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Schule wird sich öffnen

Die Wiener Bildungsexpertin Christa Koenne über die Chancen für Schulreformen nach dem zerbrochenen Porzellan der letzten Wochen, geprägt von Lehrer-Streit und Schüler-Demo. Das Gespräch führte Regine Bogensberger * Foto: Elke Mayr

Trotz der umstrittenen Einigung (siehe Kasten) nach dem jüngsten Streit um mehr Unterricht glaubt die Didaktikerin an der Universität Wien, die langjährige Chemielehrerin und AHS-Direktorin Christa Koenne, dass die Zeit reif ist, die Schule neu aufzubauen. Und das, obwohl bereits Minischritte für wochenlange Diskussionen sorgten. Wie soll das gehen?

Die Furche: Frau Koenne, wie schätzen Sie die Stimmung in Ihrer ehemaligen Kollegenschaft ein? Viele Lehrer sprechen von Frust und einem beschädigten Vertrauen in Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

Christa Koenne: Das ist tatsächlich das ernüchterndste Ergebnis zurzeit. Wenn der Ärger der engagierten Lehrer und Lehrerinnen zur Resignation wird, dann wird es unmöglich, die Schule zu verbessern. Ich erlebe aber zurzeit, dass sehr viele engagierte Lehrer Zuspruch und Trost von Schülern und Eltern bekommen.

Die Furche: Trost? Die Schüler sind kürzlich auf die Straße gegangen, weil sie sich auch von ihren Lehrern hereingelegt und um freie Tage betrogen gefühlt haben. Protestierten die Schüler zu Recht?

Koenne: Die Schüler lernen. Sie lernen aber nicht immer das, was wir erwarten. Sie machen das, was sie erfolgreich bei ihren Lehrern gesehen haben, nach, und sie machen das nicht schlecht. Schlecht ist nur, dass sie Schule so erleben wie Erwachsene ihren Beruf, dass auch die Schüler sagen, wir wollen so viel Freizeit wie möglich. Lernen braucht aber eine andere Grundhaltung. Schule kommt von Muße. Und nur weil Erwachsene sich hektisch abmühen, muss das für Kinder und Jugendliche nicht so sein. Im Gegenteil.

Die Furche: Schüler sollen Freude am Unterricht haben, genau das haben sie aber oft nicht. Zunächst: Haben sie zu wenig oder zu viel Unterricht?

Koenne: Sowohl als auch. Schule hat prinzipiell zwei unterschiedliche Aufgaben. Einerseits soll sie jungen Menschen ermöglichen, in einer Gemeinschaft zu leben. Während dieser Zeit sollen sie sich Fähigkeiten und Wissen aneignen, die notwendig sind, um miteinander friedlich leben zu können. Dazu reichen vier Stunden am Tag. Andererseits muss Schule junge Menschen auf ihre besonderen Begabungen aufmerksam machen, diese wecken, fördern und unterstützen. Dazu braucht es ein breites Angebot.

Die Furche: Und eine ganz andere Einteilung des Unterrichts?

Koenne: Ja, die Schule der Zukunft wird viel längere Öffnungszeiten haben, sie wird zu einem Lehr-Lern-Kulturzentrum werden. Vier Stunden täglich reichen für das, was für alle notwendig ist; daneben soll es ein breites Angebot geben, zwölf Monate im Jahr. Schule wird sich öffnen.

Die Furche: Eine Ganztagsschule?

Koenne: Ich denke an viele Angebote.

Die Furche: Aber das ganze Jahreszeitmodell - Ferien und Unterricht - müsste Ihrer Meinung nach aufgebrochen werden?

Koenne: Ja, unsere Schule hat ein schlechtes Zeitmanagement. Und es wäre sinnvoll, dass Lehrer und Lehrerinnen ein Jahresarbeitszeitmodell haben, in dem es ihnen auch möglich ist, unter dem Jahr einmal nicht oder weniger zu arbeiten. Also mehr Flexibilität und mehr Autonomie an den Standorten.

Die Furche: Also eine umfassende Reform und kein Drehen an kleinen Schrauben?

Koenne: Ja. Reformen müssen Antworten auf Probleme sein, sonst wirken sie nicht. Allerdings gibt es zwei Grundentscheidungen, die im Vorfeld aller Reformen außer Streit gestellt werden sollten. Erstens: Eine gemeinsame Schule aller Schulpflichtigen. Und zweitens längere Öffnungszeiten.

Die Furche: Wir kennen die österreichische Situation. Es kommt ja schon kaum etwas raus, wenn man nur kleine Dinge verändern will.

Koenne: Da haben Sie recht. Also, kleine Schritte, so wie wir sie immer wieder in den letzten Jahren erlebt haben, haben oft mehr Verärgerung ausgelöst als Verbesserungen gebracht. Zum Beispiel die Ein-Stunden-Fächer, also Fächer, die für eine Stunde pro Woche unterrichtet werden. Wir wissen alle, so lernt man nicht. Das hat schon bei Lehrern und Lehrerinnen viel Verärgerung ausgelöst. Weil sie es besser wissen, es aber nicht ändern können. Wir brauchen eben mehr Autonomie und Eigenverantwortung.

Die Furche: Bei den Lehrer-Vertretern hat man aber den Eindruck, dass es ein starkes Festhalten an alten Strukturen gibt.

Koenne: Die Lehrergewerkschaft hat bestimmte Interessen zu vertreten. Es fehlt ein Ansprechpartner aus der Lehrerschaft, der für die Politik jenseits gewerkschaftlicher Fragen die professionellen Interessen der Lehrer vertritt.

Die Furche: Wie könnte man zum Beispiel Ihr Fach, Chemie, besser unterrichten?

Koenne: Man muss es bündeln, Schwerpunkte setzen. Man braucht nicht das ganze Jahr Chemie unterrichten, sondern vielleicht nur vier Monate und diese Zeit dafür intensiver, um Neugierde und Interesse besser zu wecken. Mein Idealmodell wäre folgendes: Zwei Fünftel des Schuljahres soll als Schwerpunkt Kulturwissenschaften unterrichtet werden, zwei Fünftel als Schwerpunkt Naturwissenschaften und ein Fünftel soll der Wiederholung des Gelernten gewidmet sein. Mancher Unterricht, wie der in Sprachen, muss allerdings wieder anders organisiert werden.

Die Furche: Und jede Schule kann sich das selbst einteilen?

Koenne: Es hängt vom Alter der Schüler ab. Sie sollten ja im Laufe der Zeit immer mehr Eigenverantwortung übernehmen. Dazu muss man ihnen Freiheit geben. Bei uns ist die Schule für sechs bis 18-Jährige gleich organisiert. Das erzeugt dann bei jungen Erwachsenen irrationale Lernhemmungen, weil sie sich infantilisiert fühlen.

Die Furche: Müsste sich dann nicht auch die Rolle der Lehrer verändern?

Koenne: Lehrer und Lehrerinnen sind in einem Dilemma, sie sind einerseits die Unterrichtenden, andererseits die Prüfenden. In diesem Dilemma ist es nicht leicht, Vertrauen aufzubauen.

Die Furche: Also besser externe Prüfer?

Koenne: Es sollte angedacht werden, die Rollen zu trennen. Das wird es auch schon, etwa durch Bildungsstandards oder die zentrale Matura. Das macht schon Sinn.

Die Furche: Wie reformbereit schätzen Sie die Lehrer überhaupt ein?

Koenne: Es gibt sehr viele, die sagen: Man muss etwas tun. Und viele Schulen haben sich auf den Weg gemacht. Es gibt neue Herausforderungen, etwa die neue Arbeitswelt. Wir müssen junge Leute begleiten, dass sie eine Identität jenseits der bezahlten Arbeit entwickeln. Das haben viele Erwachsene nicht. Da gibt es eine ganz neue Aufgabe.

Die Furche: Wird es wieder einen Pisa-Schock brauchen, um Reformen voranzutreiben?

Koenne: Nein, das glaube ich nicht, Reformen wird es jedenfalls geben. Viele im System wissen, dass es so nicht weitergeht. Die Expertise der Lehrer und Lehrerinnen muss wirkungsvoller werden.

Die Furche: Ihre Prognose: Wie werden Österreichs Schüler bei den nächsten Pisa-Tests abschneiden, sofern genügend mitgemacht haben?

Koenne: Es gibt keinen Hinweis, dass sich die Ergebnisse in die eine oder andere Richtung verändern werden.

Die Furche: Wie schätzen Sie Ministerin Schmied ein: zu beschädigt, um noch große Reformen zu machen?

Koenne: Sie hat sich eine Aufgabe gestellt, das Schulsystem zu verbessern. Gleichzeitig aber auch einsparen zu müssen, das konnte nicht gutgehen. Aber ihre Arbeit jetzt zu beurteilen, ist aus meiner Sicht zu früh. Ich hoffe, dass in zwei Jahren Ergebnisse vorliegen, wo man tatsächlich sagen kann, ja, da ist was Gutes weitergegangen.

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