Digital In Arbeit

Seriosität ist unmöglich

1945 1960 1980 2000 2020

Im Fernsehen wird Information zur Unterhaltung; die Printmedien ziehen mit, und das Internet bedroht nicht durch Zensur, sondern durch Datenflut.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Fernsehen wird Information zur Unterhaltung; die Printmedien ziehen mit, und das Internet bedroht nicht durch Zensur, sondern durch Datenflut.

Quoten-Nutten-Sein wird identisch mit überhaupt Medien-Sein. Der Rest ist Schweigen oder, schlimmer noch, Ethik-Diskussion!" Günther Nenning, langgedienter Chef der Journalistengewerkschaft, bringt die gegenwärtige Misere der berichterstattenden Zunft auf den Punkt: Wer heute für die Öffentlichkeit produziert, muß im Hexenkessel rühren - oder unbeachtet verhungern, denn Medien sind längst nicht mehr, was sie einmal waren ...

Die klassischen Funktionen der Medien, durch umfassende Information die demokratische Öffentlichkeit überhaupt erst zu ermöglichen, erwies sich schon mit dem Aufkommen der allgemeinen Schulbildung als fragwürdige Ideologie eines elitären Bildungsbürgertums. Doch spätestens mit dem rasanten Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium der globalisierten Gesellschaften verloren die Medien ihre kulturelle Unschuld und mutierten zur Unterhaltungsindustrie.

Getragen wurde dieser Wandel vom vielfach bejubelten Triumph neoliberaler Konzepte, die eine totale individuelle Wahlmöglichkeit gegenüber den sozialen Vorstellungen vom Allgemeininteresse favorisieren.

"Wettbewerbsförderung" heißt das Zauberwort zur Lösung aller Probleme einer Gesellschaft, deren Credo des lustvollen Egoismus als Garant der allgemeinen Wohlstandsmaximierung beschworen wird. Damit hat allerdings der Staat seine Berechtigung als öffentlich-rechtlicher Medienveranstalter wie auch als gesetzlicher Medienregulator in Frage gestellt.

Daß Medien mehr denn je konstitutiv für die Gesellschaft sind - und gerade darum einer wohldurchdachten Ethik bedürfen, konstatierte die katholische Deutsche Bischofskonferenz in ihrer zukunftsweisenden Erklärung von 1997. So werde der Respekt vor der Würde und der Intimität der Menschen nicht nur durch den öffentlichen Voyeurismus untergraben, sondern drohe zudem besondere Gefahr von wachsenden Medien-Oligopolen aufgrund deren wirtschaftlicher und politischer Macht. Mutige Worte, die im dürren Medienwald Österreichs unbeachtet verhallten.

Gilt doch in der "Telekratie" des Fernsehzeitalters nur als wahr und wesentlich, was auch sichtbar ist: Jeder zweite Österreicher vertraut den TV-Berichten am meisten - und nur magere 31 Prozent der Presse, die täglich kaum 40 Minuten überflogen wird, während der Fernsehapparat fast zweieinhalb Stunden pro Tag den Durchschnittsbürger (der zu 70 Prozent Kabel- oder Satellitennutzer ist) berieselt.

Diese Zahlen spiegeln den tiefgreifenden Transformationsprozeß der politischen Kultur wider, aufgrund dessen sich der gesellschaftliche Grundkonsens zunehmend auflöst. Angesichts eines fortschreitenden Zerfalls der Öffentlichkeit werden die Ideale der Aufklärung durch die postmodernen Werte der Fun-Society verdrängt: Lust, Gefühl und Spielerei.

Um die Aufmerksamkeit dieser hedonistischen Klientel tobt seit der Einführung von kommerziellem Rundfunk der verschärfte Wettbewerb zwischen den Medienunternehmen, denn nur hohe Reichweiten garantieren lukrative Werbeeinschaltungen. Diese "RTLisierung", die bereitwillige Anpassung an die Sensationsrenner der kommerziellen Sender, ist längst auch beim ORF festzustellen, wo "Vera" und Co. ihre Quoten-Blüten treiben, die zum Erfolgsmaßstab par excellence stilisiert werden.

Auf der Ebene der "reinen" Berichterstattung führte der Zwang zur gesteigerten Reizintensität zur Boulevardisierung des Nachrichtenstils. Information und Unterhaltung verschmolzen zum "Infotainment", das durch zusammenhanglose kurze "News Stories" Spannung fürs Publikum und attraktiven Raum für Werbung schafft: "In diesem Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist Moral, also die Verpflichtung, nicht überall mitzumachen, ein Klotz am Bein", meint "Falter"-Chef Armin Thurnher, der das schlammige Terrain kennt.

Zudem wird die hintergründige, stilvolle Aufklärung über eine obskur-komplexe Welt durch einen Schlagwort-Fetischismus verdrängt, der mittels inflationärem Gebrauch von Begriffen wie "Globalisierung" bloß Scheinlösungen einer inhaltslosen, aber telegenen Symbol-Politik vermittelt. Die Probleme selbst bleiben ungelöst oder werden - wie im Fall der schwer visualisierbaren Medienpolitik - einfach übergangen.

Während Fernsehen zum Voyeurismus zwinge, erfordere das geschriebene Wort wohl Distanz und kühlen Verstand, weshalb sich im Printbereich zwangsläufig seriöse Berichterstattung durchsetzen werde. Wäre dieses landläufige Dogma der Verfechter eines subventionsfreien Pressemarktes wahr, dann "müßte die Furche eine der erfolgreichsten Zeitungen Österreichs sein", wie Peter Michael Lingens vor Jahren im "Standard" kritisierte. Doch ist die Ära des publizistischen Wettbewerbs um die Gunst des kritischen Lesers schon lange so tot wie Karl Kraus, denn in den medialen Führungsetagen sitzen heute weniger geistreiche Publizisten als vielmehr clevere Wirtschaftsstrategen.

Was auch nötig ist, wenn ein Blatt überleben will, denn der Zeitungsmarkt ist gnadenlos. Die Blätter mit den höchsten Auflagen kassieren gleichsam automatisch die höchsten Werbeetats. Gemäß der Logik des enthemmten Marktes mündet diese Teufelsspirale in die Konzentration von Markt- und publizistischer Macht, wofür die "Kronen Zeitung" mit 43 Prozent Reichweite ein weltweit einmaliges Phänomen darstellt.

"Marktmacht Mediaprint", eine Studie des Medienforschers Peter Bruck, konnte 1996 nachweisen, daß die "Krone" ihre marktbeherrschende Stellung teilweise unmittelbar zum Ausbau ihrer ökonomischen und publizistischen Vormachtstellung gebraucht. Die wissenschaftliche Analyse weniger Kampagnen der "Krone" hätte klar ergeben, daß die Zeitung "regelmäßig einseitig und verzerrend berichtet und gegen das Gebot der umfassenden Information verstößt."

Die eigentliche Besonderheit dieses Blattes, dessen Herausgeber Hans Dichand jüngst (von anderen erfolgreichen Medienmachern) zum "erfolgreichsten Medienmacher Österreichs" gewählt wurde, ist sein massiver politischer Einfluß: So leide die überragende Zahl der Bundespolitiker an panischer Angst vor "Krone"-Hieben, wie der Zweite Präsident des Nationalrates Heinrich Neisser kritisierte. Vizekanzler Erhard Busek wurde systematisch demontiert, während Innenminister Karl Schlögl als Garant für todsichere Abschiebungen leidenschaftlichen "Krone"-Beistand genießt.

Vorläufiger Höhepunkt der "Krone"-Selbstgerechtigkeit war 1998 eine Millionen-Klage gegen den Österreichischen Presserat wegen dessen Kritik an einer Vorverurteilung des "Bombenhirns" Franz Fuchs durch die Schlagzeile "Ein Bild wie ein Geständnis". Die Entscheidung des Gerichts, daß eine solche Schlagzeile "wesentlich schärfere Verurteilungen" als die "sehr sachliche Feststellung" des Presserates rechtfertige, rettete das ohnehin zahnlose Organ der Presse-Selbstkontrolle vor der totalen Lächerlichkeit.

Dabei wäre Qualität von zunehmender Bedeutung - angesichts der wuchernden Informationsmengen und der globalen Ausweitung des Wahrnehmungshorizonts. Zählen doch Auswahl und Erklärung zu den schwierigsten Aufgaben von Journalisten, die der Politikwissenschaftler Anton Pelinka als "Fachleute für aktuelle Vereinfachung" definiert.

Wo aber Spezialisten am Werk sind, stellt sich unweigerlich die Vertrauensfrage - insbesondere dann, wenn politische Entscheidungsprozesse berührt werden. So beeinflußten die "Krone"-Kampagnen gegen die Kraftwerke Hainburg und Lambach oder für das Anti-Gen-Volksbegehren maßgeblich die jeweilige öffentliche Meinung. Auch internationale Beispiele wie die Anti-Shell-Kampagne von Greenpeace oder die aktuelle Kosovo-Berichterstattung entlarven jegliche Allianz mit der Medienmaschinerie als gefährliche Desinformationsstrategie, der eine eigene Medienrealität in den Köpfen der Öffentlichkeit entspringt. Dieser Dynamik entgehen auch nicht die "freien" Medien, weil unter dem Markt- und Zeitdruck immer wieder unüberprüfte, aber sensationelle Information auf Kosten der Wahrheit veröffentlicht wird.

Eine bislang ungeahnte Dimension von Gerüchteküchen und Daten-Chaos eröffnete sich durch das Internet, das zugleich ein zentrales Dilemma der vernetzten Medienvielfalt widerspiegelt: Nicht Zensur, sondern Info-Flut bedroht die postmoderne Pressefreiheit; und nicht Leseschwäche, sondern mangelnde Mediennutzungsethik verschärft die Wissenskluft zwischen geschickten Usern und überforderten Konsumenten zum existentiellen Problem der Wissensgesellschaft. Dabei läge der große Vorteil des interaktiven Mediums darin, Berichte bei anderen Quellen gegenprüfen oder sich gar selbst als internationaler Autor engagieren zu können. Der enorme Erfolg von Porno- und Klatschseiten läßt jedoch eher den Triumph des lustbetonten Web-Konsumenten als einer rationalen Leserschaft erwarten.

Die Hoffnung auf eine Wende dieses Trends zur globalen Infotainment-Versorgung durch wenige Mega-Konzerne wäre verantwortungslos unrealistisch. Wir müssen uns wohl in die Rolle des Zauberlehrlings fügen, der die gerufenen Geister nicht mehr los wird und für den es nur einen einzigen Weg gibt, um im multimedialen Hexenkessel nicht zu verkochen, nämlich die beharrliche Erziehung zur kritischen Mediennutzung. Wider alle Nenning'sche Resignation ist in der schönen neuen Medienwelt nur eines noch schlimmer als Medienethik: kritikloses Schweigen.

Der Autor ist leitender Redakteur des Internet-Magazins "zum Thema:" (www.zum-thema.com) und Autor der Studie "Dogma ,Pressefreiheit' versus Realität ,Pressekonzentration'".

FURCHE-Navigator Vorschau