Schneller Durchfall garantiert

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Wundermittel aus dem Arznei-schrank boomen wie noch nie. "Xenical", die Pille für die Traumfigur, rückt seit erstem September dem Fett zu Leibe.

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Wundermittel aus dem Arznei-schrank boomen wie noch nie. "Xenical", die Pille für die Traumfigur, rückt seit erstem September dem Fett zu Leibe.

Der Bedarf ist derartig groß, wir haben keine Ware mehr!" Josef Klingler vom Pharmakonzern "Roche" kann sich freuen. Pünktlich an die Großhändler ausgeliefert, ist "Xenical" seit September in der Apotheke ein Verkaufshit. Für krankhaft fettsüchtige Patienten gedacht, ist die Zahl der Käufer, "die mit dem Arzt sprechen" oder selbst tief in die Tasche greifen, hoch. "Die Dummheit der Leute ist unglaublich! Das Ganze wird so laufen, daß die fressen wie eh und je, sich das ,Xenical' reinwerfen, Durchfall bekommen, und dann meinen, das sei ein Dreck." Dr. Jasek von der Apothekerkammer hat Erfahrung mit der Wundergläubigkeit der Konsumenten.

Dabei ist "Xenical" ein ganz normales Medikament mit einer klar definierten Zielgruppe: Menschen, die an Adipositas, also "Fettsucht" leiden. Die Diagnose der Krankheit hat nichts mit der subjektiven Eigendefinition des Betroffenen zu tun. Krankhaft fettsüchtig ist derjenige, der einen besonders hohen BMI (Body Mass Index) aufweist. Seine Berechnung klingt kompliziert, doch diätbewußte Leserinnen von Frauenzeitschriften beherrschen die Formel aus dem Effeff. Man dividiert das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Der BMI bezeichnet das praktische und indirekte Maß der Fettmasse. Liegt er zwischen 20 und 25 kg/m2 kann man sich beruhigt zu den Normalgewichtigen rechnen. Ab einem Wert von 30 kg/m2 spricht man von Übergewicht. Puritaner bezeichnen diese Kategorie schon als erste Stufe der Adipositas. Wirklich alarmierend wird es dann bei Werten zwischen 40 und 70. Im Extremfall wiegt also ein Patient bei einer Körpergröße von knapp eineinhalb Metern fast 150 Kilo.

Dicksein gilt als unschön. Wer dick ist, habe wenig Disziplin, fresse Kummer in sich hinein und sei meist "gemütlich", spricht der Volksmund. Tatsache ist: Dicke haben weniger Chancen am Arbeitsplatz und leiden unter gesellschaftlichen Problemen.

Krankhaftes Übergewicht ist alles andere als nur ein kosmetisch-soziales Problem. Seit zehn Jahren ist es von der WHO als Krankheit anerkannt. Dicke haben nicht nur mehr Chancen, als Folge des Übergewichts an Zucker, Bluthochdruck, Gicht oder aufgrund erhöhter Blutfettwerte an Herz, Hirn und Nieren zu erkranken. Ihre Zahl steigt auch rapide an: In Mitteleuropa sind immerhin zwischen 15 und 22 Prozent der Bevölkerung Adipositas-Patienten. In Österreich sind nach einer Studie des IMS 23.000 Frauen und 9.100 Männer fettsüchtig, 34.400 Menschen sind überernährt.

Das Hauptproblem am Krankheitsbild liegt darin, daß der Körper sich an das Übermaß der Ernährung gewöhnt. Die Ursache ist vordergründig einfach: zu viel essen. Die Forschung hat jedoch herausgefunden, daß dicke Menschen kalorienmäßig nicht wesentlich mehr essen, als schlankere. Sie essen nur besonders fett. An diesem Punkt setzt das neue Medikament an. Es verhindert, daß das von bestimmten Enzymen,den Lipasen, aufgespaltene Fett über die Lymph- und Blutwege zu den Fettdepots des Körpers gelangt und dort gespeichert wird. "Xenical" hemmt einfach die Lipasen an ihrer Spalttätigkeit. Fett bleibt zu hohem Anteil Fett, und wird als solches mit dem Stuhl ausgeschieden. Durchfall ist daher eine unangenehme Nebenwirkung des Medikaments.

Ohne Änderung der Ernährungsgewohnheiten und Reduktion des Fettanteils der Kost, wird aber niemand wirklichen Heilerfolg erzielen. Die Diät selbst ist ziemlich einfach: weniger Fett. "Keine Stelze, keine fetttriefende Panier, Butter würde ich auch nicht empfehlen": Josef Klingler vom Pharmakonzern "Roche" hält eine Einnahme des Medikamentes nur in Kombination mit einer Diät für sinnvoll. Dann allerdings zahlt sie sich, glaubt man den Testergebnissen, wirklich aus. Innerhalb eines halben Jahres haben diejenigen Versuchspersonen, die gewissenhaft Fett in der Nahrung reduziert haben, mit "Xenical" doppelt so viel abgenommen wie disziplinierte Normalsterbliche.

Dabei hat der, der "Xenical" schluckt, jedesmal, wenn er ernährungsmäßig über die Stränge schlägt, eine Rückmeldung vom Körper. "Immer, wenn Sie Ihre Diät nicht eingehalten haben, sehen Sie das sofort an einem dünneren Stuhl," erklärt Klingler. Dieser Kontrolleffekt kostet: kauft man die 84-Stück-Packung, bezahlt man dafür 1.665 Schilling und 50 Groschen. Das reicht für einen Monat, einzunehmen ist die 120-Milligramm-Kapsel zu jeder Hauptmahlzeit. Die Zwei-Wochen- Dosis käme auf 1.011 Schilling, jedoch: "Unter drei bis sechs Monaten können Sie's vergessen," macht Klingler alle Hoffnungen auf einen raschen Erfolg zunichte.

Für Schlankheitsmittel machten die Österreicher im Zeitraum von elf Monaten bis zum Juni 1998 immerhin etwa 47,5 Millionen Schilling locker. Auf rezeptpflichtige Schlankmacher kamen davon ohne "Xenical" über 10 Millionen Schilling. Der Markt war rückläufig, was sich nun schlagartig ändern dürfte.

Professor Bernhard Ludvik hat am Wiener AKH das Medikment ein Jahr lang an etwa hundert Personen getestet. Die Patienten waren hochmotiviert, auch diejenigen, die ein Placebo einnahmen, konnten Gewicht reduzieren. Mit Hilfe des Medikamentes konnten allerdings noch ein Drittel mehr Kilo purzeln als ohne. "Es geht hier nicht um die Dame, die die Bikinifigur erreichen will, oder den Herren, den die Schwimmreifen über der Badehose stören," weist Ludvik noch einmal darauf hin, daß das Medikament nur für gesundheitsgefährdend dicke Patienten gedacht ist. Das wird freilich wenig helfen. Der Glaube an Wunder sitzt tief, Diäten und Sport sind weniger populär als Modepillen.

"Ist das Essen so ein Genuß?" Dr. Jasek von der Apothekerkammer kann sich über die rege Nachfrage nach "Xenical" nur wundern. Mit seinen 65 Kilo Lebendgewicht hat er leicht lachen. Für leichte Menschen ist die Askese einfacher. Mehr Fett bringt nämlich mehr Genuß. "Fett ist nicht nur Energielieferant, sondern auch ein Geschmacksträger, was von der Lebensmittelindustrie entsprechend genutzt wird," erklärt Professor Ludvik den schnellen Hunger nach mehr. Dicke schmecken intensiver. Vielleicht ist deshalb auch der Wunsch nach Gewichtsabnahme ohne Verzicht so stark.

Ohne Sport und Disziplin kriegt der Abnehmwillige also mit oder ohne "Xenical" überflüssige Pfunde nicht los. Denn, wie das singende Wiener Original Jazz Gitti treffend bemerkt: "Nimmst du es und sündigst du, ist der schnelle Durchfall garantiert."

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