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Sinneseindrücke und Sinngebung

"Die wörtliche Übersetzung einer 'Eindruckskunst' trifft nicht den Kern der Sache, denn eine von Eindrücken gespeiste Musik gibt es, solange es Musik gibt."

Egon Friedell gilt bis heute als der unerreichte Meister einer gleichsam enzyklopädischen Essayistik, mit diagnostischem Röntgenblick begabt und ebenso fähig zu messerscharfer Analyse wie zu glasklarer Interpretation. In seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" sieht der Autor in der Synästhesie - also in der Überschneidung, Wechselbeziehung, Verschränkung und schließlich Verschmelzung der sinnlichen Wahrnehmungen -ein triftiges Kennzeichen des Impressionismus und seiner Verästelung in die Stilrichtungen von Décadence und Symbolismus -"des Hörens von Farben, Sehens von Tönen, Schmeckens von Gerüchen; denn immer schon hatte man von Farbentönen, Klangfarben und dergleichen gesprochen, durcheinander, gegeneinander. Es handelte sich hier um ein einfaches Ergebnis des Impressionismus, ein Zurückgehen auf die wirkliche Impression."

Sprechende Leerstellen

In der 'Hoch-Zeit' der Epoche haben Dichter wie Otto Julius Bierbaum oder John Henry Mackay idealtypische Vorlagen für das Liedschaffen der Komponisten vom Schlage eines Richard Strauss geliefert: Die Gedichte erzeugen Stimmungen, lassen manches unausgesprochen oder deuten es bloß an, sparen nicht an semantischen Leerstellen. Nicht selten verliert sich der Wortlaut am Ende in frohe Erwartungen, vage Hoffnungen oder "freundliche Visionen". In ein semiotisches Gefilde mit wegweisenden Satzzeichen entführt den Leser (und später den Hörer des vertonten Texts) die lyrische Prosa des Gedichts "Morgen! " Ihr Schöpfer J. H. Mackay deutet schon mit dem 'weichen Einstieg' "Und morgen wird die Sonne wieder scheinen" ein Kontinuum an, eine bewahrte und bewährte Beziehung, welche zwei Liebende auf vertrauten Wegen ihr andauerndes Glück genießen, ja feiern lässt. Die finale Botschaft liegt vor allem in den drei Punkten am Satzende, indem diese auf eine ungetrübte Dauer des Liebesverhältnisses in dieser Oase der Stille hinweisen: "und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen " .

Satzzeichen werden immer wieder zu Bedeutungsträgern, bestätigen Sachverhalte oder stellen sie in Frage, bezeichnen seelische Umstände oder verdeutlichen emotionale Vorgänge auf knappstem Raum. In O. J. Bierbaums Gedicht "Traum durch die Dämmerung" evoziert das lyrische Subjekt eine entspannte Atmosphäre des sinkenden Tages ("die Sonne verglomm, die Sterne zieh'n"), in welcher der "Duft von Jasmin" den gelassenen, nicht ausgelassenen 'Sänger' ("ich gehe nicht schnell, ich eile nicht") auf sicherem Pfad "durch Dämmergrau in der Liebe Land" führt - und "zu der schönsten Frau", wie der Text nachdrücklich versichert. Das Gedicht endet mit den Worten "in ein stilles blaues Licht" und beschwört damit eine Farbe, die ebenso an die notorische blaue Blume der Romantik wie an den viel gerühmten "blauen Reiter" denken lässt. Traum und Wirklichkeit, zumeist unvereinbare Gegensätze, verschmelzen hier zu einer idealen Seinsweise: die geträumte Wirklichkeit gerät zur 'traumhaften' Realität.

"Pelléas und Mélisande" des belgischen Dichters Maurice Maeterlinck gilt als Inbegriff und Prototyp eines impressionistischen und symbolistischen Bühnenwerks schlechthin. Fast alle Momente der Handlung und das Verhalten der Personen haben Verweischarakter, finden ihren Ort in den korrespondierenden Seelenlandschaften. Über das ganze Geschehen spannt sich gleichsam ein Schleier der Vergeblichkeit, des Scheiterns, der wechselseitigen Missverständnisse. Nur selten erreichen einander die Partner in ungetrübter Emotionalität. Und wenn es den beiden verboten Liebenden, der zarten, verletzlichen Mélisande und dem zärtlichen, empfindsamen und empathischen Pelléas, endlich im Mantel der Nacht gelingt, einander ihre Gefühle unverblümt zu gestehen, beendet Golaud, der ältere Halbbruder von Pelléas und Ehemann Mélisandes, das erotische Einvernehmen: Er tötet Pelléas und verletzt Mélisande, die vor ihrem Tod noch ein Kind zur Welt bringt.

Rainer Maria Rilke hat die Liebesbeziehung in einem Gedicht unvergleichlich sprachliche Gestalt gewinnen lassen: "Lehnen im Abendgarten beide, / lauschen lange, nach irgendwo. /'Du hast Hände wie weiße Seide '/ Und da staunt sie:'Du sagst das so ' // Etwas ist in den Garten getreten, / und das Gitter hat nicht geknarrt, / und die Rosen in ihren Beeten /zittern vor seiner Gegenwart." Dass das Seelendrama Maeterlincks erst in der Vertonung durch Claude Debussy seine endgültige ästhetische Gestalt gewonnen hat, ist eine kühne Behauptung, der gleichwohl nur schwer zu widersprechen ist.

Mit Klängen malen?

Claude Debussy, der als zentraler Komponist des Impressionismus gilt, reagierte verärgert auf diese Zuordnung. Er wollte seine Musik lieber als "Klang-und Farbkunst" verstanden wissen. Doch wie kam es dazu, dass ein Fachbegriff aus der Malerei auf die Musik angewandt wurde, insbesondere auf die französische der Zeit um 1900? Der musikalische Impressionismus war in der Hauptsache eine französische Affäre mit relativ geringen Auswirkungen im deutschen Sprachraum, ein wenig mehr im angelsächsischen und in Italien. Es waren nicht so sehr die atmosphärischen Klangbilder, sondern eher die harmonischen Kühnheiten Debussys und seiner komponierenden Landsleute, welche die internationale musikalische Moderne maßgeblich beeinflussten.

Die wörtliche Übersetzung einer "Eindruckskunst" trifft nicht den Kern der Sache, denn eine von Eindrücken gespeiste Musik gibt es, solange es Musik gibt. Wesentlicher ist die Beziehung zur Natur, zum Tages-und Nachtlicht, zu den Geräuschen von Wind und Wasser, von Tierstimmen und Witterung. Wenn Heinrich Ignaz Franz Biber in seiner "Sonata representativa" für Violine und Continuo um 1680 Tiere porträtiert und eine hemmungslos atonal miauende Katze auftreten lässt, dann findet sich bereits hier eine Ahnung der Moderne. Auch die drastisch gezeichneten Sommerstürme und die hörbar klirrende Eiseskälte in Antonio Vivaldis Jahreszeiten-Zyklus (um 1723) darf als eine Art Frühimpressionismus bezeichnet werden. Erst recht Ludwig van Beethovens Sechste Symphonie, die "Pastorale". Zumal es in all diesen Stücken nicht um bloße Illustration der Natur, sondern "um Ausdruck der Empfindung" mehr als um "Malerei" geht, wie Beethoven schrieb. Zum Impressionismus, der in dieser Beziehung in der Tradition der Romantik und der Spiegelung der Natur im Gefühl des Menschen steht, führt das 19. Jahrhundert durchaus folgerichtig hin. Robert Schumanns kleine Charakterstücke für Klavier, Edvard Griegs mitunter als Salonmusik schwer unterschätzte Stimmungsbilder für das Tasteninstrument oder auch für Orchester, etwa in der Musik zu Ibsens "Peer Gynt", und ganz besonders Modest Mussorgskys später folgerichtig von Maurice Ravel instrumentierte "Bilder einer Ausstellung" bilden wichtige Wegmarken. Doch auch in der geheimnisvoll flimmernden Musik der Szenen am nächtlichen Nil in Giuseppe Verdis "Aida" lassen sich bereits um 1870 deutliche Vorahnungen der "Klang-und Farbkunst" finden, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen. Ja sogar im Werk von Richard Wagner, dem die französischen Musiker großteils in einer Art Hassliebe verbunden waren, verblüfft das "Siegfried-Idyll" mit luziden Farbmischungen.

Vorläufer Debussys

Als ein Vorläufer Debussys gilt Gabriel Fauré (1845-1924), er war ein Meister des innovativen Umgangs mit klassischen Formen. Ernest Chausson (1855-1899) verband die Harmonik Wagners und César Francks mit neuen Klangfarben. Paul Dukas (1865-1935) war ein Freund und Gesinnungsgenosse Debussys, in seiner eigenen Musik eher mit Ravel vergleichbar. Viele dem Impressionismus zugeordnete Kollegen Debussys wie der geniale Außenseiter Albéric Magnard (1865-1914) sind leider im Konzertleben allzu stark in seinen und Ravels Schatten geraten.

Die impressionistische Kunst der Maler und Musiker ist ähnlichem Streben nach Neuem, nach der Überwindung der als versteinert empfundenen Tradition und der Schaffung eines Gegenbildes zur Hochromantik und im speziellen Fall der Musik zur emphatischen Kunst Richard Wagners zu verdanken -und wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Moderne.

Am 25. märz vor 100 JAhren stArb ClAude debussy. AnlAss für eine dreiteilige serie über den impressionismus. Teil 2.

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