Siedlung statt ZERSIEDLUNG

1945 1960 1980 2000 2020

Harry Glücks Großwohnbauten sind Teil des Wiener Stadtbilds. Kaum bekannt sind seine ebenfalls "ganzheitlichen" Reihenhausanlagen.

1945 1960 1980 2000 2020

Harry Glücks Großwohnbauten sind Teil des Wiener Stadtbilds. Kaum bekannt sind seine ebenfalls "ganzheitlichen" Reihenhausanlagen.

Roland Rainer versus Harry Glück: So lautete der wohl größte ideologische Disput im heimischen Wohnbau nach 1945. Während Rainer den banalen Massenquartieren in der Stadt und der Zersiedlung am Land sein Modell der modernen Gartenstadt, also verdichtete Flachbausiedlungen mit üppiger Bepflanzung entgegenstellte, entwickelte Glück als Alternative das Modell des Wohnparks mit mehrgeschoßigen Terrassenhäusern, die Wohnraum mit eigenem Grün übereinander stapeln.

Rainer warf Glück die "unmenschliche" Dimension seiner Wohnkomplexe vor, worauf Glück die niedrigere Bebauungsdichte und die damit geringere Leistbarkeit von Rainers Siedlungen bemängelte. Dabei lässt sich sagen: Im Grunde verfolgten beide dasselbe Ziel, nämlich einen bodensparenden, aber hochwertigen Wohnbau für die breite Bevölkerung -mit unmittelbarem Grünkontakt und frei von Autoverkehr. Was wir heute als nachhaltigen Wohn- und Siedlungsbau anstreben, aber nur allzu selten realisieren, haben beide ab den 1960er-Jahren -also lange bevor "Nachhaltigkeit" zum Begriff wurde -bereits verwirklicht.

Fußläufige Infrastruktur

So wie die Gartenstadt in Puchenau bei Linz zum Synonym für Roland Rainers Schaffen geworden ist, stehen die drei Hochhauszeilen in Wien-Alt Erlaa für Harry Glücks Philosophie des sozialen Wohnbaus: für jede Wohnung eine bepflanzbare Terrasse unter freiem Himmel oder eine großzügige Loggia; weitläufige Freiräume mit parkartiger Begrünung; fußläufige Versorgung mit Geschäften, Sozial- und Bildungseinrichtungen; ein breites Angebot an Gemeinschaftsräumen -und nicht zuletzt Dachschwimmbäder mit Blick über die Stadt. Diese Faktoren brachten Glücks Wohnanlagen, die der Architekt selbst in die Tradition der Gemeindebauten des "Roten Wien" stellt, in sozialwissenschaftlichen Studien die höchsten Wohnzufriedenheitswerte ein. Und diese Wohnzufriedenheit wird selbst von zeitgenössischen, Jahrzehnte später errichteten Wohnbauten selten erreicht - mitunter nicht einmal von freistehenden Einfamilienhäusern mit Garten.

Trotzdem stellen viele den 90-jährigen Planer von rund 18.000 Wohnungen nach wie vor ins Eck jener "Großarchitekten", die in der Blütezeit des industriellen Wohnbaus spröde Massenquartiere an den Stadtrand stellten. Auch wenn in seinen großen Wohnparks am Stadtrand von Wien die Vielfalt an Gemeinschafts-und Versorgungseinrichtungen nicht zuletzt der Konzentration von Tausenden Wohnungen geschuldet ist, hing Glücks Konzept eines "vollwertigen" Wohnens nie von der Lage oder Maßstäblichkeit seiner Bauten ab. Nur wenige wissen, dass der Architekt seit jeher auch verdichtete Flachbausiedlungen plant, in die er - eigentlich unüblich für diese Typologie - ebenso Angebote für gemeinschaftliche Aktivitäten, für ein soziales und kommunikatives Wohnen zu integrieren versucht.

Das bis heute eindrucksvollste Beispiel ist die 1969 finalisierte Siedlung am Doktorberg im niederösterreichischen Kaltenleutgeben. 125 geförderte Eigentumswohnhäuser in Fertigteilbauweise schuf Harry Glück hier mit seinem damaligen Partner Carl Auböck auf einer zehn Hektar großen Lichtung des Wienerwalds südlich der Bundeshauptstadt. Die eingeschoßigen, mitunter auch zweigeschoßigen Reihenhäuser bieten auf Grundstücken von oft nur 200 Quadratmetern zwischen 96 und 130 Quadratmeter Wohnfläche und verfügen alle über Gärten und Vorgärten. Das Zentrum bildet ein Gemeinschaftshaus, das ursprünglich auch einem Lebensmittelgeschäft und einer Hausbesorgerwohnung Platz gab -und bis heute Hobby-und Sporträume, eine Kegelbahn sowie Sauna und Dampfbad umfasst. Ihm vorgelagert sind ein gemeinschaftliches Schwimmbad mit großer Liegewiese sowie zwei Tennisplätze. Abgesehen von den Zufahrten zu den Sammelgaragen und den ergänzenden Parkplätzen ist die gesamte Siedlung verkehrsfrei. Stolz ist Harry Glück darauf, dass die Häuser am Doktorberg auch nach 45 Jahren weitgehend unverändert sind -und mehrheitlich ohne Zäune auskommen: "Buschpflanzungen deuten den Übergang vom privaten Garten zum öffentlichen Raum lediglich an, sodass jedem Bewohner im Grunde ein 100.000 Quadratmeter großer Park zur Verfügung steht."

Zeitgleich entstanden in Wiens 23. Bezirk die typologisch ähnlichen Flachbausiedlungen Lindauergasse und Maurer Lange Gasse mit insgesamt 40 geförderten Wohneinheiten auf Grundstücken von 160 bis 330 Quadratmetern -also nur einem Viertel oder gar Fünftel der damals üblichen Parzellengröße im Einfamilienhausbau. Neben Eigentumswohnsiedlungen schuf Glück auch Reihenhausanlagen mit geförderten Mietwohnungen, etwa jene in der Mariabrunner Straße im 14. Bezirk mit 46 zweigeschoßigen Häusern. Sie stattete der Architekt mit einem gemeinschaftlichen Schwimmbecken, einem Kinderplanschbecken, einer Sauna und einem Ballsportplatz aus -was die Wohnqualität der Mieter über jene der klassischen "Häuslbauer" rings herum hebt.

Kostengünstig und vorgefertigt

Glücks Flachbausiedlungen finden sich nicht nur in den Gunstlagen der westlichen Stadtbezirke an den Ausläufern des Wienerwalds: In der Großfeldsiedlung am Nordrand Wiens etwa, einem der Entwicklungsschwerpunkte in den 1960er- und 70er-Jahren, errichtete er über 100 Reihenhäuser an sieben verschiedenen Standorten.

Der standardisierte Typ für diese geförderten Mietwohnanlagen war ein zweigeschoßiges Haus auf einem sechs Meter breiten Grundstück mit 110 Quadratmeter Wohnfläche, Terrasse und etwa 100 Quadratmeter süd- oder südwestorientiertem Garten. Was hier noch der Verbauung von Restflächen zwischen großvolumigen Wohnhöfen diente, sollte Ende der 1970er Jahre zu Tausenden in den Stadterweiterungsgebieten entstehen und nach dem Willen des Rathauses dem zunehmenden Flächenverbrauch infolge der Zersiedlung am Stadtrand entgegenwirken.

Harry Glück entwickelte zu diesem Zweck einen kostengünstigen, industriell vorgefertigten Stahlskelettbau in vier verschiedenen Grundtypen: ein ebenerdiges Doppelhaus, ein Atriumhaus mit innenliegendem Garten, ein L-förmiges Hakenhaus sowie ein zweigeschoßiges Reihenhaus mit jeweils 125 bis 130 Quadratmeter Wohnfläche. Zwei komplett möblierte Musterhäuser samt gestaltetem Garten wurden 1976 am Wiener Rathausplatz drei Wochen lang präsentiert und durch eine breit angelegte Medienkampagne propagiert. Obwohl sogar die Rede davon war, dass diese Siedlungen von der VÖEST in Lizenz auch im Nahen Osten gebaut werden sollten, kam es schlussendlich doch nur zur Realisierung einer einzigen Anlage entlang der Carabelligasse im 21. Bezirk mit insgesamt 188 Wohneinheiten - sowie zwei Schwimmbädern samt Saunen und einer gemeinschaftlichen Grünfläche. Nichtsdestotrotz ist sie bis heute ein Musterbeispiel für die Möglichkeiten im bodensparenden Siedlungsbau.

Trendwende längst überfällig

Seinen größten verdichteten Flachbau verwirklichte Harry Glück Ende der 1990er-Jahre am Südrand von Wien. Die Verdi-Siedlung mit knapp 400 genossenschaftlichen Häusern zeigt eine kaum wo erreichte typologische Vielfalt aus zweigeschoßigen Reihenhäusern, zwei- und dreigeschoßigen "back-to-back"-Häusern nach englischem Vorbild, ebenerdigen Atrium-Doppelhäusern, L-förmigen Reihenhäusern und ebenerdigen Doppelhäusern. An privaten Freiräumen schuf der Architekt Gärten, Grünhöfe und Vorgärten, Wintergärten sowie Terrassen im Erd-und Obergeschoß. Die gemeinschaftlichen Grünräume bieten Ruhe, Begegnungs-und Kommunikationszonen, aber auch Kinderspielplätze oder ein großes Schwimmbad mit Liegewiese -und verleihen der dank Sammelgaragen verkehrsfreien Anlage einen gartenstädtischen Charakter.

Ungeachtet des einheitlichen Erscheinungsbilds dürfte die Bandbreite an Hausformen und Grundrissen hier größer sein als in den meisten, vermeintlich individuellen Einfamilienhaussiedlungen. In sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Hinsicht sind die Vorzüge des verdichteten Flachbaus ohnehin evident. Besucht man die Anlagen und erlebt ihren Wohnwert, erhebt sich zwangsläufig die Frage, warum Österreichs Raumordnungs-und Wohnbaupolitik diese Siedlungsform nicht schon längst zur Maxime bei Parzellierung, Bebauungsplanung und Wohnbauförderung außerhalb der Zentren erklärt hat. Ihre Verbreitung einigen wenigen Architekten und Bauträgern zu überlassen, wird für eine überfällige Trendwende in unserer Siedlungsentwicklung nicht reichen.

TIPP

Buch und Architekturführung

Vor kurzem veröffentlichte Reinhard Seiß im Müry Salzmann Verlag das Buch "Harry Glück. Wohnbauten"(240 S., € 48,-) mit zahlreichen Gastbeiträgen, großformatigen Fotografien sowie einem reichhaltigen Werkverzeichnis aller Glück-Bauten.

www.muerysalzmann.at

Und am 20. Juni führt der Autor, veranstaltet von ORTE - Architekturnetzwerk Niederösterreich, durch ausgewählte Wohnparks und Siedlungen von Harry Glück u. a. in Kaltenleutgeben, Mödling und Seebenstein.

www.orte-noe.at

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