Schreiende Stillleben

Die große Jawlensky-Retrospektive in der Kunsthalle Krems zeigt alle Phasen des Malers, vom realistischen Beginn bis zu den abstrakten archetypischen Gesichtern.

Ein kleines, weißes Licht im dunklen Auge ist der hellste Fleck in Alexej von Jawlenskys "Der Jude Abraham". Fast magisch zieht es den Blick auf sich, lässt den Alten lebendig und aufmerksam schauen. Reduziert auf Grautöne, mit wenig Ölfarbe malte Jawlensky das Porträt 1893 auf grob durchschimmernde Leinwand. Es ist das früheste von 120 Werken der Retrospektive "Magische Bilder" in der Kunsthalle Krems. Der realistische Beginn einer einzigartigen malerischen Reise. Unbeeindruckt von Bildprogrammen und Theorien der Moderne, ausgehend von der Faszination, die russische Ikonen auf ihn ausübten, suchte Jawlensky nach inneren Bildern. Ob Landschaften, Stillleben, Porträts: sein intensiver Blick transformiert die banalsten Motive, sieht alles durchdrungen vom unbegreiflichen, wundersamen Lebensrätsel der Schöpfung.

Gesichts-Meditationen

Das Nicht-mehr-Fassbare durchzieht Jawlenskys Werk in ständiger Transformation. Exzessiv taucht er zur vitalen Lebensmitte ins Universum glosender Farben, arbeitet später in Serien, schafft Variationen, mystische und abstrakte Köpfe, Heilandsgesichter. Im substanziellen Spätwerk seiner "Meditationen" dringt er an den Wesenskern der leidenden Seele vor. Einer schweren Arthritis abgetrotzte Schmerzensbilder, reduziert aufs Kreuz. Gemalt mit einem Pinsel, der an die steifen Hände gebunden werden musste, weil Jawlensky ihn selbst nicht mehr halten konnte.

Schon am Beginn ist alles angelegt, was Jawlenskys Malerei bis zu den tiefen, abstrakt-vergeistigten Bildern am Lebensende ausmacht. Von dunkelgelben Wänden glüht das Frühwerk, neben ein paar impressionistischen Exkursen weist der "Schwarze Tisch" 1901 den künstlerischen Weg. Vom Möbel selbst bleibt nur die schwarze Beinstruktur. Wie eine Hostie, mandorlaförmig, strahlend weiß, scheint ein Teller auf der Tischplatte zu schweben, die sich in perspektivischer Schräge in graugelbbraunen Farbschlieren verliert, eins wird mit dem Untergrund. "Die Lampe", 1908. Zitronengelb stößt auf flammendes Zinnoberrot, darunter grelles Froschgrün, umrahmt von unheilvollem Schwarz. Glühende Farben, lose gefasst von strukturierenden Linien. Unruhig bewegte Pinselstriche verwandeln Still leben in schreiende, wesenhafte Materie. Jawlenskys Blick dringt an Wesen und Kern der Dinge, formt die Welt, die er sieht, zum intensiven, flächigen Farbrausch.

Dunkelrote Wände in der großen Säulenhalle: davor Landschaften mit schwarzen Telefonmastkreuzen, schreiend roten Schornsteinen, bewegten Bäumen, glühenden Himmeln, scheckig glosenden Gebirgen. Gesichter mit großen, umrandeten Mandelaugen, roten Wangenkreisen auf grüngelber Haut. Dichter, greller, abstrakter, intensiver: Jawlensky löst sich vom Gegenstand, transformiert Natur zu fleckig bewegten Farbvariationen, das menschliche Gesicht zum zeitlos mächtigen Archetypus.

Abstrakte Köpfe

Der Rausch schwindet, weicht Malerei der Serie, Ruhe kehrt ein. Landschaftsvariationen werden zu gedeckten abstrakten Stimmungsstudien, Gesichter zu "mystischen Köpfen." In asketischer Zurückhaltung dringt Jawlensky tiefer ins Innere vor, die Zeit der "abstrakten Köpfe". Die Mandelaugen haben sich geschlossen, sind zu horizontalen Linien geworden, wie Nase und Mund. Schräge weicht der ordnenden Stille des rechten Winkels, Nase und Augen nähern sich dem Kreuz. Oft schimmert Leinwand durch: die zarte Malerei geht an die Essenz, keine Grundierung verdeckt die Substanz.

Mystische Dimensionen erreicht Jawlensky, als er seinen persönlichen Kreuzweg einer schweren Arthritis zu Ende geht. Diese letzten Schmerzensbilder werden zur Krönung seines Lebenswerks. Wie eine Kapelle wirkt der letzte Raum, wo die kleinstformatigen "Meditationen" hängen. Lebensleid, aufs Wesentliche reduziert: Gesichter, die zu Kreuzen werden.

Alexej von Jawlensky

Magische Bilder. Die Retrospektive Kunsthalle Krems

Franz Zeller Platz 3, 3500 Krems

Bis 21. September tägl. 10-18 Uhr

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