Zunächst über Jahrhunderte vergessen, inspirierte sein Werk die Künstler der Moderne: Matthias Grünewald.

Kennen Sie die Kreuzigungsgruppe von Matthias Grünewald, das Mittelfeld des Isenheimer Altars? Ich liebe dieses Bild und habe versucht, es zu interpretieren [...]. Aber sowie ich anfange zu zeichnen, wird etwas ganz anderes daraus". So Pablo Picasso 1933 zu seinem Künstlerkollegen, dem Fotografen Brassa¨1. Er beschreibt damit, was auch für viele seiner Kollegen prägend war: Das Werk Grünewalds löst Emotionen aus, die sich als eigene künstlerische Kreationen niederschlagen.

Mathis Gothard-Nithart, genannt Grünewald, der um 1480- 1528 lebte, war in Farben und Formen für seine Zeit einzigartig kühn. Einerseits in überzeugendem Realismus das menschliche Leiden in all seiner Grausamkeit abbildend (zum Beispiel in den Häuptern seiner Gekreuzigten oder in "schreienden" Händen), brachte er durch den phänomenalen Umgang mit der Farbe andererseits eine Geistigkeit in seine Darstellungen (zum Beispiel in die des Auferstandenen am berühmten Isenheimer Altar), die ihresgleichen suchen kann. Dabei setzte er sich durchaus über akademische Regeln hinweg.

Einzigartige Farben

Vielleicht liegt es gerade an seiner Einzigartigkeit, dass er über Jahrhunderte in Vergessenheit geriet und erst wieder - da aber gewaltig und fast schon als Modeerscheinung - ans Licht kam, als seine Kollegen im 20. Jahrhundert Farbe und Expressivität entdeckten.

"Zermalmte Arme an ausgerenkten Schultern; das Fleisch an den Muskeln ausgehöhlt, als hätten da dicke Stricke gerissen, es knirscht wie gebrochene Knochen - und hoch mit schreienden Fingern große gespenstige Hände, Hände, die fluchen wollen und Segen stammeln [...]": Die Beschreibung der Tauberbischofsheimer Kreuzigung durch Joris-Karl Huysman in seinem Roman "Lá-Bas" (1891), die 1895 auf deutsch in der Kunstzeitschrift Pan abgedruckt wurde, markiert den Beginn des Einflusses auf Künstler und Kunsttheoretiker der Moderne. In Briefen und Tagebüchern finden sich die Spuren des Interesses der zu Grünewalds Werken scharenweise pilgernden Künstler, zu denen Max Beckmann ebenso gehörte wie Paul Klee und August Macke. Vor allem die exaltierten Gesten und Gebärden faszinierten die expressionistischen Maler, die der Emotionalität und Expressivität den Vorrang gaben vor klassischen Idealen.

Die nationale Vereinnahmung Grünewalds als deutscher Maler wich der Ernüchterung nach dem Ersten Weltkrieg, einer Zeit, in der Grünewalds Kreuzigungen als Darstellungen des menschlichen Leidens Aktualität erlangten. So mancher Künstler entlehnte sich aus Grünewalds Figuren die verkrampften Hände und Füße, das zerschundene Haupt, um dem unermesslichen Leid Ausdruck zu verleihen, das der Krieg verursacht hatte.

Die Aus- und Einwirkungen auf konkrete Bilder müssen nicht unbedingt als formale Einflüsse erkennbar sein: Grünewald wird nicht kopiert, Grünewald inspiriert. Max Beckmann etwa nannte ihn den Leitstern seiner künstlerischen Ausrichtung. Otto Dix, der sich 1915 als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte, brauchte Jahre, um seine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und griff auch nach seiner Rückkehr aus französischer Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder das Kreuzigungsthema auf.

Grünewald selbst hatte den Altar für das Antoniter-Kloster in Isenheim geschaffen, einen Ort, an dem Kranke gepflegt wurden, die sich wohl mit den derart expressiv dargestellten Qualen identifizieren konnten. Mit den Bildern wurde ihnen aber zugleich auch Hoffnung zugesagt.

Inspirationswelle

Pablo Picasso war vom Anblick des Isenheimer Altars derart inspiriert, dass er direkt darauf reagierte. Zwischen dem 17. September und dem 21. Oktober 1932 entstanden an fünf Arbeitstagen insgesamt 32 Tuschezeichnungen, die dem Betrachter heute das Abarbeiten seiner ästhetischen Erfahrungen illustrieren. So übermalte er etwa in seinem dritten Blatt des ersten Arbeitstages weite Partien - und deutete damit schon seine Entfernung von der Darstellung der Figurenszene an (Abb. links unten). Zwei Wochen später allerdings fokussierte er wieder den Oberkörper Christi und die knieende Maria Magdalena in einer realistisch anmutenden Weise (Abb. rechts unten).

Bis heute dauert die Faszination dieses einzigartig expressiven gotischen Malers an. Mit Arnulf Rainer, Michael Mathias Prechtl und Michael Triegel finden sich in einem informativen Bildband zum Thema - "Grünewald in der Moderne" - auch Werke zeitgenössischer Künstler.

Grünewald in der Moderne

Beckmann, Picasso, Rainer, Schad und andere. Die Rezeption Matthias Grünewalds im 20. Jahrhundert

Hg. v. Brigitte Schad u. Thomas Ratzka

Wienand Verlag, Köln 2003

192 Seiten mit zahlr. Abb., geb., e 49,40

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau