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Schriftsteller, Politiker, Überlebender

Jorge Semprúns Leben erzählt das 20. Jahrhundert: Als Sohn einer großbürgerlichen liberalen Familie wuchs er in Madrid auf. Beim Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges ging er mit der Familie 1936 nach Den Haag, und 1939, nachdem Franco siegte, nach Frankreich ins Exil. Dort engagierte er sich als Mitglied der Résistance, wurde 1943 verhaftet und gefoltert und 1944 nach Buchenwald deportiert.

Ein Foto in Franziska Augsteins 2008 erschienener Biografie zeigt Semprún 1992 in Buchenwald, auf jenem Appellplatz, auf dem er einst antreten musste. Seit 1945 war er nicht dort gewesen, aber in seine Romane "Die große Reise“ (1963) und "Was für ein schöner Sonntag!“ (1980) haben sich der Ort und die Erfahrungen eingeschrieben. Für sein Erstlingswerk "Die große Reise“ wurde er mit dem Prix Formentor ausgezeichnet. Die große Reise ist eine Reise in die Hölle: eine fünftägige Fahrt in einem Eisenbahnwaggon wird erzählt, 119 Häftlinge unterwegs nach Buchenwald, "unbeweglich, ineinandergekeilt“. Sechzehn Jahre nach seiner eigenen "Reise“ nach Buchenwald schreibt Semprún in diesen Roman nicht nur die Erinnerungen an das Konzentrationslager ein, sondern auch den Spanischen Bürgerkrieg, die Flucht nach Frankreich, die Résistance, die Verhaftung, die Befreiung, die Rückkehr nach Frankreich.

Nach dem Krieg wirkte Semprún in Paris als Widerstandskämpfer gegen die Franco-Diktatur, er wurde Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, 1964 aber ausgeschlossen wegen "parteischädigenden Verhaltens“. Er schrieb seine Literatur auf Französisch, erst mit 80 Jahren verfasste er auf Spanisch den Roman "20 Jahre und ein Tag“ (2003).

Drehbuchautor und Kulturminister

Semprún, der am 7. Juni in Paris gestorben ist, machte sich nicht nur als Romancier einen Namen, sondern auch als Drehbuchautor für Filme wie "Der Krieg ist aus“, "Z.“ und "Das Geständnis“. Auch politisch blieb er stets aktiv: als spanischer Kulturminister wirkte er zwischen 1988 und 1991 im Kabinett von Felipe González. 1994 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und Österreich ehrte Semprún 2007 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.

"Ist die Literatur nicht eben der Versuch, die Lust, sogar die Leidenschaft, über das Verschwiegene, das Verdrängte, das Unsagbare zu reden und zu schreiben?“, fragte Jorge Semprún. "Wovon man nicht reden kann, weil es verboten oder verdrängt ist, weil es nicht zur Rede kommt, nicht in Rede steht, darüber muß man schreiben. Darüber darf man überhaupt nicht schweigen.“ Auch ein Blick in die Widmungen seiner Bücher verrät, welche Bedeutung Semprún der Literatur zukommen ließ. In "Was für ein schöner Sonntag!“ heißt es etwa: "Für Thomas / damit er sich - später, danach - / an diese Erinnerung erinnern kann.“

Bald wird es keine "lebendigen Zeugen“ mehr geben, "niemand mehr will also von den Lagern wissen“, "mit Fleisch und Blut wissen“, sagte Jorge Semprún 2001 bei einer Laudatio auf Norbert Gstrein. "Wir brauchen jetzt junge Schriftsteller, die das Gedächtnis der Zeugen, das Autobiografische der Zeugnisse, mutig entweihen. Jetzt können und sollen Gedächtnis und Zeugnis Literatur werden. Jetzt sollte man wie der französische Schriftsteller Boris Vian sagen dürfen: ‚In diesem Buch ist alles wahr, weil ich es erfunden habe.‘“

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