Schnee, der in Texte fällt

in der Literatur hat es immer schon viel geschneit. unter allen Naturerscheinungen blieb der SChnee den Literaten und Literatinnen ein zentrales Symbol.

Nein. Die Inuits haben nicht hunderte Ausdrücke für Schnee. Das ist ein hartnäckiger, nicht aus der Welt zu schaffender Mythos. Die Berliner Schriftstellerin Katrin Plassig betrieb in ihrem 2006 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Text „Sie befinden sich hier“ diesbezüglich Volksaufklärung: „Ich habe keine Geduld mit den Nachbetern dieser banalen Behauptung“, schrieb sie darin. Die Sprachen der Inuits „sind polysynthetisch, was bedeutet, dass selbst selten gebrauchte Wendungen wie ‚Schnee, der auf ein rotes T-Shirt fällt‘ in einem einzigen Wort zusammengefasst werden. Es ist so ermüdend, das immer wieder erklären zu müssen.“ Dabei ist das Deutsche selbst nicht arm an Schnee-Ausdrücken: Neu-, Alt-, Locker-, Nass-, Feucht-, Pulver-, Diamant-, Schwimmschnee etwa, oder Harsch, Firn, Griesel.

Die Literatur interessiert sich weniger für die genaue Beschaffenheit dieser Wasserform, das überlässt sie den „Schneeforschern“. Eine der wenigen Ausnahmen war der Universalgelehrte Johannes Kepler – Entdecker der Sechseckform der Schneekristalle –, der mit vielen seiner Schriften durchaus als Literat gelten kann. In „De Nive Sexangula“ („Vom sechseckigen Schnee“, 1611) erklärt er die Herkunft der „Schneematerie“ aus dem Wasserdampf, der dem Boden entwiche. Die Sechsstrahligkeit der Schneesternchen würde durch ein „Formvermögen im Körper der Erde“ geleitet, „dessen Träger der Wasserdampf ist, wie es eine menschliche Seele, einen Geist, gibt.“

Zauber bewahrt

Das klingt für Rationalisten des 21. Jahrhunderts mystizistisch. Dabei ist die Keplersche Frage, woher die Symmetrie der Schneekristalle rührt, wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Der Schnee hat seinen Zauber, seine „Seele“ bewahrt. In der Literatur blieb er über die Jahrhunderte ein zentrales Symbol unter den großen Naturerscheinungen – jeder Versuch, sie aufzulisten, müsste vor der Lawine an Textbelegen kapitulieren. Wohl jeder Leserin, jedem Leser fallen auf Anhieb „Schneevorkommen“ in der Literatur ein, vom Schneetraum in Thomas Manns „Zauberberg“ über die von Franz Schubert in der „Winterreise“ vertonten heißen Tränen, die den Schnee durchdringen, bis zu Kafkas „Schloß“ oder Peter Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Und denkt man an einen weiteren zentralen Schnee-Text, Ernest Hemingways „Schnee am Kilimandscharo“, so kommt in Zeiten der Klimaerwärmung eine neue, melancholische Dimension hinzu: In tieferen Lagen könnte Schnee bald nur mehr in der Erinnerung existieren, und der Gipfel des Kilimandscharo wird, wie eine Studie der Ohio State University behauptet, in 20 Jahren schneefrei sein.

In der Erinnerung waren frühere Winter ohnehin immer schneereicher als die gegenwärtigen; im ersten Schneefall stecken noch die kindlichen Winterfreuden und die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. So lässt der Rokoko-Lyriker Leopold von Goeckingk 1782 mit dem ersten Schneefall König Winter feierlich einziehen: „Gleich einem König, der in seine Staaten / Zurück als Sieger kehrt, empfängt ein Jubel dich! / Der Knabe balgt um deine Flocken sich, / Wie bei der Krönung um Dukaten.“

Kindliche Freude

Bereits vor 40 Jahren erschienen dies dem Lyriker Karl Krolow längst vergangene Winterfreuden zu sein: „Es gibt nur noch wenige richtig kalte Tage im Jahr. [...] Erster Schnee fällt jetzt anders als in dem Gedicht Leopold von Goeckingks. Das Naturereignis bleibt aus.“

Die kindliche Freude am Schnee wird in der Literatur oft mit der Symbolisierung der Reinheit bzw. Unschuld verknüpft. Adalbert Stifter setzt dem im Gedicht „Im Winter“ antithetisch ein weiteres Schneesymbol drauf – den Tod:

Kinder lieben sehr den Schnee,

Spielen gern darin:

Erstgebornes Kindchen, geh

Auch zum Schnee dahin.

Spiele mit dem weißen Flaum,

Sieh, er ist so rein:

Wird nach wenig Tagen kaum

Schnee und Kind mehr sein.

Als großen Schnee-Dichter deutscher Sprache muss man neben Stifter den Schweizer Robert Walser stellen. Sein Tod zu Weihnachten 1956 während eines Spaziergangs im Schnee – es gibt eine Fotografie des im Schnee Liegenden – veranlasste manchen Interpreten, das Ende als letzten Schritt einer Annäherung an dieses Element zu sehen, das Schneegrab als Heimkunft nach einem langen Spaziergang. Walser wurde bis in die Gegenwart herauf zu einem für viele Schriftsteller wichtigen Bezugspunkt. Der Schwabe Moritz Heger etwa ließ sich in seinem Romandebüt „In den Schnee“ (2008) von Walsers Ende zu einem schönen Schlussbild für seinen orientierungslosen Protagonisten inspirieren: Dieser legt sich, nachdem während eines Spaziergangs das Fortkommen im „Scheißschnee“ immer schwieriger wird, auf den Rücken (er stellt quasi den toten Walser nach) und wird zufrieden: „Das ist das Schönste, so müde zu sein, dass alle Gedanken zu Gletschern werden, zu in der Sonne glitzernden Gletschern rund um das Meer des Schlafs.“

Walser selbst schuf mehrmals Zusammenhänge zwischen Schnee und Tod, im Text „Schneien“ erdenkt sich der Ich-Erzähler einen toten „Helden“, der vom Schnee bedeckt wird. Jemand könnte achtlos über ihn hinwegschreiten, „ohne dass er etwas merkt, aber ihm, der unterm Schnee liegt, ist es wohl, er hat Ruhe, er hat Frieden, und er ist daheim.“ Walser schrieb 1917 einen Text mit dem Titel „Heimkehr im Schnee“, dabei denkt der Ich-Erzähler allerdings nicht an den Tod, im Gegenteil, das Gehen durch die „dichten, warmen, großen Flocken“ weckt Zuversicht, zugleich Erinnerungen: „Alles Ehemalige blühte und duftete mir jugendlich wie Rosen entgegen. Fast schien mir, als singe die Erde ein liebliches Weihnachts-, doch zugleich auch schon ein Frühlingslied.“

Bei Walser wird das Gehen im Schnee zum Lebensweg, in seinen beiden „Der Schnee“ betitelten Gedichten wird das Schneien zur existenziellen Metapher, der herabfallende Schnee steht für Vergänglichkeit, Determiniertheit, Unumkehrbarkeit („Der Schnee fällt nicht hinauf / sondern nimmt seinen Lauf / hinab und bleibt hier liegen, / noch nie ist er gestiegen“), ist aber auch Inbegriff der Stille („das Stillsein ist sein Glück“; „Das Ruhen und das Warten / sind seiner üb’raus zarten / Eigenheit eigen“).

Absolute Stille

Diese Stille ist ein zentrales Phänomen des Schneefalls. In Österreichs wohl bekanntestem Schnee-Text, Stifters „Bergkristall“, wird die Stille zu etwas Absolutem: Es „war nicht ein einziger Laut, auch nicht der leiseste außer ihrem Athem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.“ Ist es im Akustischen die Abwesenheit von „Lauten“, so dominiert visuell beim Schneien die Absenz von klaren Konturen. Der Schneefall löst die Grenzen auf, das Licht wird diffus.

„Die Gestaltungen der Gegend waren nicht mehr sichtbar“, schreibt Adalbert Stifter in der Erzählung „Aus dem Bayrischen Walde“, in der er über einen außergewöhnlich heftigen und langen Schneefall schreibt. „Es war ein Gemische da von undurchdringlichem Grau und Weiß, von Licht und Dämmerung, von Tag und Nacht, das sich unaufhörlich regte und durcheinandertobte, alles verschlang, unendlich groß zu sein schien, in sich selber bald weiße fliegende Streifen gebar, bald ganz weiße Flächen, bald Balken und andere Gebilde und sogar in der nächsten Nähe nicht die geringste Linie oder Grenze eines festen Körpers erblicken ließ.“

Wenn es schneit, kann sich auch die Stadt in eine „weisse Finsternis aus Nebel und Schnee“ verwandeln, das ist den wunderbaren Prosagedichten der Sammlung „Vom Schnee“ von Michael Donhauser zu entnehmen. Donhauser, wie Robert Walser ein großer Spaziergänger, spürt der Versprachlichung des Phänomens Schnee nach. Dabei streift er einen wichtigen Topos der Winter- und Schneeliteratur – den Gegensatz draußen-drinnen. Schneefall draußen erhöht immens die Behaglichkeit in der warmen (Wirtshaus-)Stube, umso mehr, wenn der männliche Erzähler einer hübschen „Serviertochter“, wie man in der Schweiz sagt, ansichtig wird: „und es war dann ein Sagen vom Schnee, der jetzt liegen bleiben würde, während ich durch eines der Gaststubenfenster das dürre Laub einer Platane sah, ihre hängenden Blätter unter der Last des Schnees: doch in jener Strumpfnaht sammelte sich, was draussen verloren ging, war warm und nah, was dort als Weite weiss war und kalt, dass ich so immer wieder hin schaute zu der Serviertochter, welche die Beine übereinandergeschlagen hatte, während sie rauchte.“

In die Seele trinken

In Österreich kann man nicht vom Schnee sprechen, ohne die Tourismusindustrie zu erwähnen. Denn „wenn Schneeflocken fallen“, das schrieb schon Ödön von Horváth in seinem „Wintersportlegendchen“, „binden sich selbst die heiligen Herren Skier unter die bloßen Sohlen.“ Und in Zeiten seiner maschinellen Erzeugung hat der Schnee längst seine weiße Unschuld hinter sich gelassen. Aber das hatte er schon zu Horváths und früher zu Peter Altenbergs Zeiten. Der große Melancholiker Altenberg stilisiert in „Winter auf dem Semmering“ den Schnee zu einer seiner „zahlreichen unglücklichen Lieben“. Er wolle ihn „zu nichts Praktischem benützen, wie Schierngleiten, Rodeln, Bobfahren“, vielmehr zu einer Weltenflucht in das „Zauberreich“ des Winters, das allerdings nur ein „sogenanntes“ ist – aber zur Kontemplation und zur Kompensation taugt der Schnee immerhin: „ich will ihn betrachten, betrachten, betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele hineintrinken“.

Wolfgang Straub, geb. 1968, Studium der Deutschen Philologie, Publizistik und Theaterwissenschaft in Salzburg und Wien. Lebt als freier Literaturwissenschaftler und -kritiker sowie Verlagslektor in Wien. Buchpublikationen u.a. „Salzburg. Ein Reisebegleiter“ (2008), „Literarischer Führer Österreich“ (2007).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau