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Schmerzhaftes Sparen bei der Basis

Lässt sich der wirtschaftliche Erfolg von Grundlagenforschung mit objektiven Kriterien messen? Eine aktuelle Studie der Joanneum Research verneint dies und empfiehlt verstärkte Förderungen durch die öffentliche Hand.

Dass den heimischen Universitäten schmerzhafte Einsparungen bevorstehen, verdichtet sich immer mehr vom Gerücht zur Gewissheit. Eng mit der Unikrise verbunden, wenngleich nicht auf diese reduzierbar, ist die Situation der Grundlagenforschung. Zwar finden 70 Prozent der Grundlagenforschung an Hochschulen statt. Doch andererseits macht sie nur etwa die Hälfte der gesamten universitären Forschungsaktivitäten aus. Der für die Förderung von Grundlagenforschung zuständige Wissenschaftsfonds FWF musste vergangenes Jahr eine empfindliche Kürzung seines Budgets hinnehmen. Experten warnen jetzt vor einem langfristigen Schaden für die österreichische Wissenschaft. Die mangels Alternativen nach wie vor maßgebliche Definition von Grundlagenforschung findet sich im Frascati-Handbuch der OECD von 1963. Demnach handelt es sich um wissenschaftliche Arbeit, deren primäres Ziel darin besteht, #neues Wissen# zu erwerben, ohne sich dabei an #bestimmten Anwendungen oder Nutzen# zu orientieren. Wörtlich genommen klingt das bodenständigen Wirtschaftstreibenden wie ein Freibrief für Renaissance-Romantik im Elfenbeinturm. Auch passt eine solche Charakterisierung gerade in Zeiten des Spargebotes nicht recht ins politische Konzept einer Planbarkeit von Investitionen.

Andere Kriterien

Doch Grundlagenforschung kann man nicht mit den harten Maßstäben einer Unternehmenslogik bewerten. Das ist zumindest die Kernthese der von FWF und Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie #Nutzen und Effekte der Grundlagenforschung#. Konkret diagnostizieren und kritisieren die beiden Autoren Andreas Schibany und Helmut Gassler von Joanneum Research in der Technologieförderung eine Tendenz zur Orientierung an quantifizierbaren Outputs. Dem liegt ein mechanistisches Modell zu Grunde, wonach investiertes Geld und wirtschaftlich verwertbare Forschungsresultate einem linearen Wirkmechanismus folgen. Obwohl dieses Modell innerhalb der Volkswirtschaftslehre längst obsolet ist, wirkt seine Simplizität doch nach wie vor attraktiv. Dafür ist einerseits der Fokus auf internationale Vergleichbarkeit im Zuge des Lissabonprozesses verantwortlich. Andererseits das erfolgreiche Beispiel der Industrie, die mit 70 Prozent die tragende Säule der gesamten heimischen Forschungsinvestitionen darstellt (Stand 2007).

Die Schwäche von Innovations-Rankings wie dem jährlichen European Innovation Scoreboard (EIS) der Europäischen Kommission belegt etwa das Beispiel Irland. Bis 2008 hatte sich der Inselstaat auf Platz Acht im EIS vorgearbeitet. Wirtschaftlich liegt Irland heute allerdings am Boden. Solche Kennzahlen sind also stets mit Vorsicht zu genießen.

Grundlagenforscher haben jedoch das prinzipielle Problem, dass sie keine kurzfristigen Erfolgswahrscheinlichkeiten für ihre Projekte abgeben können. Tatsächlich zeigt sich der Nutzen ihrer Arbeit oft erst wesentlich später oder sogar auf gänzlich anderen Gebieten. Deshalb müsse die öffentliche Hand verstärkt eingreifen und mittels ausreichender Finanzierung eine nachhaltige Entwicklung garantieren, empfehlen die beiden Studienautoren. Wachsende Bedeutung kommt der staatlichen Förderung von Grundlagenforschung auch deshalb zu, weil sich der Unternehmenssektor sukzessive aus langfristigen Forschungsaktivitäten zurückzieht. Denn Unternehmensforschung folgt naturgemäß anderen Geboten. #Für uns ist letztlich der Markterfolg entscheidend#, sagt Reinhard Petschacher, Chief Technology Officer von Infineon Österreich. #Die wichtigste Kennzahl ist das Unternehmensergebnis.# Langfristige Forschung führt das Halbleiterunternehmen nicht mehr im Haus durch, sondern in Form strategischer Kooperationen mit Universitäten. Beispielsweise schreibt Infineon, wie auch andere Leitbetriebe, regelmäßig Diplomarbeiten aus und finanziert diese. An die strikte Trennung zwischen reiner und angewandter Wissenschaft will Petschacher ohnedies nicht so recht glauben. #Jeder Forscher folgt bei seiner Arbeit einer Vision#, meint er. #Selbst die hoch theoretische Quantenphysik hat als konkretes Ziel den Quantencomputer.#

Grenzen fließend

Grundlagenforschung sieht er als wichtigen Teil des Gesamtsystems Wissenschaft und Bildung, bestreitet jedoch ihre Vorzugsstellung gegenüber angewandter und experimenteller Forschung.Tatsächlich sind die Grenzen zwischen den Forschungsarten fließender, als die OECD-Definition das suggeriert. Dennoch betont Studienautor Andreas Schibany, dass der Unternehmenssektor bereits ausreichend gefördert werde. #Im internationalen Vergleich hat Österreich bereits den höchsten Anteil an Forschungsförderung für Unternehmen#, sagt Andreas Schibany. #Jetzt sollte man sich um jene Bereiche kümmern, in denen der Hut brennt.#

Wie viel Geld konkret notwendig wäre, hängt von der jeweiligen Zielsetzung ab. Zur Erreichung des Ziels einer Forschungsquote von 3,76 Prozent bis 2020 wäre ein jährliches Wachstum der Ausgaben um 6,22 Prozent nötig. Orientiert man sich an der Schweiz, die als weltweiter Spitzenreiter 0,83 Prozent ihres BIP für Grundlagenforschung aufwendet, müsste die jährliche Wachstumsrate 8,68 Prozent betragen. Dies wäre auch angesichts der immer stärker zunehmenden Internationalisierung von Forschungskooperationen wichtig.

Großes Humankapital

Wer die #besten Köpfe# ins Land holen will, muss diesen ein ansprechendes Umfeld bieten. Wer am Trend länderübergreifender Ko-Publikationen partizipieren will, muss sich attraktiv für Partner aus China oder den USA präsentieren. Davon kann letztlich auch die Industrie profitieren. Denn die Kompetenz junger Akademiker, sich neues Wissen anzueignen und bei der Entwicklung von Produkten anzuwenden, wird als Kardinaltugend des Humankapitals kaum in Zweifel gezogen.

Mehr Geld für die Förderung von Grundlagenforschung ist freilich kein Plädoyer für völlige Beliebigkeit bei der Mittelvergabe. #Eher eines gegen übertriebene Erwartungshaltung an die Grundlagenforschung#, sagt Schibany. #Qualitätskontrolle erledigt die Wissenschaft systemintern ohnehin selbst, dazu braucht es keine zusätzlichen Kriterien des Wirkungsnachweises.# Mehr als 77 Prozent des durch den FWF finanzierten Forschungspersonals sind Doktoranden und Postdocs. Also gerade jene jungen Menschen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Ein harter Wettbewerb um zu kleine Fördertöpfe macht diese Wissenschaftler nicht besser, sondern reduziert langfristig lediglich ihre Anzahl.

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