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"Schon genug gekreuzigt"

Seit 1959 ist Karl Prantl die Seele des Bildhauersymposiums im Steinbruch St. Margarethen: ein Künstlertreff mit politischer Intention. Anlässlich seines 80. Geburtstags sprach die Furche mit dem Bildhauer, für den der Stein ein Vehikel zur Findung des Geistigen ist.

Die Furche: Wenn Sie nochmals 18 Jahre wären und vor der Berufsentscheidung stünden, würden Sie wieder Bildhauer werden?

Karl Prantl: Auf jeden Fall. Denn mit 80 ist es ein bisschen spät, so intensiv schauen zu können, wie man vielleicht mit 18 hätte schauen sollen, auch müssen. Aber die Zeit war eine andere, wir haben ganz anders geschaut - oder gezielt. Wir haben das Scharfschießen gelernt. Das ist eine furchtbare Sache in unserer Generation und in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Unter Katholiken noch dazu, katholischen Schergen in einem burgenländischen Dorf. Also, wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich nicht so sehr hinausschauen, wie ich es getan habe, sondern mehr hineinschauen, in die Steine, konkret: in den Boden, in die Erde - viel intensiver.

Die Furche: Sie haben Ihre Ausbildung in einer denkbar ungünstigen Zeit genossen. Wie war da das Klima, wer waren die Vorbilder?

Prantl: Ich muss sagen, Vorbilder im Bereich der Bildhauerei hat es für mich nicht gegeben. Das Aufwachsen in der Gestimmtheit der dreißiger Jahre bis in die vierziger Jahre - von da trägt man jetzt in meinem Alter Bilder im Hinterkopf, die nicht so schön sind und die mit uns sterben - hoffentlich. Ich habe diese ganze Misere bis 1945 auf meine Weise durchgemacht. Die Entscheidung zur Kunst ist ja dann erst gefallen.

Die Furche: Für Giacometti, Fontana, Manzoni und Konsorten war die Grundfrage: Ist Kunst nach dem Desaster der Weltkriege noch möglich. Deren Antwort gab ihrer Kunst auch einen destruktiven Charakter. Bei Ihnen scheint mir allerdings ein affirmativer Zugang vorherrschend zu sein.

Prantl: Was vielleicht das Wesentliche ist: dass die Findung der Abstraktion stattgefunden hat. Aber ohne unsere Beteiligung. Wir sind bei Kokoschka und den Folgen geblieben. Aber es gibt noch andere Stärken. Für mich sind die anderen wichtiger. Der Tisch des Schweigens von Brancusi in Tirgu-Jiu ist ein Faktum. Um einen runden Tisch laden zwölf Hocker ein, Platz zu nehmen. Wer hat dort Platz genommen? Wir Bildhauer. Man hätte sich viele "Runde Tische" ersparen können. Und wenn so ein Tisch Eingang hätte finden können in einen Kirchenbau...

Die Furche: Kann man aus Ihrem starken Bezug auf die Abstraktion den Umkehrschluss ziehen, dass die menschliche Figur ausgedient hat?

Prantl: Das sage ich ja eh immer wieder. Auf Spiel- und Standbein ist man lange genug gestanden. Und gekreuzigt wurde auch schon sehr lange. Und es sollte einmal ein Ende nehmen. In dieser Spannung sehe ich meine Begegnung mit dem Christentum. Es fällt mir ja nicht leicht, um diesen Gekreuzigten zu wissen. Aber die Anrufungen der fünf Wunden, die kann man so weit abstrahieren, dass nicht mehr das Blut fließen muss. Es ist lang genug geflossen.

Die Furche: Sie haben als Zeichner begonnen. Hauptmedium wurde dann der Stein. Was hat dieser so Besonderes?

Prantl: Das sind die ersten Festigkeiten in der Schöpfung und dann kommt der Baum - und der Mensch kommt erst sehr spät. Und der Mensch ist der erste, der wieder geht, dann geht der Baum und dann der Stein. Auch der härteste Stein wird Sand. Und allein in diesen Bildern leben zu können, da wird man immer beschenkt.

Die Furche: Hat es einen besonderen Anlass gegeben, mit den Symposien in St. Margarethen zu beginnen?

Prantl: Also für uns, die wir hier aufgewachsen sind, war das ein Anruf, ein historischer, geografischer, auch mentaler. Und aus dem Wissen um den Ort dort, an dem soviel von den Gestalten her gegeben war, im Bereich der Skulptur, der Architektur, aber auch im Bereich der Theologie, des Priesterlichen.

Die Furche: Was war für Sie die Herausforderung bei Ihren Altargestaltungen in Langholzfeld oder in der Leechkirche in Graz?

Prantl: Es hat damals andere Tendenzen gegeben, im Bereich der Architektur, des Kirchenbaus. Es war die Zeit der Flexibilität, des Temporären und nicht für so einen heidnischen Kultstein. So war ich es, der das Heidentum in den katholischen Kirchenraum gebracht hat. Aber, wenn ich sehe, wie man die Hand auf einen Stein legt, denke ich, vielleicht ist das Vehikel Stein gar nicht so schlecht für den Priester, der dort Messe feiert und für die Hostie, die gereicht wird.

Die Furche: Religion erfüllt die Funktion der Erinnerung, der Unterbrechung, sie schafft Orte des Anhaltens, wenn Sie an die Jakobsgeschichte denken. Hat die Kunst eine ähnliche Aufgabe? Erfüllen Ihre Steine eine ähnliche Funktion?

Prantl: Da draußen, da habe ich zwei solche Steine stehen, die haben diese roten Flecken, da zwischen dem Türkis. Dieses Rot in dem Grün ist für mich immer dieser permanente Anruf oder Aufruf von der Materie her. Dieses Rot ist wie das Blut in den Adern und ich wollte die beiden Steine hingeben in eine Art Klagemauer. Dass man auf diese Steine, auf dieses Rot und Grün die Hände legt, oder die Stirn; und wenn ich jetzt vorbeigehe und die Hand drauflege, ist es für mich wirklich so ein Akt wie an der Klagemauer, wie in Jerusalem. Und dies immer wieder tun zu können hier auf diesem Feld, ist für mich eine kleine Erfüllung. Weil wir so beteiligt sind an dieser Schuld - und wer vergibt uns?

Die Furche: Gibt es in Ihrer Arbeitsweise am Stein ein Moment des "Mönchischen", des "Kontemplativen"? Oder sind diese Begriffe für Sie zu stark besetzt?

Prantl: Das kann man sehen, dieses Wiederholen, dieses Repetieren, immer wieder, noch einmal von vorne. Locker lassen, bis der Stein sich rührt. Man hat auch andere Informationen, aber von der Schöpfung her gedacht, von Vater, Sohn und Heiligem Geist, das hat mich immer beschäftigt, und die Wundmale. Unterwegs hat man gemerkt, wenn es schon eine dritte Person gibt, die teilt sich ja anders mit. Da ist der Spielraum größer. Was ist der Heilige Geist?

Die Furche: Ist der Heilige Geist unter den göttlichen Personen ein bisschen Ihr Liebling? Gibt es eine Verbindung zwischen der ungegenständlichen Form der Steine und den Vorstellungen vom Heiligen Geist?

Prantl: Auf jeden Fall. Und da sehe ich wirklich eine Chance, über eine starke Beschäftigung mit dieser dritten Person. Nicht dass sie immer auftaucht zu Pfingsten als feurige Zunge oder als Taube, sondern anders. Da sind Dinge wirklich gefunden worden, in allen Medien. Ich habe da schon sehr früh diese drei Mulden gemacht, das hat mich immer bewegt, es waren immer die Anrufungen, der Vater, der Sohn, der Geist. Und alle gleich, nicht der eine mit dem Bart und der andere mit dem Kreuz und der dritte eine Taube, sondern ich habe damals schon versucht, das zu abstrahieren.

Die Furche: Herbert Muck sieht Ihre Arbeiten als "Durchschauen der christlichen Tradition auf die Grundformen religiöser Zeichensetzung". Sind Sie so ein "religiöser Seher"?

Prantl: Also eine andere Weise der Frömmigkeit ist für mich schon eine Triebkraft. Dieses Repetieren, das kennt jede Kultur, das ist nichts Christliches alleine. Und Haut ist auch überall ähnlich. Und ich wollte sogar in die Mission gehen und als Maler da andere Dinge malen. Aber ich bin halt dann doch dageblieben, vielleicht hätte ich mich da eingestimmt in das, was so gewünscht wird in den Orden oder in der Hierarchie. Aber ich bin lieber in dieser Unsicherheit geblieben bis heute, Gott sei Dank. Und es ist ein kleines Wunder, dass wir wirklich nur von diesen Steinen leben. Da wurde ich zuversichtlich, vielleicht ist es wirklich der Heilige Geist.

Das Gespräch führte Hartwig Bischof.

Transparente Zartheit aus hartem Stein

Karl Prantl ist am 5. November 1923 in Pöttsching im Burgenland, geboren. Er gehört zu den herausragenden zeitgenössischen Bildhauern. Nach dem Studium der Malerei wandte er sich fast ausschließlich der Steinskulptur zu. In seiner an den Strukturen der Steine sich orientierenden Arbeitsweise transformiert er die Härte des Materials in eine transparente Zartheit, die zum Hinschauen und Angreifen einlädt. 1959 gründete er das zukunftsweisende Symposium europäischer Bildhauer im Steinbruch von St. Margarethen. Neben unzähligen Ausstellungen und Beteiligungen an Symposien ragen der Nürnberger Kreuzweg, die Landschaftsskulpturen in Söll/Tirol, sowie die alleeartige Aufstellung von Großskulpturen am Pöttschinger Feld heraus.

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