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Sikkim, verborgen und geheimnisvoll

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Das winzige Land im Himalaya öffnet sich nur zögernd

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Das winzige Land im Himalaya öffnet sich nur zögernd

Der klapprige blaue Tata-Bus der "Sikkim National Transport" am kleinen Terminal im nordostindischen Siliguri füllte sich nur langsam. Brütende Hitze im Tiefland, Spaliere von Bananenhändlern, ein Fetzen Papier als Fahrschein. Ein Fahrrad muss noch aufs Dach und zwei Autoreifen waren neben den Orangensäcken der Obsthändler des Nordens bereits sicher vertäut. Pünktliche Abfahrt um zwölf, eingeklemmt zwischen zwei Mönchen und schweren Holzkisten unter den Füßen. Der Bus hupt sich seinen Weg durch schwitzende Rikschafahrer, qualmende Trucks und dösende Kühe, die am heißen Teerband gemächlich Lychee-Schalen und Plastikflaschen verspeisen. Indien pur.

Vier Stunden und Dutzende Serpentinen später ist es immer noch Indien, trotz des verwitterten Grenzbalkens bei Rangpo, wo in dicke Bücher die Personalien der Fremden aufgenommen werden und monumentale Stempel die Pässe füllen wie in vergangenen Zeiten. Damals, als Sikkim noch selbständiges Himalaya-Königreich zwischen Nepal und Bhutan war, und Indien - ab 1947 - lediglich für die Verteidigung und Außenpolitik des winzigen Gebirgslandes zuständig.

Von Indien annektiert Doch seit 1975 ist alles anders: Die Zentralregierung in New Delhi nahm eine Reihe politischer Unruhen zum Anlaß für eine militärische Annexion und machte Sikkim zum 22. Bundesstaat - kein ganz uneigennütziger Schritt, ist doch die Kontrolle des 470.000 Einwohner zählenden Ländchens von der Größe Salzburgs für die Eine-Milliarden-Menschen-Macht Indien bedeutsamer als zugegeben, solange die Beziehungen zum 1,3 Milliarden Riesen China labil und unsicher sind.

Die zwei größten Staaten der Welt buhlten stets um die Gunst der kleinen Pufferstaaten im Himalaya: Ob Spitäler, Straßen oder Elektrifizierung - der große Bruder Indien tut wie in Nepal und Bhutan alles, um die Gunst des buddhistischen Gebirgslandes zu gewinnen.

Gangtok, die Hauptstadt auf 1.800 Metern, verblüfft mit vielstöckigen Häusern, die waghalsig in die grünen Hügelhänge gebastelt wurden. Die Höhendifferenz der Großstadt aus Stein, Heimat von über 80.000 Menschen, beträgt viele hundert Meter bis hinauf zum sogenannten "Sekretariat", dem Sitz der Regionalregierung. Bei klarer Sicht eröffnen sich imposante Blicke auf die schneebedeckten Gipfel des Sikkim-Himalaya, und das neurenovierte Rumtek-Kloster, Sitz der tibetischen Kagyu-pa-Sekte, scheint auf der anderen Talseite zum Greifen nah.

Von dem jungen Karmapa Lama, der kürzlich in einer aufsehenerregenden Flucht aus Tibet in Dharamsala, der nordwestindischen Exilheimat des Dalai Lama, eingetroffen ist, will man hier wenig wissen - Persona non grata, obwohl der 14-jährige das geistige Oberhaupt der Sekte ist. Bloß erkennt der Abt von Rumtek einen Protege seiner eigenen Wahl als 17. Inkarnation des Karmapa an und setzt sich damit in Opposition zu samtlichen ernstzunehmenden exiltibetischen Gruppierungen. Bei einem geschätzten Vermögen der Sekte von über einer Milliarde US-Dollar geht es hier wohl um mehr als persönliche Animositäten.

Es sind nur drei Kilometer Luftlinie zum Kloster, doch 24 staubige Straßenkilometer in übervollen Mahindra-Jeeps, die erst losfahren, wenn auch die Stehplätze außen belegt sind. Fahrer, die aussehen wie 15 und Routine haben wie 50, und auch bisweilen ihre kleinen Brüder auf den Knien die ungesicherten Serpentinen ansteuern lassen. 16 Mann Besatzung sind auch keine Seltenheit auf den abenteuerlichen Pisten hinauf nach Labrang, wo es schaukelnd über die provisorischen Wege nach gewaltigen Hangrutschungen und wässrigen Murenabgängen geht. Neue Stahlbrücken auf alten Fundamenten, und unten das Rauschen eisiger Ströme.

Doch zumeist liegt Nebel über dem Land, und die Niederschlagsmassen der Monsunzeit können die steinernen Dörfer auf Wochen von der Außenwelt abschneiden - kaum anders als früher, bevor die Inder Straßen zu bauen begannen. Sikkim zählt wie das südlich angrenzende Darjeeling, die westbengalische HillStation der kolonialen Highsociety aus Kalkutta, zu den niederschlagsreichsten Regionen der Welt.

Sikkim, das sind 194 Klöster, großteils in abgeschiedensten Bergregionen, das sind Wälder von Gebetsfahnen entlang der Straßen.

Die anfangs betont anti-indische Haltung der Bevölkerung hat nunmehr einem nüchternen Realismus Platz gemacht. Der buddhistische Frieden scheint wieder eingekehrt zu sein am Fuß des Kanchenjunga, mit 8.586 Metern dritthöchster Berg der Welt an der Grenze zu Nepal, und die verwaschenen Unabhängigkeitsparolen auf weißgetünchten Steinwänden sind längst verbleicht.

Fremde sind immer noch verdächtig und wollen kontrolliert sein. Nur ein kleiner Teil des Landes ist Ausländern zugänglich, trotz kostenlosem 15-Tage-Permit mit indischem Visum; das Grenzgebiet zu Tibet ist absolut tabu, von geführten Touren zum Tsangu-See auf fast 4.000 Meter Höhe abgesehen, wohin die sprießenden Trekkingagenturen Abenteuerlustige gegen harte Devisen hinkarren. 10.000 Ausländer jährlich, dazu etwa 100.000 indische Touristen - Saalbach allein hat mehr Besucher als das kühle Land der grünen Hügel am Fuß magischer Gletscher und heiliger Gipfel, das sich noch in den Kinderschuhen indischer Touristenrummelplätze von Pushkar bis Agra befindet: Keine Zimmerkeiler, keine dröhnenden Motor-Rikschas, keine T-Shirts, aber auch keine Bettler und die stechende Armut der Ganges-Ebene.

Bellende Hunde. Leise Gongs. Stille. Denn der einzige Bus des Tages fährt meist schon im Morgengrauen, um die Gemüsesäcke und Tiere aller rechtzeitig zu den Märkten von Gezing und Gangtok zu schaffen. Weißgetünchte Klöster tauchen schemenhaft aus den Nebelfetzen auf, und auch auf 2.000 Metern ist von Waldgrenze noch lange keine Spur. Flatternde weiße Gebetsfahnen an Bambusmasten, lange Reihen von knarrenden Gebetsmühlen an den windschiefen Außenmauern, kastengroße im Inneren, wo der staubige Geruch der Jahrhunderte die Zeit vergessen läßt. Fast alle hier gehören der Sekte der Rotkappen an, die die Gelbkappen des westlichen Tibet seinerzeit als Staatsreligion abgelöst haben - bis 1975, als die Hindumacht Indien das Steuer übernahm. Laut offizieller Religionsstatistik dominieren heute die Hindus mit 60 Prozent die Anhänger des Buddhismus - doch diese scheinen trotz ihrer geringen 28 Prozent immer noch die Kultur des Landes zu kontrollieren.

Im Namen Buddhas Sikkim, das ist eher Tibet als Indien - nicht nur wegen des Namgyal Instituts für Tibetologie, das seit 1958 eine der weltweit größten Sammlungen an Manuskripten und Artefakten zum Mahayana-Buddhismus unterhält. Natürlich wegen unglaublicher Kunstschätze im Dunkel verborgener Klöster von Tashiding bis Phodang, die runzelige Lamas stolz präsentieren, bevor sich die morschen Türen wieder knarrend wohl für lange Zeit schließen. Auch ein bißchen wegen der Momos, knödelartigen Teigtaschen, einer tibetischen Spezialität, die rotbäckige Mädchen über dem offenen Feuer in dunklen Küchen kneten - der unvermeidliche Buttertee ist so gratis wie inklusive. Doch vor allem wegen der Mönche, den braunen und roten, gelben und orangen Flecken im dampfenden Grün: Im Namen Buddhas, zumindest die Reinkarnationen bestimmt Sikkim immer noch trotzig selbst. Der Karmapa ist in Dharamsala wohl besser aufgehoben.

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