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Feuilleton

Selbstmord aus Angst vor dem Tod

1945 1960 1980 2000 2020

Unzählige Veranstaltungen und Publikationen begleiteten den Jahrestag des Kriegsausbruchs. Gerhard Botz, Direktor des Boltzmann-Instituts, im Gespräch über den Ersten Weltkrieg und seine aktuelle Rezeption.

1945 1960 1980 2000 2020

Unzählige Veranstaltungen und Publikationen begleiteten den Jahrestag des Kriegsausbruchs. Gerhard Botz, Direktor des Boltzmann-Instituts, im Gespräch über den Ersten Weltkrieg und seine aktuelle Rezeption.

Der Erste Weltkrieg ist in der medialen Rezeption 2014 aus dem Schatten des Zweiten herausgetreten. Gerhard Botz, Professor emeritus für Zeitgeschichte an der Universität Wien sowie Direktor des Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft, nimmt zum aktuellen Diskurs Stellung.

DIE FURCHE: Das Jahr 2014 beschert uns eine fast unüberschaubare Flut an Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungen anlässlich des 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs. Wo liegen die Gründe für diesen "Hype"?

Gerhard Botz: Es ist nicht ganz zufällig, dass 100 Jahre nach bestimmten Ereignissen ein Neudenken einsetzt. Das Nachwirken des Miterlebens ist nach der dritten Generation schon weniger "heiß". Nach 100 Jahren gestalten mindestens schon die Enkelkinder Kultur und Politik und von ihnen ist mehr Distanz zu erwarten. Und seit ungefähr 20, 25 Jahren - beginnend mit den Balkankriegen und den damaligen ethnisch geprägten Genoziden - tritt Krieg, exzessive Massengewalt stärker in unser Bewusstsein. Nach dem Wegfall ideologischer Erklärungen wie "Ost-West" bzw. "Kommunismus-Antikommunismus" konnte und musste Massengewalt neu gesehen werden. Das erzeugt nicht nur einen "Hype" im Sinne von ein paar Jahren, sondern einen länger wirksamen Trend.

DIE FURCHE: Ist dieser Fokus auf Gewalt gegen Menschenrechte, gegen Völkerrechte und die folgende Delegitimierung solcher Gewalt einer, der bereits im Ersten Weltkrieg aufgetreten ist?

Botz: Ja, das beginnt schon am Anfang des Ersten Weltkriegs. So hat etwa die Wiener Historikerin Tamara Scheer auf die kriegsverbrecherischen Erschießungen von serbischen Zivilisten schon im August 1914 hingewiesen. Es ist unglaublich, wie schnell die Brutalisierung funktionierte! Das setzt sich später in anderen Kampfzonen fort. Die Bestrebungen, Kriegsgewalt zu zähmen, Kriegsrecht zu kodifizieren, wurden im Ersten Weltkrieg massiv gebrochen. Nicht nur bei den Mittelmächten zeigte die Kriegsführung Tendenzen einer Dehumanisierung. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard verweist auf diese Thematik insgesamt, in Manfried Rauchensteiners großem Weltkriegsbuch kommen leider nur andeutungsweise österreichische "Aktionen" in Serbien vor. Der Kanadier Tim Cook, der über die kanadischen Soldaten an der Westfront forscht, berichtet, wie diese hemmungslos Deutsche, die sich ergeben wollen, niedermetzeln. Das ist einer der über 30 Beiträge in dem von mir mitherausgegebenen Buch über "Räume extremer Gewalt in Europa im 20. Jahrhundert"(erscheint im Herbst 2015 im Böhlau Verlag). Die Verrohung, die Radikalisierung, die Entgrenzung der Gewalt vollzieht sich, je länger der Krieg dauert, umso schneller auf allen Seiten, aber besonders radikal auf der deutschen Seite. Ein Vorzeichen der Vernichtungskriege Hitlers!

DIE FURCHE: Der wissenschaftliche Diskurs über die Rolle der damaligen Staatslenker oszilliert zwischen Schlafwandler, wie es Christopher Clark betitelt, und Vabanque-Spieler, wie es Jörn Leonhard anführt. Welchem Bild neigen Sie mehr zu?

Botz: Ich halte die These von Clark in vielem für falsch. Er greift Dinge auf, die ich schon als Student 1964 anlässlich einer großen Konferenz in Wien über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehört habe. Damals haben alte Herren über die Rolle des serbischen Geheimdienstes und der serbischen Regierung als Drahtzieher gestritten. 1964 wurde noch fast die gleiche Debatte wie 50 Jahre zuvor geführt: Serbien habe die Verantwortung für die Ermordung des Thronfolgers und alles Weitere habe sich dann ergeben müssen. Die Position des Hineinschlitterns in den Krieg entspricht - annährend - dieser alten Diskussion. Die internationale Geschichtsforschung steht heute - trotz großer Zustimmung in der deutschen Öffentlichkeit - eher skeptisch dieser These von Clark gegenüber. Aber er füllt doch auch bisherige Forschungslücken und tut neue Aspekte auf, etwa auf die kriegstreiberischen "Falken" gegenüber den "Tauben" auf allen Seiten.

DIE FURCHE: Gerüttelt wurde -nicht erst, aber auch in den aktuellen Publikationen - an der rund 50 Jahre alten These Fritz Fischers von der Allein- bzw. Hauptschuld Deutschlands am Krieg.

Botz: Die Fischer-These hat meine Historiker-Generation sehr geprägt, hat uns den Weltkrieg relativ leicht -zu leicht? - erklärbar gemacht. Fischer hat aber nie von deutscher "Allein-", sondern von "Hauptverantwortung" gesprochen, in der Diskussion darüber wurde das aber zugespitzt. Österreich-Ungarn hat in dieser Debatte eine sekundäre Rolle gespielt, bei uns wurde die "Fischer-Debatte" überhaupt verschlafen. Hier wurde Fischers Argumentation von Fritz Fellner und Rudolf Neck, dann etwa von Ernst Hanisch und mir übernommen. Eine Parallelerzählung über die überragende Verantwortung Österreichs hat es kaum gegeben.

DIE FURCHE: Kann man das auch so interpretieren, dass in Deutschland sehr wohl eine Geschichte der großen Erzählungen besteht oder eine Geschichte der großen Erzähler, während in Österreich keine Geschichten der großen Erzählungen und de facto auch keine Geschichte der großen Erzähler besteht?

Botz: Ich würde das nicht so generell sagen, aber in Bezug auf das 20. Jahrhundert stimmt es wohl: Es gibt bei uns keine derartige übergreifende große wissenschaftliche Geschichtserzählung - anders als im angelsächsischen Raum, wo sehr pragmatisch Geschichte auch erzählt wird (siehe Eric Hobsbawm), oder nun in Deutschland, wie das etwa Jörn Leonhard oder Heinrich August Winkler eindrucksvoll tun. Wer war der letzte große Erzähler in Österreich? Ist es Hanisch? Friedrich Heer mit seinem nicht wissenschaftlichen, sondern journalistischen Stil war es, etwa mit "Der Kampf um die österreichische Identität". Der Grund liegt meiner Meinung nach in einem gewissen Quellenfetischismus, einer häufigen Ablehnung von Geschichtstheorien und in der langen Dominanz von politischer und Personen-orientierter Faktengeschichte.

DIE FURCHE: In welcher Rolle sehen Sie die politische Elite Österreich-Ungarns beim Ausbruch des Krieges?

Botz: Ich persönlich bin nicht Rauchensteiners Meinung, dass Kaiser Franz Josef so viel Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trägt. Der Kaiser hatte ja ein Militärkabinett, seine aristokratischen und militärischen Eliten, die ihm einflüsterten. Man riskierte den Krieg unter ungünstigsten Umständen, um Zerfallserscheinungen zu bremsen oder aufzuhalten, indem man Serbien niederwirft. Die Verantwortlichen waren nicht Schlafwandler, sondern sind zum Teil sehenden Auges in den Abgrund gegangen. Es war auf österreichischer Seite so etwas wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Daher ist es vor allem die Leichtfertigkeit Österreich-Ungarns mit Rückendeckung durch die Deutschen, die den Kriegsmechanismus ausgelöst hat. An den großen Krieg und seine Eigendynamik hat kaum jemand wirklich denken wollen, zumindest nicht an einen Weltkrieg, wie er sich dann entwickelte, unter Einschluss Englands oder gar der USA.

DIE FURCHE: In welcher innenpolitischen Verfassung befand sich Österreich-Ungarn im Jahr 1914? War es tatsächlich der "Völkerkerker", zu dem ausländische Propaganda den Staat gemacht hat?

Botz: Nein, das war propagandistische Übertreibung seitens der nicht-deutschen Nationen und der Kriegsgegner. Es war trotz rechtsstaatlicher und demokratischer Bestände ein Obrigkeitsstaat, der politische und nationale Widerstände unterdrückte, letztere besonders brutal. Immerhin war es aber auch ein schlecht und recht funktionierender Versuch, einen Fleckerlteppich von vielerlei Ethnien und Religionen und Sozialgruppen bzw. Regionen unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklungsstufen zusammenzuhalten. Nach den späteren Erfahrungen der Kriege und Diktaturen haben sich viele danach zurückgesehnt. Es wäre aber absurd zu meinen, ein so komplexes Gebilde hätte die Jahrzehnte des Nationalismus selbst ohne Weltkrieg überdauern können und wäre dann irgendwie in die heutige EU gemündet.

DIE FURCHE: Die Friedensverträge von 1919 ff. unterschieden sich in ihrer Härte diametral von jenen im 19. Jahrhundert. Welche Konsequenzen hatte das für die weitere Entwicklung?

Botz: Die aus dem Krieg hervorgehenden Friedensverträge waren gut gemeint, aber kurzsichtig, einseitig, Kriegsschuld definierend, insofern falsch und auch extremen Nationalismus und Faschismen, neue Kriege vorbereitend. Daraus die heute modische These vom Weltkrieg als "Urkatastrophe" (="Ursünde") abzuleiten, wäre kulturpessimistischer Determinismus mit wenig Erklärungsgehalt für das ganze 20. Jahrhundert. Insgesamt hat das Pariser Friedenssystem auch positive Dinge ermöglicht. Es hat, wie auch immer unstabil, Demokratien gebracht, und der Krieg selbst und die Revolutionen danach haben auch positive sozialpolitische Entwicklungen gefördert. Auch der Völkerbund ist zu nennen, aus dem sich die Amerikaner allerdings zurückgezogen haben -ein Hauptfaktor, warum das Friedenssystem dann nicht funktionieren konnte.

DIE FURCHE: Welche Position könnte bzw. sollte Österreich -gerade im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg und seine Folgen -heute in Mitteleuropa, im Verhältnis zu den anderen Nachfolgestaaten, einnehmen?

Botz: Keineswegs jene, zu glauben, man könne Ostmitteleuropa belehren und hier die alte dominante Rolle spielen. Nachsicht auch mit den unterschiedlichen Sichtweisen auf die jeweils eigene Geschichte, aber klare Distanzierung von revanchistischen Rhetoriken und Grenzveränderungswünschen (siehe Orbán-Ungarn). Insgesamt könnte das heutige Österreich auf seine Vermittlungsversuche in anderen gefährlichen Konfliktsituationen nach 1945 hinweisen, auch für den Ost-Ukraine-Krieg.

Das Gespräch führten Thomas Köhler und Christian Mertens