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"Schneideraum ist nichts FÜR HELDEN"

1945 1960 1980 2000 2020

Zeit-Bilder aller Facetten bietet der Film "Untitled", der die Diagonale 2017 eröffnet. Monika Willi vollendet Michael Glawoggers Œuvre grandios.

1945 1960 1980 2000 2020

Zeit-Bilder aller Facetten bietet der Film "Untitled", der die Diagonale 2017 eröffnet. Monika Willi vollendet Michael Glawoggers Œuvre grandios.

Monika Willi kennt alle Meisterwerke des österreichischen Films zuerst. Denn sie ist jene Schnittmeisterin, die die erfolgreichsten Filme von Michael Haneke, Barbara Albert oder Michael Glawogger geschnitten hat. Nun hat sie nach dem überraschenden Tod Glawoggers dessen letzte, als Fragment verbliebene Arbeit "Untitled" fertiggestellt. Glawogger war 2014 bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm, der ihn ohne Ziel rund um den Globus führen sollte, in Liberia an den Folgen einer Malaria-Erkrankung gestorben. Willi nähert sich der Aufgabe mit Respekt und hat am Ende einen echten Glawogger-Film auf die Leinwand gebracht, der die diesjährige Diagonale in Graz eröffnen wird.

DIE FURCHE: Wie viel können Sie als Editorin tatsächlich einem Film zugeben? Das ist ja im Fall von "Untitled" eine spannende Frage.

Monika Willi: Es kommt darauf an. Zum einen wird im Schneideraum der Film gestaltet. Bei den meisten fiktionalen Filmen gibt es im Schneideraum alle Möglichkeiten, weil der Regisseur alle möglichen Perspektiven gedreht hat. Jemand wie Michael Haneke tut das nicht, denn er hat nur genau das gedreht, was er sich vorstellt. Nicht mehr und nicht weniger. Dann gibt es viele Filme, die ihre dramaturgische Arbeit in den Schneideraum verlegen. Beim Dokumentarfilm ist es sowieso der Fall, dass der Schnitt sehr viel mit der dramaturgischen Arbeiten zu tun hat.

DIE FURCHE: Ist Schnitt eine intuitive Arbeit?

Willi: Ich bespreche nicht lange, was ich vorhabe, auch nicht mit mir selbst, sondern ich beginne einfach mit der Umsetzung. Insofern ist das intuitiv. Es gibt solche und solche Editoren, genau wie bei Autoren: Manche Schriftsteller entwerfen ihre Romane sehr genau, andere sagen, ihre Figuren hätten sie durch den Schreibprozess geführt und gliedern gar nicht. Es gibt Kollegen, die das Schneiden mit dem Schreiben vergleichen, aber ich weiß zumindest nach "Untitled", dass das nicht ganz richtig ist. Denn wir sitzen nicht vor einem weißen Blatt Papier, wenn wir die Arbeit beginnen, sondern wir bekommen schon ganze Sätze und halbe Kapitel vorgelegt.

DIE FURCHE: War von Beginn an klar, dass Sie diesen Film schneiden würden?

Willi: Ja. Wir kannten einander seit 1998, haben immer wieder zusammengearbeitet. Zunächst war sein Tod ein großer Schock, er brachte eine große Stille mit sich. Aber langsam befasste ich mich wieder mit dem Material, das ich ja schon kannte, denn ich begann schon während der Dreharbeiten mit dem Schnitt. Schließlich habe ich mich dafür entschieden, den Film zu schneiden, und das war auch der Wunsch der Produktionsfirma.

DIE FURCHE: Der Film wirkt aus einem Guss und reif. Gab es von Glawogger bereits Direktiven, wie die Montage aussehen sollte?

Willi: Nein, nicht wirklich, es war nur klar, dass die Reise an sich kein Thema sein sollte, auch nicht die Chronologie, und dass der Film inhaltlich getrieben sein sollte, war ebenfalls klar. Ich habe ihn einmal gefragt, ob wir im Verlauf des Films möglicherweise wieder an besuchte Orte zurückkommen, da meinte er, maximal einmal, denn er war kein besonders großer Fan davon. Ich habe nun im Film drei Orte, an die ich zurückkehre, weil mir das dramaturgisch richtig erschien.

DIE FURCHE: Es ist Ihnen jedenfalls ein echter Glawogger-Film gelungen.

Willi: Danke. Es war mir wichtig, dass der Zuschauer von Beginn an um den tragischen Ausgang dieser Reise weiß. Und dass es hier keinen Plot zu erwarten gibt, keine Dramatik im Sinne eines Films, sondern dass man es so betrachtet, dass alles, was hier gemacht wurde, komplett im Nachhinein entstanden ist. Nach dem Schnitt war es für die Produktion klar, "Untitled" als Film von Michael Glawogger und Monika Willi zu benennen, auch in dieser Reihenfolge. Das passiert aus Schutz für Michaels Filmografie, denn den Film hätte man auch komplett in den Sand setzen können, und dann wäre es gut, wenn klargestellt ist, dass es nicht Michaels Schuld war.

DIE FURCHE: Gerade stellen Sie den neuen Film von Michael Haneke, "Happy End", fertig, dessen Premiere für Cannes erwartet wird. Was ist das für ein Gefühl, so einen Informationsvorsprung zu haben?

Willi: Der Schneideraum ist ein sehr schutzbedürftiger Ort und er braucht auch dieses Vertrauen. Es ist der Ort, wo die Regie kommt, auch mit allem Schmerz über das Nicht-Geglückte. Das muss man alles zulassen und darf kein Held sein. Oft sind die, die nach außen sehr stark wirken, ganz schwach, wenn sie damit konfrontiert werden, was Sache ist. Insofern ist es Teil des Berufs, damit sehr, sehr sorgsam umzugehen.

DIE FURCHE: Thema "Frauenquote" beim Film: Was denken Sie darüber?

Willi: Bei allem Verständnis dafür, dass man pauschal sagt, bei künstlerischer Arbeit kann es keine Quote geben: Die Quote ist ermutigend. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie man Kinder und diesen Beruf vereinbaren kann, und es geht, wenn man den nötigen Rückhalt beim Partner und bei den Regisseuren hat, mit denen man arbeitet. Auch, dass ich den Schritt getan habe, im konkreten Fall "Untitled" zu schneiden, ist aus so einem Prozess entstanden. Zunächst muss man es sich gestatten, das überhaupt in Betracht zu ziehen. Der Druck ist: Ist ein Engagement trotz Mutterschaft erlaubt oder nicht? Die Quote zielt genau darauf, dass man es sich eben erlaubt, zu arbeiten. Sie schafft ein Bewusstsein auch bei jenen, die bisher nicht den Mut hatten, zu sagen: Ich habe hier einen Platz und möchte ihn ausfüllen.

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