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Sind wir alle Rassisten?

Der Europäer: "einfallsreich, erfinderisch, weiß, sanguinisch. Er lässt sich durch Gesetze lenken"; der Indianer: "mit seinem Los zufrieden, liebt die Freiheit, gebräunt, jähzornig. Er lässt sich durch die Sitte lenken"; der Asiate: "habsüchtig, gelblich, melancholisch. Er lässt sich durch die allgemeine Meinung lenken"; der Afrikaner: "verschlagen, faul, nachlässig, schwarz, phlegmatisch. Er lässt sich durch die Willkür seiner Herrscher lenken": Der schwedische Naturforscher Carl von Linne (1707 bis 1778) klassifizierte nicht nur Pflanzen, dafür ist er heute noch berühmt, sondern auch Tiere und Menschen. Seine botanische Systematik gilt zum Teil noch heute - auch seine Einteilung der Menschen in verschiedene Rassen spukt leider noch in vielen Köpfen umher.

Es wäre freilich unsinnig, Linne als Stammvater aller Rassisten dingfest machen zu wollen, denn er schrieb in diesem Fall nur nieder, was damals geistiges Allgemeingut war: Dass es verschiedene Arten von Menschen gebe, die sich in ihrem Aussehen und ihrem Seelenleben voneinander unterscheiden. Der Glaube an biologisch vererbte Unterschiede zwischen den Rassen verfestigte sich im 19. Jahrhundert zu einer vermeintlich wissenschaftlich fundierten Theorie. Joseph Arthur de Gobineaus "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" (1853-55) wurde zur Programmschrift des modernen Rassismus, der Einteilung der Menschen in "höhere" und "niedere" Rassen.

Obwohl der Rassenwahn der Nationalsozialisten viele Millionen unschuldiger Menschen das Leben kostete, obwohl Rassismus in der UNO-Erklärung der Menschenrechte 1948 moralisch-politisch geächtet wurde, hält sich die menschenverachtende Idee verschiedener und verschieden wertiger Rassen hartnäckig: Im Osten Deutschlands werden regelmäßig Menschen anderer Hautfarbe totgeprügelt, in Graz werden Taxifahrer anderer Hautfarbe zunehmend beschimpft und bedroht, viele Kunden weigern sich, von "ausländischen" Fahrern chauffiert zu werden - nur zwei aktuelle Beispiele für Rassismus heute.

Dabei fehlt dem Rassismus jede wissenschaftliche Grundlage. Gerade die Genforschung, die sich mit der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts beschäftigt, widerlegt die Vorstellung, es gebe so etwas wie menschliche Rassen. Die Menschen sind einander genetisch so ähnlich, dass sich keine genetischen Grenzen zwischen ihnen ziehen lassen. Zwei beliebige Menschen unterscheiden sich nur in zwei bis drei von 1.000 Buchstaben ihres DNS-Codes. Etwa 85 Prozent der vorhandenen genetischen Unterschiede treten zwischen Personen der selben Nationalität auf. Das heißt: die genetischen Variationen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe sind größer, als zwischen verschiedenen Gruppen. "Würde man alle Populationen außer einer ausrotten", formuliert der Wissenschaftsjournalist Blake Edgar drastisch, "bliebe die genetische Vielfalt der Spezies immer noch zum größten Teil erhalten".

Genaue statistische Daten hat der amerikanische Genetiker Richard Lewontin geliefert: Demnach ist der genetische Unterschied zwischen zwei Menschen aus verschiedenen Ländern nur um sieben Prozent höher als der zwischen zwei Menschen aus dem gleichen Land. Selbst der Unterschied zwischen einem Afrikaner und einem Europäer ist im Durchschnitt nur um 15 Prozent größer als der zwischen zwei Menschen aus dem gleichen Dorf.

Warum aber unterscheiden sich dann Bewohner verschiedener Erdteile in Hautfarbe, Körpergröße, Proportionen oder Haarwuchs? Warum halten etwa Menschen afrikanischer Abstammung alle Weltrekorde über jede Laufdistanz? (Marathon wird gar von einer einzigen Ethnie, den Kalejin aus Kenia, regiert). Das sind oberflächliche Eigenschaften, die der Anpassung an Umwelt- oder Klimabedingungen dienen, sagen die Wissenschaftler. Da die Menschen - früher noch mehr als heute - ihre Partner meist in ähnlichen gesellschaftlichen Gruppen und in der gleichen Gegend suchen, dominieren manche Eigenschaften in einzelnen Bevölkerungsgruppen. Eigenschaften, die sich übrigens schnell - in nur 5.000 bis 10.000 Jahren - an die Umwelt anpassen. "Die Geografie der menschlichen Gene gibt keine naturwissenschaftliche Grundlage für den Rassebegriff", resümiert der italienische Genetiker Luca Cavalli-Sforza.

In den letzten Jahren hat sich eine geisteswissenschaftliche Disziplin etabliert, die sich "Rassismusforschung" nennt und sich den Kampf gegen den "Neorassismus" auf die Fahnen geheftet hat. Demnach bediene sich der Rassismus heutzutage einer neuen Sprache: Statt "Rasse" sage der Rassist "Kultur", so die Rassismusforscher, statt "minderwertig" sage er "anders". Der Philosoph Hakan Gürses etwa definiert den "Neorassismus" als Denkweise, die "den obsolet gewordenen Begriff Rasse durch Kultur ersetzt und die axiomatische Hierarchisierung der Kulturen gegen eine Verabsolutierung der Differenzen austauscht." Daher ist auch die Rede von "differenziellem Rassismus" oder "kulturellem Rassismus".

"Kultureller Rassismus": eine bizarre Kombination wie "protestantischer Katholizismus" oder "christdemokratische Sozialdemokratie". Generationen von Denkern sinnierten über das Verhältnis der gegensätzlichen Prinzipien Natur und Kultur: Ist der Mensch, wie er ist, aufgrund seines biologischen Erbes (Natur) oder aufgrund seiner Erziehung (Kultur)? Im Begriff "kultureller Rassismus" wird nun zusammengeworfen, was nicht zusammenwachsen kann: Denn entweder ist die Kultur das Unterscheidungskriterium oder die Natur - beide sind jedenfalls völlig verschiedene Kategorien. Ganz abgesehen davon, dass es einen gehörigen Unterschied macht, ob man auf Unterschiede zwischen Menschengruppen hinweist oder ein Ranking zwischen "besseren" und "schlechteren" vornimmt.

"Kultureller Rassismus", wobei "kulturell" dann gerne weggelassen wird, dient als Totschlagargument auf dem Feld der Immigrationspolitik. Vor kurzem hat der Erzbischof von Bologna, Giacomo Biffi, die italienische Regierung aufgefordert, zwecks bewahrung der "nationalen Identität" katholische Einwanderer bevorzugt ins Land zu lassen. Prompt wurde der Kardinal als "Rassist" beschimpft. Egal, ob man diese Forderung gutheißt oder nicht: rassistisch ist sie nicht. "Katholisch" ist kein Rassemerkmal; gegen gläubige Schwarze oder Asiaten hätte Biffi sicherlich nicht das mindeste einzuwenden.

Es mag sein, dass sich ein überzeugter Rassist andere, salonfähige Argumentationen sucht, deren Ergebnis Gemeinsamkeiten mit seiner heimlichen Neigung hat. Mit der Keule "kultureller Rassismus" wird jedoch auch alle jenen der Mund gestopft, die vernünftige und notwendige Fragen stellen: Können grundverschiedene Kulturen, sei es in den Städten Westeuropas oder in den Schluchten des Balkan, friedlich koexistieren? Nach den Antworten auf diese Fragen hat sich Einwanderungspolitik oder Friedenspolitik zu richten, nicht nach einem idealisierten Bild vom Menschen und seiner Gesellschaft.

Letzlich verharmlost das unzutreffende "Rassismus"-Gezeter den echten, noch immer weit verbreiteten Rassismus: Jemand, der meint "Neger" seien "Untermenschen" wird auf die gleiche Stufe gestellt wie einer, der davor warnt, dass die Wertvorstellungen von in islamischen Ländern sozialisierten Menschen nicht mit jenen westeuropäischer Demokratien vereinbar seien.

Schimpfwörter, sofern sie nicht Körperteile oder Tiere zum Inhalt haben, nutzen sich schnell ab. Wenn einmal das Wort "Rassist" seinen Schrecken verloren hat, dann können die echten Rassisten aus ihren Löchern kriechen, ohne durch bloße Worte im öffentlichen Diskurs gebannt werden zu können.

Zum Dossier Obwohl Rassismus wissenschaftlich widerlegt ist, geistert das menschenverachtende Trugbild, es gebe verschiedene und verschieden wertige menschliche "Rassen", weiterhin durch viele Köpfe. Ist Rassismus ein rein gesellschaftliches Phänomen oder liegen seine Wurzeln in der menschlichen Natur selbst? Die so genannte Rassismusforschung jedenfalls leistet einen zweifelhaften Beitrag zur Analyse des Phänomens.

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