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Schwierige Denk- und Beziehungsgebäude

Angelehnt an Hannah Arendts Aufarbeitung des Nationalsozialismus "Die Banalität des Bösen“, betitelte die Israelin Savyon Liebrecht ihr 2007 entstandenes Stück. Die entscheidende Frage darin lautet: Was verband die jüdische Philosophin Hannah Arendt mit dem wesentlich älteren Professor und Nationalsozialisten Martin Heidegger eigentlich? Auf welcher intellektuellen und emotionalen Ebene bestand die Beziehung dieses ungleichen Paares, das zwar nur für kurz ein Liebespaar war, aber ein Leben lang miteinander verbunden blieb?

Liebrecht findet dramaturgisch eine interessante Variante: Sie switcht zwischen den Zeitebenen, einmal befinden wir uns im Jahr 1924, am Beginn der Liebesgeschichte, dann wieder 1961, als Arendt beim Prozess gegen Adolf Eichmann auftrat und im Anschluss "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ veröffentlichte, dazwischen bringt Liebrecht die Zeitebenen sogar zusammen.

In Gruners Inszenierung bleiben private und politische Geschichte allerdings sonderbar an der Oberfläche, ein artifizieller Inszenierungsstil versucht das Innenleben, das Denken und Fühlen der beiden Philosophen sichtbar zu machen und verpufft am eigentlich Interessanten: an der Liebe, der Anziehungskraft zwischen den beiden.

Ganz anders als das Vorbild

Juliane Gruner ist in der Rolle der Hannah Arendt zu sehen, ganz anders als man sich das Vorbild vorstellt. Gruner gibt eine kapriziöse Frau, höchst affektiert zeigt sie das Weibchen hinter dieser brillanten Denkerin. Wenn sie raucht, dann wirft sie sich in Pose, wenn sie denkt, kneift sie die Augen angestrengt zusammen. Neben den zur Schau gestellten Denkwelten agieren Christian Higer als junger und Hans Diehl in der Rolle des 72-jährigen Heidegger, der auf Arendts beharrliche Frage "Was passierte 1933?“ weiter schweigen wird.

Patrick Jurowski ist in einer Doppelrolle zu sehen, zuerst als junger jüdischer Kommilitone Arendts, der sie hartnäckig verehrt, und später als Sohn eben dieses Mannes, der sich als Journalist an die Lösung all dieser Fragen heranmacht.

In Gruners Regie tänzeln die Figuren ihre Empfindungen heraus, zeigen ihr Begehren in schlangenartigem Zucken, schleichen umeinander herum und hüpfen Zahnschmerzen weg. Gruners Männer sind ohne Schuhwerk - etwa weil sie nicht fest am Boden stehen, nur Spielbälle des eigenen Karrierismus sind?

Der Versuch der Regie, über die Schauspielerkörper Antworten auszudrücken, die auch Liebrechts Stück offenlässt, scheitert jedoch: Einerseits entwickelt der Text, der sich stark am Briefwechsel der Hauptfiguren orientiert, keine eigene dramatische Kraft, andererseits macht es der deklamatorische Spielstil des Ensembles noch schwieriger, den komplizierten Sätzen Heideggers zuzuhören und zu verstehen, was seine und Arendts Denk- und Beziehungsgebäude ausgemacht hat.

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