9. Dezember 1552 zu einem Neuanfang ein. Er schlägt ihm vor, ihn von Verpflichtungen zu entbinden, bis er sich erholt hat und lädt explizit dazu ein, "alles Vergangene zu begraben“. Damit ist ein Neuanfang ohne Gesichtsverlust möglich.

Auch in einer anderen Situation sehen wir Ignatius als Lehrer des Neuanfangs. Ein anderer seiner ersten Weggefährten, Diego Laínez, hatte sich über Anweisungen des Generalats hinweggesetzt. Ignatius führt ihm den Sachverhalt vor Augen, zeigt das Fehlverhalten auf und lässt Pater Laínez ausrichten, dass er sich drei Tage im Gebet zurückziehen solle und dann selbst das weitere Vorgehen vorschlagen möge. Diego Laínez wird daraufhin wieder voll in den Orden reintegriert; im Jahr 1556, nur vier Jahre später, wird er in das Amt des Generaloberen gewählt. Hier zeigt sich auch die gute Frucht, die die Ermöglichung eines Neuanfangs bringen kann. Da können wir uns auch fragen, wie viele Chancen eine Gesellschaft vergibt, wenn sie keine Kultur des Neuanfangs pflegt. Wie viele Talente werden mitbegraben, wenn man die Möglichkeit eines Neuanfangs nimmt? Wie sehr schwächt sich eine Gemeinschaft, wenn sie keine Tradition der zweiten Chance pflegt?

Bemühen wir drei philosophische Gedanken zu diesem Thema. Erstens, Karl Popper: In seinem berühmten Tübinger Vortrag von 1981 hat er daran erinnert, dass wir milde mit den Fehlern anderer umgehen sollten, weil wir unsererseits auf Milde angesichts unserer Fehlbarkeit angewiesen seien. Anders gesagt: Nur sehr oberflächliche Menschen können der Ansicht sein, nicht auf die Vergebung anderer angewiesen zu sein. Zweitens, Hannah Arendt: In ihrem vor mehr als fünfzig Jahren erschienen Werk über das menschliche Leben ("Vita activa“) hat sie das Zusammenleben als zerbrechlich beschrieben - aus diesem Grunde seien wir auf zwei Grundakte angewiesen, auf den Grundakt des Versprechens, der uns Verlässlichkeit schenkt, und auf den Grundakt des Vergebens, der uns aus den Stricken vergangener Taten befreit. Ohne eine Kultur des Vergebens blieben wir stets an die Konsequenzen unseres Handelns gefesselt. Drittens, Avishai Margalit - der israelische Philosoph hat an einer Stelle davon gesprochen, dass die Würde des Menschen auch mit der Fähigkeit zum Neuanfang zusammenhängt, mit der Fähigkeit, neu zu beginnen. Wir können unserem Leben zu jedem Zeitpunkt eine neue Richtung geben. Wir könnten hier auch den Gedanken anschließen, dass es auch als Teil menschlicher Würde angesehen werden kann, dass wir scheitern können, dass wir sogar: Unumkehrbares schaffen können. Menschliches Handeln hat die Kraft, irreversible Fakten zu setzen. Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. So geht es nicht um die Frage, wie der Lauf der Zeit zurückgedreht werden könnte, sondern um die Herausforderung, gerade angesichts des Geschehenen neu zu beginnen.

Ohne Wahrheit gibt es keine Versöhnung

Dieser redliche Blick auf Fehlerhaftes scheint entscheidend. Man könnte in diesem Zusammenhang zwei Mahnschilder aufzustellen: Zum einen kann ein Neubeginn nicht auf Kosten der Wahrheit gehen und auf Lüge gebaut sein. Desmond Tutu, unter anderem Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, hat eisern an diesem Grundsatz festgehalten: Ohne Wahrheit keine Versöhnung. Aber auch: Ohne Versöhnung keine Zukunft für Südafrika. Ein Neuanfang für das Land baut auf einem redlichen Blick auf die Vergangenheit. Zum anderen darf man sich nicht der Illusion hingeben, ein Neuanfang würde "ein zweites Mal von vorne Anfangen“ bedeuten. Ein Neuanfang ist immer ein Anfang eingedenk des Scheiterns. Ein ehrlicher Neuanfang will "gelernt“ haben aus dem, was war. Es ist wohl eben dies, was auch mit "felix culpa“ gemeint ist. Und hier schließt sich der Kreis zum Nachdenken über die Menschwerdung Gottes.

Der Autor ist Philosoph, Theologe und Präsident des IFZ Salzburg