Schuhlöffel für die Kunst

Das Google Art Project ermöglicht Kunstwerke aus 151 Museen aus 40 Ländern auf den Bildschirm zu holen. Österreich ist durch KHM, Albertina und Leopold Museum vertreten.

Wussten Sie, dass in der dritten Etage von Bruegels "Turmbau zu Babel“ jemand Wäsche aus dem Fenster hängt? Wer vor dem Gemälde im Kunsthistorischen Museum steht, kann dies mit bloßem Auge kaum erkennen. Doch vor dem Bildschirm daheim werden die kleinsten Details sichtbar - denn der "Turmbau zu Babel“ ist eines jener Werke, die in der digitalen Galerie von Google Art Project in sogenannter "Gigapixel“-Auflösung dargestellt sind. Und eines von 32.000 Kunstwerken, die auf der ganzen Welt in bedeutenden, aber auch in versteckten, kleinen Museen vorhanden sind und nun über das Internet digital zugänglich gemacht werden. 151 Partner vom Museo Reina Sofia und Museo Thyssen in Madrid über das Musée d’Orsay in Paris und das MoMa in New York bis zur National Gallery of Modern Art in Delhi in Indien und zum Museo de Arte de Lima konnten gewonnen werden, ihre Werke sind auf www.googleartproject.com nur mehr ein paar Klicks anstatt viele Tausende Kilometer entfernt.

Zwei Milliarden statt 350.000 Besucher

Aus Wien sind seit Anfang April mehr als 400 Werke online, das Leopold Museum zeigt Arbeiten von Gerstl, Klimt, Schiele, Egger-Lienz, Kolo Moser und viele mehr, darunter "Entschwebung“ und "Kardinal und Nonnen (Liebkosung)“ des Hauskünstlers Egon Schiele, die Albertina etwa Werke von Michelangelo, Rubens, Raffael, Rembrandt sowie Dürers "Feldhasen“, das Kunsthistorische Museum ist mit Arbeiten aus der Ägyptisch-Orientalischen und der Antiken-Sammlung sowie solchen aus der Gemäldegalerie, darunter Dürers "Landauer Altar“, Arcimboldos "Sommer“ oder Rubens’ "Venusfest“, vertreten. Für Kunstliebhaber, die weit entfernt wohnen, ist das neue Projekt ebenso eine Freude wie für Kenner und Forscher, die Werke bis ins kleinste Detail studieren möchten. "Wir wollen einen immer größeren Teil des Kulturguts der Welt vielen Menschen zugänglich machen - unabhängig von Entfernung und Öffnungszeiten - und Impulse geben, sich mit Kunst auseinanderzusetzen“, sagt Stefan Tweraser, Google Country Director für Österreich. "Das Projekt ist eine wunderbare Verbindung von Technologie auf höchstem Niveau und Kunst auf höchstem Niveau.“

"Wir stellen an uns den Anspruch, ein internationales Museum zu sein, das hat uns quasi verpflichtet, an diesem Projekt teilzunehmen“, sagt Paul Frey, Geschäftsführer des Kunsthistorischen Museums. Auch Peter Weinhäupl, Managing Director des Leopold Museums, sieht das Projekt als "eine großartige Gelegenheit, nicht 350.000 Menschen zu erreichen, wie sie jährlich das Leopold Museum besuchen, sondern zwei Milliarden, die das Internet nutzen.“ Und für Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder war das Projekt "ein logischer Schritt, weil unsere Vision von Anfang an war, so viele Menschen wie möglich mit Kunst zu bereichern - und das barrierefrei. Das Google Art Project passt exakt zu dieser Vision.“

Die Albertina hat selbst bereits mehr als 30.000 Werke aus ihrem Bestand digitalisiert und auf einer eigenen Datenbank zugänglich gemacht, "aber wir hätten nie die Handhabung ermöglichen können, die Google nun anbietet.“ Denn nicht alleine, dass die Werke abrufbar sind, macht das Projekt interessant. Die Suchfunktionen ermöglichen, sich alle Werke eines einzelnen Künstlers potenziell aus allen beteiligten Museen gemeinsam anzeigen zu lassen, wer als Suchbegriff "Klimt“ eingibt, findet "Tod und Leben“ aus dem Leopold Museum neben "Rosen unter Bäumen“ aus dem Musée d’Orsay und einer Vorstudie zum Adele-Bloch-Bauer-Porträt aus dem Jüdischen Museum New York. Auch nach "Werkstoffen“, also Materialien, oder Themen kann man die Suche einschränken und so beispielsweise vergleichen, wer neben Bruegel d. Ä. noch den "Turmbau zu Babel“ gemalt hat. Darüber hinaus kann man sich auch eigene Galerien erstellen, in denen man seine Lieblingswerke - oder jene, die es eben zu studieren gilt - versammelt.

Die digitale Verfügbarkeit der Werke hat aber auch noch einen weiteren Vorteil, wie Klaus Albrecht Schröder betont: "Wir können so auch Kunstwerke, die zum Beispiel aus konservatorischen oder sicherheitstechnischen Gründen nicht oft ausgestellt werden, zugänglich machen. Wir müssen dann Besucher, die nach ganz gewissen Werken fragen, die wir in Wahrheit nur alle zehn Jahre zeigen, nicht mehr so sehr enttäuschen und können sie auf das Projekt verweisen.“ Auch Peter Weinhäupl schließt sich dem an: "Zahlreiche unserer wichtigsten Schiele-Blätter können wir wegen ihrer Lichtempfindlichkeit nicht dauerhaft ausstellen - sie müssen den Großteil der Zeit im Depot lagern. Andere Werke sind gerade auf Reisen, wenn Besucher nach ihnen fragen.“

Doch auch das sichtlich viele Grenzen sprengende Google Art Project hat sehr wohl ebensolche, wie Schröder anmerkt: "Wir hätten gerne alle unsere Werke in das Projekt hineingestellt, aber wir besitzen zahlreiche moderne, für die noch das Urheberrecht gilt.“ Auch hieran wolle man arbeiten, so Google-Country-Director Tweraser.

Rechtliche Bedenken

Selbst wenn jetzt alle Begeisterung zeigen, habe es auch rechtliche Bedenken gegeben, hört man. Für andere Häuser, darunter ein weiteres großes Museum in Wien, waren diese ein Grund noch nicht an Bord zu sein, auch wenn man seitens Google versichert, das Angebot auch für Österreich bald ausweiten zu wollen. Abgesichert habe man sich vor allem dahingehend, dass die Daten der Bilder nicht aus dem Internet heruntergeladen werden können, so Weinhäupl im Gespräch mit der FURCHE.

Das Kunsthistorische Museum gehört sogar zu jenen fast 50 Häusern, die man durch Street-View-Technik und 360-Grad-Bilder virtuell durchwandern kann. Man "bewegt sich“ per Mouse-Klick durch die Räume, jene Werke, die mit einem + gekennzeichnet sind, kann man sich aus der Nähe ansehen.

Und Österreichs Flaggschiff ist eben auch unter jenen 46 Institutionen, die ein Werk in "Gigapixel“-Auflösung präsentieren, was laut Kuratorin Cäcilia Bischoff ermöglicht, was bisher wenigen vorbehalten war: "Die Möglichkeit, den ‚Turmbau‘ so genau anzusehen, hat einmal in zehn Jahren ein Restaurator mit einer Lupe.“ Von der Möglichkeit, Bruegels Werk nun in allen Einzelheiten zu studieren, machten gleich am ersten Abend der Verfügbarkeit auf dem Google Art Project so viele Menschen Gebrauch, dass der Server an seine Leistungsgrenzen stieß.

Als Konkurrenz sehen die Museen den digitalen "Besuch“ keinesfalls, wie alle Direktoren versichern, sondern als "Schuhlöffel für das, was Kunst bieten kann“, so Klaus Albrecht Schröder. "Das Google Art Project ist mit Sicherheit kein Ersatz, aber eventuell werden potenzielle Besucher gerade dadurch animiert, sich die Originale anzusehen.“ Und auch KHM-Geschäftsführer Paul Frey sieht es so: "Durch das Google Art Project wird man auf die Begegnung mit dem Original vorbereitet, diese kann aber keinesfalls ersetzt werden.“

www.googleartproject.com

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