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Slowakische Turbulenzen: Warten auf Bezákleaks

Auch ein halbes Jahr nach der Absetzung des Erzbischofs von Trnava, Róbert Bezák, kommt die katholische Kirche zwischen Donau und Tatra nicht zur Ruhe.

Der letzte Knalleffekt liegt erst wenige Tage zurück: Am 17. Jänner kam in Új szó, der Tageszeitung der Ungarn in der Slowakei, eine Frau zu Wort, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Seit Wochen nämlich beschäftigen die Öffentlichkeit des Landes Dividenden aus einer Stiftung in der Höhe von 1,5 Millionen Dollar, die Ján Sokol, der Vorgänger von Róbert Bezák als Erzbischof von Trnava, alljährlich erhalten haben soll. Es handle sich um Geldbeträge seiner kinderlos verstorbenen Freunde Edward und Martha Garba, so Sokol, der seit vier Jahren mit Róbert Bezák im Clinch liegt, weil Letzterer die Finanzgebarung des Vorgängers unter die Lupe genommen hat.

Wie ein Dan-Brown-Thriller

Jetzt aber ist Darina Kreitschnitz aufgetaucht, die in Kalifornien lebende Tochter von Sokols angeblich kinderlosen Freunden, und nahm sich kein Blatt vor den Mund. Sie habe "den starken Verdacht“, dass hier Geldwäsche betrieben worden sei. Im letzten Willen der 2001 verstorbenen Eltern sei präzis festgehalten, dass die Geldbeträge ausschließlich für wohltätige Zwecke bestimmt seien. Auch habe sie zu Hause und im exilslowakischen Freundeskreis der Eltern nie den Namen Sokol gehört und es sei merkwürdig, dass die Überweisungen in den Rechnungsbüchern der Tyrnauer Erzdiözese nicht aufscheinen.

Die Geschichte ist natürlich viel komplizierter, und schenkt man der Pressburger Pravda Glauben, so ist Dan Brown auf der Suche nach einem Knüllerthema wie bei seinem "Da Vinci Code“ mit der Causa Bezák/Sokol fündig geworden. Das Aufscheinen ebenfalls umstrittener Akteure wie etwa des früheren Erzbischofs von New York, Kardinal Edward Egan, und des jetzigen Kardinal-Staatssekretärs Tarcisio Bertone machen das Sujet noch reizvoller. Und dass einer der Gründe der Absetzung Róbert Bezáks die in der römischen Kurie umlaufende Fama von seiner Besessenheit durch den Teufel gewesen sei, wie dies der frühere slowakische Parlamentspräsident Frantiˇsek Mikloˇsko im Dezember vollen Ernstes behauptet hat, schreit geradezu nach Verfilmung. Der von Erzbischof Bezák nur mündlich im Amt bestätigte Tyrnauer Exorzist Leopold Jablonsk´y gehört übrigens zu seinen Verteidigern.

Warum Róbert Bezák im Alter von 52 Jahren und nach nur drei Amtsjahren den erzbischöflichen Stuhl von Trnava wieder räumen musste, ist nach wie vor ungeklärt. Im November schien schon Licht ins Dunkel zu fallen, als die Bischofskonferenz groß einen Brief des Papstes zum Thema ankündigte, in dem dieser aber bloß versicherte, er habe seine Entscheidung aufgrund der zu Jahresbeginn 2012 durchgeführten Visitation persönlich und nach reiflicher Überlegung getroffen und mit der Entfernung Bezáks "die Kollegialität unter den Bischöfen wiederherstellen“ wollen.

Unkollegiale Bischöfe

Dass es um diese Kollegialität nicht eben gut bestellt war, ist ein offenes Geheimnis. Einer der Streitpunkte war, wann der Vorsitzende der Bischofskonferenz von der dann am 2. Juli erfolgten Absetzung erfahren habe. Anschaulich schildert Róbert Bezák, dass er Erzbischof Zvolensk´y schon im Mai von seinen düsteren Ahnungen erzählt habe, auf seinen einstündigen Monolog jedoch nur zur Antwort bekommen habe, die Würfel seien schon gefallen. Und nach seiner Abberufung habe sich abgesehen von Gebetsversicherungen keiner seiner bisherigen "Freunde“ um ihn mehr gekümmert.

Diesen Bruch der Freundschaft nehmen den Bischöfen auch erzkonservative Katholiken und frühere Dissidenten wie besagter Frantiˇsek Mikloˇsko und sein Bruder Josef, ehemals slowakischer Botschafter in Italien, übel. Sie sehen in Róbert Bezák keinen Revolutionär, sondern im Gegenteil den Garanten einer friktionsfreien Entwicklung der Kirche. Josef Mikloˇsko etwa verwahrt sich gegen die Vereinnahmung des Abgesetzten durch altbekannte Kirchenfeinde und prä- sentiert als Vorbild für eine dialogfähige Kirche Papst Benedikt XVI.

Frantiˇsek Mikloˇsko wiederum kann nicht verstehen, warum Erzbischof Zvolensk´y seinem Ex-Kollegen verbietet, einen Gottesdienst mit den begeisterten jungen Leuten vom "Forum ˇzivota“ zu feiern, der slowakischen Pro-Life-Bewegung, mit denen sich Róbert Bezák immer wieder im Marienwallfahrtsort Rajecká Lesná getroffen habe.

Aber natürlich hat die Causa auch etwas mit den westlich der March bekannten Konflikten zu tun. Der Gehorsam ist auch in der Slowakei zum Gesprächsthema geworden und Márian Prachár, Pfarrer im Pressburger Vorort Rusovce, ist überzeugt, dass 90 Prozent der Geistlichen mit Róbert Bezáks Ansichten sympathisieren.

Der 83-jährige Salesianer Anton Srholec, Kardinal-König-Preisträger des Jahres 1999 und Vorsitzender des Verbandes der politisch Verfolgten, freut sich, "dass endlich jemand aufgetreten ist“. Er schäme sich, "20 Jahre sich auf diesem Eis bewegt und wie ein Dummkopf geschwiegen“ zu haben. Róbert Bezák habe die Diskussion eröffnet und die ganze Slowakei spreche über die katholische Kirche. Das habe es in diesem Land, in dem man immer nur mit dem Kopf nach Rom genickt habe, noch nie gegeben.

Mit der Amtskirche endgültig verscherzt

Wie es weitergeht, ist schwer zu sagen. Róbert Bezák hat es sich mit der Amtskirche durch den Bruch des Schweigegebots durch große Medienauftritte im Dezember endgültig verscherzt, bloß "gehängt oder verbrannt“, wie seine Mutter scherzt, wird er nicht. Die sozialdemokratische Regierung des gnadenlosen Taktikers Robert Fico sieht genüsslich zu, wie die katholische Kirche an Ansehen verliert; mit dem jahrelang vorbereiteten Papstbesuch zum heurigen Kyrill- und-Method-Jubiläum rechnen auch die Bischöfe nicht mehr. Und warum Róbert Bezák abgesetzt wurde, wird von offizieller Seite wohl nie zu erfahren sein. Meint jedenfalls Josef Mikloˇsko, der jedoch schmunzelnd hinzufügt: "Aber angesichts von Wikileaks wird es früher oder später in den Zeitungstiteln aufscheinen.“

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