SCHWARZE WITWE MIT HAUBENNIVEAU

1945 1960 1980 2000 2020

VERLIEBT, VERFÜHRT, VERSCHWUNDEN - SPANNEND UND SUBTIL BELEUCHTET BETTINA BALÀKA IN IHREM NEUEN ROMAN DIE PSYCHISCHE WELT EINER MÖRDERIN.

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VERLIEBT, VERFÜHRT, VERSCHWUNDEN - SPANNEND UND SUBTIL BELEUCHTET BETTINA BALÀKA IN IHREM NEUEN ROMAN DIE PSYCHISCHE WELT EINER MÖRDERIN.

Da ist schon dieser erste Satz, der sitzt: "Für die einen war das Töten undenkbar, für die anderen war es machbar." Ohne Umschweife ist zu erfahren, dass es um Morde geht, um Morde aus Kalkül, verübt von einer "kleinen, zierlichen Frau" an ihren Lebensgefährten, die ihr Leben sukzessive einzuschränken beginnen. Dass Bettina Balàka Interesse an den dunklen Rädchen und der schwarzen "Seelenhaut" der menschlichen Psyche hat, zeigte sich bereits in ihrem 2012 erschienenen Roman "Kassiopeia", in dem ein perfides Experiment psychologisch fein austariert zum Angelpunkt des Geschehens wird. Nun hat sie nach ihrer Hundegeschichte "Unter Menschen", die von Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung "Krambambuli" inspiriert ist, einen neuen Roman im Haymon-Verlag vorgelegt. "Die Prinzessin von Arborio" führt mitten hinein in die Welt des Verbrechens und die Nachtseiten des menschlichen Lebens.

Eine fulminante Ouvertüre

Im Fokus dieser neuen Prosa - sie spielt in Wien - steht Zorzi, die Inhaberin eines Restaurants mit Haubenniveau, bekannt für seine Risotti, das ihr von den Gastrokritikern den Namen "Prinzessin von Arborio" eingetragen hat. Sie fungiert als "schwarze Witwe", die unliebsame Lebensgefährten gewaltsam loszuwerden versucht. Bernhard etwa hat veranlasst, dass sie sich "Stück für Stück in einen Schwan verwandeln" lässt. Schönheitsoperationen, und das, obwohl sie bildhübsch ist. Eine narzisstische Kränkung, denn Zorzi folgert daraus, "dass Bernhard mit ihrem Originalzustand unzufrieden gewesen" ist. Beim Bergsteigen kommt es zur Tat. Ein leichter Schubs befördert ihn ins Jenseits. Jürgen ist bald darauf der Nächste. Er ist sportlich und sehr agil. Während Zorzi Mutter werden möchte, will Jürgen ein "eigenes Segelboot". Als sie merkt, dass er sie betrügt, steht der Entschluss fest, dass er sterben muss. Ihr Segelboot bietet eine hervorragende Kulisse für den Tod. Der Dritte heißt Chuck, ein gebürtiger Australier, der in Wien als Personal Trainer arbeitet. Sein Ordnungswahn und andere Unzulänglichkeiten wie neurotische Zwänge machen das Zusammenleben mit ihm unerträglich. Weil Zorzis Leben in streng kartografierten Bahnen ohne Spielraum verläuft, folgt unweigerlich dessen Tod.

In einer fulminanten Ouvertüre führt Balàka die Protagonistin im Spiegel ihrer schwierigen Beziehungen ein als eine Frau, die keine Skrupel kennt, um dem Leben abzutrotzen, was ihr zuzustehen scheint. Sie ist schön, verführerisch, erfolgreich, eine Frau, der man wohl kaum ein Verbrechen zutrauen würde. Auch ihre Biografie kennt keine scharfen Kanten: keine "Horrorkindheit", keine "Heimkarriere", keine "Pflegeelternodyssee". Zorzi ist die Tochter eines "feinfühligen, intelligenten" Schriftstellers. Warum dann Mord? Balàka evoziert hier Fragen der forensischen Psychologie. Wie wird man zum Mörder oder gar Serienmörder? Was passiert, wenn das Gewissen versagt, wenn sich ein Verbrechen im Augenblick der Tat richtig anfühlt. "Wir können alle zu Mördern werden", sagt die Psychologin im Roman. Sie ist auch überzeugt, dass Frauen über "dasselbe Gewaltpotential" wie Männer verfügen; die "geringeren körperlichen Möglichkeiten", Morde auszuführen, seien für die Statistik verantwortlich, derzufolge Männer eindeutig häufiger zum Verbrecher werden. Doch "war Zorzi nicht der lebende Beweis, dass das Ausleben von Gewalt nicht an Körpergröße oder Muskelkraft hing?"

Aus den Tiefen des Bewusstseins

Die Auseinandersetzung mit den Abgründen des Menschen erinnert an die Stoffe der Schwarzen Romantik. Spätestens seit E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" oder "Fräulein von Scuderi" ist klar, dass das Böse ganz plötzlich aus den Tiefen des Bewusstseins quellen kann, wie nahe einander Unauffälliges und Wahnsinn sind. Erzähltechnisch hat Balàka ihren Roman sehr komplex, ja sublim angelegt. Von Beginn an wird die Untersuchung dieses Falles, die bald zum Hauptthema wird, in die Handlung eingewebt und aus dem Rückblick polyperspektivisch aufgerollt. Im Zentrum der Aufklärung dieser Morde steht der Kriminalpsychologe Arnold Körber, der für die Geschichte in zweierlei Hinsicht von Bedeutung ist. Er findet nicht nur den entscheidenden Hinweis auf die Morde - immerhin ist er für "Fallanalysen und Profiling zuständig" -, sondern er spielt auch beim Ermittlungsverfahren eine tragende Rolle, obwohl die "Einschätzung der Täterpsyche" nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fällt. Denn er schafft es nicht, diesen Fall herzugeben: "Er hatte das Gefühl, dass sie missverstanden wurde und in die falschen Hände fiel."

Mit der Involvierung Körbers bringt Balàka noch eine zweite Ebene in den Roman: die sozialen und emotionalen Aspekte zwischen der Täterin und ihrem Psychologen. So wie Balàka geschickt die Schachzüge ihrer Protagonistin präsentiert, die buchstäblich "über Leichen geht", um sich ihre Freiheit zu sichern, obwohl sie vordergründig ein völlig anderes Leben zu leben scheint und ihr Umfeld täuschen kann, so stellt sie sich gleichzeitig auch auf die andere Seite, nämlich auf die der Ermittlung und des Profilings. Körber, dessen Untersuchungen zugleich einen Filter für die Zorzi-Wahrnehmung bilden, mutiert in diesem Roman nicht nur deshalb zu einer wichtigen Figur. Er muss sich hier nämlich auch der Frage stellen, ob es möglich ist, einem verbrecherischen Menschen überhaupt noch jemals trauen zu können, und ob man überhaupt verhindern kann, dass "die Geschichten und Denkweisen der Gestrauchelten" in die Psychologen hineinzukriechen oder "sich Spiegelneuronen zu regen" beginnen. Balàka erzählt spannend, subtil und sprachlich anspruchsvoll von Fehleinschätzungen, Klischees und der Herausforderung, im Leben nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Die Prinzessin von Arborio

Roman von Bettina Balàka. Haymon 2016 264 S., geb., € 19,90

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