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Feuilleton

Siestas, Krisen und Affenhitze

1945 1960 1980 2000 2020

Der Brexit wirft ausgerechnet an der Südspitze Spaniens seine längsten Schatten voraus. Denn um Gibraltar wird die Stimmung zwischen Spaniern und Briten immer ungemütlicher. Und immer irrealer.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Brexit wirft ausgerechnet an der Südspitze Spaniens seine längsten Schatten voraus. Denn um Gibraltar wird die Stimmung zwischen Spaniern und Briten immer ungemütlicher. Und immer irrealer.

Es ist kaum zu fassen, wie innig sich der Konflikt zwischen dem Süden und dem Norden Europas schon seit Jahrhunderten abspielt -nicht erst seit den Tagen der Austerität. Zuvorderst natürlich auf der Ebene der Vorurteile. Der Südeuropäer, so könnte man es vornehm umschreiben, nimmt es mit der Ruhe genauer als mit dem Arbeiten, meint der Nordler.

In kaum einer anderen Institution des Südens manifestiert sich das für den Verurteiler mehr als in der "Siesta" des Spaniers. Eine Ruhezeit von 12 bis 15 Uhr, das gab es im Norden zuletzt in den selig verschlafenen Zeiten des Greisslers. Aber die sind bekanntlich längst vorbei. Nicht so in Spanien, wo die Hitze dem Leben im Sommer einen wesentlich eindrücklicheren Stempel aufdrückt als hier bei uns (wobei: diese klimatische Rechtfertigung gilt beim Spanierverächter natürlich nada!).

Aber egal, ob Hitze oder natürliche Arbeitsentfremdung: Die Siesta hat jedenfalls den Gang der Geschichte beeinflusst, und zwar nachhaltig und mehr als nur durch ein seltsames Vorurteil. Am sehr sonnigen 4. August im Jahre des Herrn 1704 nämlich zog sich die spanische Garnison, welche die Festung von Gibraltar bewachte, in die Kühle der inneren Mauern zurück. Und da es wirklich sehr sehr heiß war, gingen die Wachen auf den Türmen und Ausgucken auch gleich mit.

Was die Besatzung nicht wusste, war, dass auf der Westseite des Felsens eine englisch-holländische Flotte auf die Mittagshitze gewartet hatte. Sie schob sich nun gänzlich unbeobachtet nach vor und ihre Soldaten nahmen die Festung innerhalb einer Stunde ein. Seit dieser die Alltagskultur des Gegners ausnutzenden Taktik gehört Gibraltar den Engländern. Und keine Gegenbelagerung und kein Weltkrieg konnte das ändern. Der Stachel dieser Siesta sitzt aber immer noch elendiglich tief im spanischen Ehrbewusstsein, kein König und keine Regierung der Spanier hat deshalb je den Anspruch auf Gibraltar aufgegeben.

Lange Jahrzehnte hatte sich die Situation zwar entspannt, weil sowohl Spanien als auch England Teil der EU waren. Doch mit dem März 2019, ab dem Ausscheiden der Briten aus der EU, wird sich das ändern. Dann wird Gibraltar wieder Ausland. Und nun beginnt die historische Wunde wieder zu jucken und zu schmerzen.

Vorgeschmack auf den Brexit

Anfang Februar gab es vor Gibraltar einen ersten Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag: eine mögliche heftige Konfrontation aus dem Nichts zwischen zwei europäischen Staaten. Im vorliegenden Fall kreuzte vor dem Hafen von Gibraltar ein spanisches Kriegschiff auf und erteilte den Kapitänen der dort vor Anker liegenden Handelsschiffe den Befehl, sich schleunigst aus spanischen Hoheitsgewässern zu entfernen.

Daraus entwickelte sich ein surreales Tauziehen. Die Hafenbehörde von Gibraltar forderte die vor Anker liegenden Handelsschiffe auf, in Position zu bleiben und binnen kürzester Zeit bezog die britische Marine Stellung. Da erst wichen die Spanier zurück. Die Regierung von Gibraltar hat eine Untersuchung des Vorfalls eingeleitet und spricht von einer "Missachtung des Völkerrechts" und einem "törichten Spiel" der spanischen Marine.

Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Einmal verfolgte die spanische Küstenwache Drogendealer bis in den Hafen von Gibraltar, wo die Spanier die Dealer verhafteten. Aber gleich darauf wurden die spanischen Fahnder von den Briten verhaftet und es setzte eine ordentliche diplomatische Krise, die mit einer halbherzigen Entschuldigung der Spanier endete.

Wenn man die Situation von höherer Warte aus betrachtet, sagen wir von der EU-Hauptstadt Brüssel aus, dann gibt es für dieses Tauziehen ("Tug of War") nur Kopfschütteln. Das gilt ja für vieles, das sich rund um den Brexit abspielen, nur sind es diesmal die Spanier, die Verwunderung auslösen, nicht die Briten. Als eine politökonomische Behörde sieht die EU-Kommission ja bevorzugt trockene Fakten und nicht die historische Schmach. Und nach diesen Trockenfakten ist eindeutig: Es gibt für niemanden was zu holen in Gibraltar.

Ein Kalkfelsen, mehr nicht

Es handelt sich nämlich um wenig mehr als eine monolithische Landspitze aus Kalkgestein, der hinterletzte Felsen der betischen Koridilleren, ein von Höhlen durchzogener 426 Meter hoher Felsklotz mit fragwürdig schmaler Verbindung zum spanischen Festland. Der obere Teil des "Rock" ist dazu unbenutzbar, weil Naturschutzgebiet und Heimat der frechen Berberaffen, deren Besonderheit darin besteht, dass sie Europas einzig natürlich vorkommende Affen sind. Das wäre es, von oben gesehen. Affen, ein paar Tunnel und Verteidigungsanlagen und ein paar Höhlen, in denen Neandertaler lebten. Dazu noch ein Paar Diesellager für Schiffe, sieben Buslinien, ein Flughafen und Banken für reiche Anleger (ohne Schiff). Und natürlich die Aussicht auf Mittelmeer und Atlantik.

Aber die Fakten allein sind eben nicht alles und deshalb besteht Gibraltars eigentliche Geschichte und sein Reiz und Wert aus Legenden. Zunächst weil hier der Eingang zu einem Paradies liegen könnte, geht es nach der Legende von Herakles. Denn unweit müssen sich die Gärten der Hesperiden befinden, jener Gegend, in der auf einem Baum Äpfel aus Gold wachsen und die von den Töchtern des Titans Atlas gehütet werden. Aus diesem Garten jedenfalls holte Atlas die Äpfelchen und gab sie Herakles, der damit seine elfte Aufgabe erfüllte. Nach dieser Geschichte nannten die Griechen die beiden Felsen, die das Mittelmeer gegen den Atlantik begrenzen (der eine Gibraltar, der andere der Dschebel Mussa auf dem marokkanischen Seite) die Säulen des Herakles und weise Menschen meinten, der Mensch dürfe bis hierhin und nicht weiter: "Non plus ultra"! Die Spanier nahmen die Säulen jedenfalls in ihr Wappen auf. Doppelt bitter, dass keine der beiden nun tatsächlich Spanien gehört.

Gibraltar hat außerdem einen tollen Ruf zu verteidigen. Sie ist "invincible", eine unbesiegbare Festung. Seit dem Sturm der Engländer hat sie niemand eingenommen. Die Spanier versuchten es einmal sogar mit einer fünfjährigen Belagerung. Umsonst. So ging Gibraltar in die englische Alltagssprache ein. Wenn jemand allen Stürmen des Lebens trotzt, dann nennen die Briten das "solid as the Rock of Gibraltar". Den Spaniern bleibt zum Trost zwar noch die Weissagung: Wenn der letzte Affe auf Gibraltar tot ist, werden die Briten die Halbinsel verlieren. Aber bis dahin könnten weitere Jahrhunderte vergehen. Denn die Briten geben ihnen viel Zucker, den Affen.

Es ist kaum zu fassen, wie innig sich der Konflikt zwischen dem Süden und dem Norden Europas schon seit Jahrhunderten abspielt -nicht erst seit den Tagen der Austerität. Zuvorderst natürlich auf der Ebene der Vorurteile. Der Südeuropäer, so könnte man es vornehm umschreiben, nimmt es mit der Ruhe genauer als mit dem Arbeiten, meint der Nordler.

In kaum einer anderen Institution des Südens manifestiert sich das für den Verurteiler mehr als in der "Siesta" des Spaniers. Eine Ruhezeit von 12 bis 15 Uhr, das gab es im Norden zuletzt in den selig verschlafenen Zeiten des Greisslers. Aber die sind bekanntlich längst vorbei. Nicht so in Spanien, wo die Hitze dem Leben im Sommer einen wesentlich eindrücklicheren Stempel aufdrückt als hier bei uns (wobei: diese klimatische Rechtfertigung gilt beim Spanierverächter natürlich nada!).

Aber egal, ob Hitze oder natürliche Arbeitsentfremdung: Die Siesta hat jedenfalls den Gang der Geschichte beeinflusst, und zwar nachhaltig und mehr als nur durch ein seltsames Vorurteil. Am sehr sonnigen 4. August im Jahre des Herrn 1704 nämlich zog sich die spanische Garnison, welche die Festung von Gibraltar bewachte, in die Kühle der inneren Mauern zurück. Und da es wirklich sehr sehr heiß war, gingen die Wachen auf den Türmen und Ausgucken auch gleich mit.

Was die Besatzung nicht wusste, war, dass auf der Westseite des Felsens eine englisch-holländische Flotte auf die Mittagshitze gewartet hatte. Sie schob sich nun gänzlich unbeobachtet nach vor und ihre Soldaten nahmen die Festung innerhalb einer Stunde ein. Seit dieser die Alltagskultur des Gegners ausnutzenden Taktik gehört Gibraltar den Engländern. Und keine Gegenbelagerung und kein Weltkrieg konnte das ändern. Der Stachel dieser Siesta sitzt aber immer noch elendiglich tief im spanischen Ehrbewusstsein, kein König und keine Regierung der Spanier hat deshalb je den Anspruch auf Gibraltar aufgegeben.

Lange Jahrzehnte hatte sich die Situation zwar entspannt, weil sowohl Spanien als auch England Teil der EU waren. Doch mit dem März 2019, ab dem Ausscheiden der Briten aus der EU, wird sich das ändern. Dann wird Gibraltar wieder Ausland. Und nun beginnt die historische Wunde wieder zu jucken und zu schmerzen.

Vorgeschmack auf den Brexit

Anfang Februar gab es vor Gibraltar einen ersten Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag: eine mögliche heftige Konfrontation aus dem Nichts zwischen zwei europäischen Staaten. Im vorliegenden Fall kreuzte vor dem Hafen von Gibraltar ein spanisches Kriegschiff auf und erteilte den Kapitänen der dort vor Anker liegenden Handelsschiffe den Befehl, sich schleunigst aus spanischen Hoheitsgewässern zu entfernen.

Daraus entwickelte sich ein surreales Tauziehen. Die Hafenbehörde von Gibraltar forderte die vor Anker liegenden Handelsschiffe auf, in Position zu bleiben und binnen kürzester Zeit bezog die britische Marine Stellung. Da erst wichen die Spanier zurück. Die Regierung von Gibraltar hat eine Untersuchung des Vorfalls eingeleitet und spricht von einer "Missachtung des Völkerrechts" und einem "törichten Spiel" der spanischen Marine.

Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Einmal verfolgte die spanische Küstenwache Drogendealer bis in den Hafen von Gibraltar, wo die Spanier die Dealer verhafteten. Aber gleich darauf wurden die spanischen Fahnder von den Briten verhaftet und es setzte eine ordentliche diplomatische Krise, die mit einer halbherzigen Entschuldigung der Spanier endete.

Wenn man die Situation von höherer Warte aus betrachtet, sagen wir von der EU-Hauptstadt Brüssel aus, dann gibt es für dieses Tauziehen ("Tug of War") nur Kopfschütteln. Das gilt ja für vieles, das sich rund um den Brexit abspielen, nur sind es diesmal die Spanier, die Verwunderung auslösen, nicht die Briten. Als eine politökonomische Behörde sieht die EU-Kommission ja bevorzugt trockene Fakten und nicht die historische Schmach. Und nach diesen Trockenfakten ist eindeutig: Es gibt für niemanden was zu holen in Gibraltar.

Ein Kalkfelsen, mehr nicht

Es handelt sich nämlich um wenig mehr als eine monolithische Landspitze aus Kalkgestein, der hinterletzte Felsen der betischen Koridilleren, ein von Höhlen durchzogener 426 Meter hoher Felsklotz mit fragwürdig schmaler Verbindung zum spanischen Festland. Der obere Teil des "Rock" ist dazu unbenutzbar, weil Naturschutzgebiet und Heimat der frechen Berberaffen, deren Besonderheit darin besteht, dass sie Europas einzig natürlich vorkommende Affen sind. Das wäre es, von oben gesehen. Affen, ein paar Tunnel und Verteidigungsanlagen und ein paar Höhlen, in denen Neandertaler lebten. Dazu noch ein Paar Diesellager für Schiffe, sieben Buslinien, ein Flughafen und Banken für reiche Anleger (ohne Schiff). Und natürlich die Aussicht auf Mittelmeer und Atlantik.

Aber die Fakten allein sind eben nicht alles und deshalb besteht Gibraltars eigentliche Geschichte und sein Reiz und Wert aus Legenden. Zunächst weil hier der Eingang zu einem Paradies liegen könnte, geht es nach der Legende von Herakles. Denn unweit müssen sich die Gärten der Hesperiden befinden, jener Gegend, in der auf einem Baum Äpfel aus Gold wachsen und die von den Töchtern des Titans Atlas gehütet werden. Aus diesem Garten jedenfalls holte Atlas die Äpfelchen und gab sie Herakles, der damit seine elfte Aufgabe erfüllte. Nach dieser Geschichte nannten die Griechen die beiden Felsen, die das Mittelmeer gegen den Atlantik begrenzen (der eine Gibraltar, der andere der Dschebel Mussa auf dem marokkanischen Seite) die Säulen des Herakles und weise Menschen meinten, der Mensch dürfe bis hierhin und nicht weiter: "Non plus ultra"! Die Spanier nahmen die Säulen jedenfalls in ihr Wappen auf. Doppelt bitter, dass keine der beiden nun tatsächlich Spanien gehört.

Gibraltar hat außerdem einen tollen Ruf zu verteidigen. Sie ist "invincible", eine unbesiegbare Festung. Seit dem Sturm der Engländer hat sie niemand eingenommen. Die Spanier versuchten es einmal sogar mit einer fünfjährigen Belagerung. Umsonst. So ging Gibraltar in die englische Alltagssprache ein. Wenn jemand allen Stürmen des Lebens trotzt, dann nennen die Briten das "solid as the Rock of Gibraltar". Den Spaniern bleibt zum Trost zwar noch die Weissagung: Wenn der letzte Affe auf Gibraltar tot ist, werden die Briten die Halbinsel verlieren. Aber bis dahin könnten weitere Jahrhunderte vergehen. Denn die Briten geben ihnen viel Zucker, den Affen.