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Feuilleton

Sinnstiftung auf Zelluloid: Der Western

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Wie Hollywood den Traum von der Landnahme in laufende Bilder setzte und wie der Western langsam seine ethischen Bastionen aufgab.

Western werden oft missverstanden als Abenteuergeschichten mit Cowboys, die mit dem Colt am Gürtel durch einsame Landschaften reiten, bei Prügeleien in Saloons ihren Mann stehen müssen und sich schließlich auf der Hauptstraße eines kleinen Städtchens mit Bösewichtern duellieren. Doch sie sind weit mehr als das. Mit seinen archetypischen Figuren und ganz bestimmten Mustern folgenden Geschichten stellt der Western die Mythologie der USA dar. Was für Europa die antike Sagenwelt, ist für Amerika jene Unzahl von Filmproduktionen, die das Publikum in die Zeit des sogenannten Wilden Westens führen. Bezeichnenderweise wurden diese Mythen nicht auf Papier-, sondern auf Filmrollen geschaffen und tradiert.

Die meisten Western spielen in den Jahren 1860 bis 1890 - jener Zeit, die vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zur endgültigen Erschließung der bis dahin nur von Ureinwohnern besiedelten Gebiete der USA reicht. Am Anfang steht der Mythos der "Frontier“, der äußersten Grenze der Zivilisation, hinter der ein Mann auf sich selbst gestellt ist. Das verspricht Freiheit, aber auch Gefahr, denn das Land jenseits der "Frontier“ gilt es von den dort beheimateten Indianern zu erobern und zu besiedeln. Nach der Aneignung dieser Regionen werden Städte aufgebaut und organisiert, Recht und Gesetz eingeführt, die rauen Sitten der Pionierzeit geglättet. Die neu entstandenen Gemeinwesen müssen gegen Angriffe der an den Rand gedrängten Ureinwohner verteidigt werden, aber auch gegen Gesetzlose und lokale Machthaber, die sich über das Gesetz stellen. Den Planwägen folgt die Eisenbahn und schafft immer mehr Menschen in die rasant wachsenden Städte. Die Individualisten und Helden, die diese Entwicklung erst möglich gemacht haben, setzen sich zur Ruhe und gliedern sich in die befriedete Gesellschaft ein. Das bedeutet das Ende des Wilden Westens. Von wenigen Ausnahmen abgesehen spielt jeder Western an einem Punkt oder in einer Phase dieser historischen Entwicklung.

Wortkarge Helden

Die zentrale mythische Figur ist der wortkarge Westernheld, der übrigens nur selten als strahlender Sieger daherkommt. In keinem klassischen Western wurde diese Figur präziser auf den Punkt gebracht als in "Der Schwarze Falke“ (1956, Regie: John Ford). John Wayne verkörpert darin den Südstaaten-Veteranen Ethan Edwards, der seine entführte Nichte aus den Händen von Indianern befreien möchte. Nach jahrelanger Suche unterscheidet sich der reaktionäre Rassist in punkto Grausamkeit nicht mehr von seinen Widersachern, plant sogar die Ermordung des Mädchens, überzeugt, sie sei zur Indianerin und damit Feindin geworden. Wider Erwarten lässt er sie am Leben und bringt sie zu ihrer Familie zurück, doch für ihn selbst gibt es keinen Platz in der neuen, friedlichen Gesellschaft. Am Ende schreitet er wortlos aus der Tür hinaus in die endlose Prärie.

Bald wurden im Western auch ethische, soziale und philosophische Fragen abgehandelt. Man denke nur an das Meisterwerk "Zwölf Uhr Mittags“ (1952) unter der Regie des Altösterreichers Fred Zinnemann, das sich um Zivilcourage, Integrität und Gemeinwohl (beziehungsweise Opportunismus und Eigennutz) dreht. Der Film war eine Antwort auf die antikommunistische Hexenjagd, die zu jener Zeit in den USA veranstaltet wurde: Angebliche und tatsächliche Kommunisten wurden - gerade in Hollywood - verfemt und mit Berufsverbot belegt, doch niemand wagte es, gegen die menschenrechtswidrigen Vorgänge seine Stimme zu erheben. Auch in "Zwölf Uhr Mittags“ wird der von Gary Cooper gespielte Marshal Will Kane von den braven Bürgern, die er jahrelang beschützt hat, schändlich im Stich gelassen. Nachdem er eine gefährliche Gangsterbande praktisch im Alleingang eliminiert hat, wirft er den Verrätern den Marshalstern verächtlich vor die Füße und verlässt die Stadt.

Zu einer späten Blüte gelangte der Western in den 1960er-Jahren in Europa (siehe unten). In seinem Heimatland hingegen verlor der Western ab 1960 rapide an Bedeutung. Immer weniger Filme wurden gedreht und die gerieten immer pessimistischer und düsterer. Bürgerrechtsbewegung und Vietnamkrieg führten dazu, dass sich die für den Western essenziellen traditionellen Sichtweisen von Gut und Böse, von Zivilisation und Wildnis verschoben. In "Ein Fremder ohne Namen“ (1972, Regie: Clint Eastwood) sind die korrupten Städter nicht weniger böse als die Verbrecherbande, vor der die von Eastwood selbst verkörperte Titelfigur die vermeintlich braven Bürger beschützen soll. "The Wild Bunch -Sie kannten kein Gesetz“ (1969, Regie: Sam Peckinpah) mit seinen für die damalige Zeit extremen Gewaltszenen gilt als der Spätwestern schlechthin: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sieht sich eine Bande gealterter Gangster nicht mehr Gewehren und Revolvern gegenüber, sondern Maschinengewehren und Handgranaten.

Wiedergutmachung an Idigene

Der Western ist ein grundsätzlich abgeschlossenes Kapitel der Filmgeschichte, auch wenn hin und wieder neue Streifen dazukommen. Einen großen Erfolg an den Kinokassen und bei der Kritik feierte Kevin Costner 1990 mit seinem Film "Der mit dem Wolf tanzt“. Zwar gab es auch klassische Western, in denen die Indianer nicht als grausame Feinde, sondern als Menschen gezeichnet waren - zum Beispiel "Die weiße Feder“ (1955, Regie: Robert D. Webb) - doch wurde erst dieser Film als endgültige cineastische Wiedergutmachung an den amerikanischen Ureinwohnern wahrgenommen. Manche jüngere Filme, die bisweilen als Western schubladisiert werden, haben mit dem Genre in Wahrheit nichts zu tun. Auch nicht die "Winnetou“-Filme der 1960er-Jahre, die keine amerikanischen Mythen, sondern romantische deutsche Vorstellungen wie jene des "edlen Wilden“ transportieren.

Es bestand sogar einmal die Chance auf einen österreichischen Western. Doch das vom Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer 1974 verfasste Drehbuch "Häuptling der Alpen“ wurde leider nie realisiert. In dem Drehbuch wird eine typische Italo-Western-Geschichte in ein österreichisches Dorf versetzt. Nachdem ein verträumter Bauernsohn von der Dorfgesellschaft ausgestoßen wird und in Italien als Statist für Western-Filme arbeitet, kehrt er in seinen Heimatort zurück und rächt sich auf Indianerart für das ihm angetane Unrecht.

Wie Hollywood den Traum von der Landnahme in laufende Bilder setzte und wie der Western langsam seine ethischen Bastionen aufgab.

Western werden oft missverstanden als Abenteuergeschichten mit Cowboys, die mit dem Colt am Gürtel durch einsame Landschaften reiten, bei Prügeleien in Saloons ihren Mann stehen müssen und sich schließlich auf der Hauptstraße eines kleinen Städtchens mit Bösewichtern duellieren. Doch sie sind weit mehr als das. Mit seinen archetypischen Figuren und ganz bestimmten Mustern folgenden Geschichten stellt der Western die Mythologie der USA dar. Was für Europa die antike Sagenwelt, ist für Amerika jene Unzahl von Filmproduktionen, die das Publikum in die Zeit des sogenannten Wilden Westens führen. Bezeichnenderweise wurden diese Mythen nicht auf Papier-, sondern auf Filmrollen geschaffen und tradiert.

Die meisten Western spielen in den Jahren 1860 bis 1890 - jener Zeit, die vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zur endgültigen Erschließung der bis dahin nur von Ureinwohnern besiedelten Gebiete der USA reicht. Am Anfang steht der Mythos der "Frontier“, der äußersten Grenze der Zivilisation, hinter der ein Mann auf sich selbst gestellt ist. Das verspricht Freiheit, aber auch Gefahr, denn das Land jenseits der "Frontier“ gilt es von den dort beheimateten Indianern zu erobern und zu besiedeln. Nach der Aneignung dieser Regionen werden Städte aufgebaut und organisiert, Recht und Gesetz eingeführt, die rauen Sitten der Pionierzeit geglättet. Die neu entstandenen Gemeinwesen müssen gegen Angriffe der an den Rand gedrängten Ureinwohner verteidigt werden, aber auch gegen Gesetzlose und lokale Machthaber, die sich über das Gesetz stellen. Den Planwägen folgt die Eisenbahn und schafft immer mehr Menschen in die rasant wachsenden Städte. Die Individualisten und Helden, die diese Entwicklung erst möglich gemacht haben, setzen sich zur Ruhe und gliedern sich in die befriedete Gesellschaft ein. Das bedeutet das Ende des Wilden Westens. Von wenigen Ausnahmen abgesehen spielt jeder Western an einem Punkt oder in einer Phase dieser historischen Entwicklung.

Wortkarge Helden

Die zentrale mythische Figur ist der wortkarge Westernheld, der übrigens nur selten als strahlender Sieger daherkommt. In keinem klassischen Western wurde diese Figur präziser auf den Punkt gebracht als in "Der Schwarze Falke“ (1956, Regie: John Ford). John Wayne verkörpert darin den Südstaaten-Veteranen Ethan Edwards, der seine entführte Nichte aus den Händen von Indianern befreien möchte. Nach jahrelanger Suche unterscheidet sich der reaktionäre Rassist in punkto Grausamkeit nicht mehr von seinen Widersachern, plant sogar die Ermordung des Mädchens, überzeugt, sie sei zur Indianerin und damit Feindin geworden. Wider Erwarten lässt er sie am Leben und bringt sie zu ihrer Familie zurück, doch für ihn selbst gibt es keinen Platz in der neuen, friedlichen Gesellschaft. Am Ende schreitet er wortlos aus der Tür hinaus in die endlose Prärie.

Bald wurden im Western auch ethische, soziale und philosophische Fragen abgehandelt. Man denke nur an das Meisterwerk "Zwölf Uhr Mittags“ (1952) unter der Regie des Altösterreichers Fred Zinnemann, das sich um Zivilcourage, Integrität und Gemeinwohl (beziehungsweise Opportunismus und Eigennutz) dreht. Der Film war eine Antwort auf die antikommunistische Hexenjagd, die zu jener Zeit in den USA veranstaltet wurde: Angebliche und tatsächliche Kommunisten wurden - gerade in Hollywood - verfemt und mit Berufsverbot belegt, doch niemand wagte es, gegen die menschenrechtswidrigen Vorgänge seine Stimme zu erheben. Auch in "Zwölf Uhr Mittags“ wird der von Gary Cooper gespielte Marshal Will Kane von den braven Bürgern, die er jahrelang beschützt hat, schändlich im Stich gelassen. Nachdem er eine gefährliche Gangsterbande praktisch im Alleingang eliminiert hat, wirft er den Verrätern den Marshalstern verächtlich vor die Füße und verlässt die Stadt.

Zu einer späten Blüte gelangte der Western in den 1960er-Jahren in Europa (siehe unten). In seinem Heimatland hingegen verlor der Western ab 1960 rapide an Bedeutung. Immer weniger Filme wurden gedreht und die gerieten immer pessimistischer und düsterer. Bürgerrechtsbewegung und Vietnamkrieg führten dazu, dass sich die für den Western essenziellen traditionellen Sichtweisen von Gut und Böse, von Zivilisation und Wildnis verschoben. In "Ein Fremder ohne Namen“ (1972, Regie: Clint Eastwood) sind die korrupten Städter nicht weniger böse als die Verbrecherbande, vor der die von Eastwood selbst verkörperte Titelfigur die vermeintlich braven Bürger beschützen soll. "The Wild Bunch -Sie kannten kein Gesetz“ (1969, Regie: Sam Peckinpah) mit seinen für die damalige Zeit extremen Gewaltszenen gilt als der Spätwestern schlechthin: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sieht sich eine Bande gealterter Gangster nicht mehr Gewehren und Revolvern gegenüber, sondern Maschinengewehren und Handgranaten.

Wiedergutmachung an Idigene

Der Western ist ein grundsätzlich abgeschlossenes Kapitel der Filmgeschichte, auch wenn hin und wieder neue Streifen dazukommen. Einen großen Erfolg an den Kinokassen und bei der Kritik feierte Kevin Costner 1990 mit seinem Film "Der mit dem Wolf tanzt“. Zwar gab es auch klassische Western, in denen die Indianer nicht als grausame Feinde, sondern als Menschen gezeichnet waren - zum Beispiel "Die weiße Feder“ (1955, Regie: Robert D. Webb) - doch wurde erst dieser Film als endgültige cineastische Wiedergutmachung an den amerikanischen Ureinwohnern wahrgenommen. Manche jüngere Filme, die bisweilen als Western schubladisiert werden, haben mit dem Genre in Wahrheit nichts zu tun. Auch nicht die "Winnetou“-Filme der 1960er-Jahre, die keine amerikanischen Mythen, sondern romantische deutsche Vorstellungen wie jene des "edlen Wilden“ transportieren.

Es bestand sogar einmal die Chance auf einen österreichischen Western. Doch das vom Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer 1974 verfasste Drehbuch "Häuptling der Alpen“ wurde leider nie realisiert. In dem Drehbuch wird eine typische Italo-Western-Geschichte in ein österreichisches Dorf versetzt. Nachdem ein verträumter Bauernsohn von der Dorfgesellschaft ausgestoßen wird und in Italien als Statist für Western-Filme arbeitet, kehrt er in seinen Heimatort zurück und rächt sich auf Indianerart für das ihm angetane Unrecht.