Serbien erscheint stabiler, als es wirklich ist

Im Norden Belgrads mündet die Save in die Donau, und das Mündungsgebiet ist im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel. Hier befindet sich die "Große Kriegsinsel", eine Donauinsel mit schattenspendenden Waldstränden. Ein paar hundert Meter weiter ist das Hochhaus "Usce" (Mündung), wo in der KP-Ära das ZK der Partei und später das Hauptquartier der Milosevi'c-Partei untergebracht war. Während eines Nato-Bombardements im Juni 1999 bekam das Gebäude einen Volltreffer ab und brannte fast vollständig aus. Milosevi'cs einflussreiche Gattin Mirjana hatte davor ein Mahnmal für die Opfer des Nato-Bombardements errichten lassen, einen Obelisk, wo Kranzniederlegungen obligatorisch waren. Die einstmals gepflegte Umgebung wirkt heute verwahrlost, fast gespenstisch.

Die Menschen wollen Milosevi'c und dessen Ära so rasch wie möglich vergessen. Wir wollen vergessen, wir wollen nach Europa und besser leben, das bekomme ich immer wieder zu hören. Auch die Auslieferung Milosevi'cs an das Haager Tribunal erfolgte erstaunlich schnell. Serbien sei immer ein Grenzstaat zwischen den Großmächten gewesen, betonen die Analytiker in Belgrad. Überraschende Beseitigungen von Regierenden seien dann an der Tagesordnung gewesen, wenn die veränderte geopolitische Lage um Serbien eine Änderung der serbischen Politik erfordert habe. Man denke nur an Mihajlo Obrenovic 1868, an Alexander Obrenovic 1903 (grausam ermordet) oder an die Beseitigung des allmächtigen serbischen Innenministers Aleksandar Rankovic 1966, die man als Beginn der Liberalisierungswelle im ehemaligen Jugoslawien betrachtet. Die Auslieferung Milosevi'cs symbolisiert das Ende der Kriegsphase und markiert den Beginn einer politischen Epoche, wobei für die Medien die Frage von Milosevi'cs Schuld am Krieg offenbar weniger von Bedeutung war.

Wichtiger ist die Frage, wer Serbien regieren wird. "Der Sieger im Inland hatte in der Vergangenheit gleich die Verbündeten im Ausland bestimmt, und das war auch diesmal so", kommentierte ein Belgrader Journalist. Es steht außer Frage, dass Serbiens Premier, Zoran Djindji'c, einstmals Philosophiestudent in Deutschland, diese Runde gewonnen hat. Dabei ist der Rücktritt der jugoslawischen Bundesregierung, der aus Protest gegen die Auslieferung Milosevi'cs erfolgt war, weniger von Bedeutung. "Das stärkt nur die Demokratie", heißt es in den Belgrader Medien. Dem darauf folgenden Konflikt mit dem Nationalisten Vojislav Kostunica versuchte der Taktiker Djindji'c in einem Interview im Polit-Magazin "NIN" die Spitzen zu nehmen. Das reformierte Serbien sei ohne Kostunica undenkbar, sagte Djindji'c, weil der Bundespräsident eine "Brücke" zwischen den Reformern und den Traditionalisten in Serbien bilde. Djindji'c wörtlich: "Ohne Kostunica wären wir hoffnungslos polarisiert."

Milosevi'c ist weg, zurückgeblieben sind die Ängste und die Frustrationen. Die Menschen haben Angst vor der Zukunft, viele klammern sich an die Vergangenheit. Extremes Beispiel ist die neofaschistische Organisation "Obraz". Sie knüpft heute an die Tradition des serbischen Hitler-Verehrers aus dem Zweiten Weltkrieg Dimitrije Ljotic an und wirbt auf den Plakaten für eine "rein serbische Universität". Obraz-Mitglieder wirken an der Philosophischen Fakultät im Verein "Der heilige Justin Philosoph". Als bei einer Podiumsdiskussion über die bevorstehende Einführung des Religionsunterrichts an den Schulen einige Professoren die Serbisch-orthodoxe Kirche kritisierten, sie habe Milosevi'cs Eroberungszüge abgesegnet, stürmten Obraz-Mitglieder das Podium, und die Veranstaltung verwandelte sich in eine regelrechte Schlägerei.

Djindji'c versucht die latent vorhandene Sprengkraft des serbischen Nationalismus umzulenken. Er verspricht den "sicheren Weg nach Europa". Als Beleg dafür führt er die rund eine Milliarde US-Dollar an, die von der Brüsseler Donatoren-Konferenz zur Verfügung gestellt wurden. Gemessen an der Situation ist diese Milliarde nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Serbien muss eine schmerzhafte Privatisierung der Wirtschaft durchführen. Man rechnet damit, dass die Arbeitslosenzahl bald die 50 Prozent-Marke erreicht. Trotzdem ist es Djindjic gelungen, sich im Ausland als stabiler Faktor zu präsentieren, wobei ihm die zunehmend instabile Lage am Balkan zugute kommt: Die permanente Krise in Bosnien, im Kosovo und der Krieg in Mazedonien ... Es ist kein Wunder, dass vor diesem Hintergrund Serbien stabiler escheint, als es wirklich ist.

Der Autor ist Balkan-Korrespondent der "Kleinen Zeitung".

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