Digital In Arbeit

So schwarz war Othello selten

Jan Bosse inszeniert William Shakespeares „Othello“ im Wiener Akademietheater als Krieg zwischen den Geschlechtern in einer militarisierten, mitleidlosen und liebesverlassenen Gesellschaft.

Es beginnt ganz in Schwarz. Zehn Minuten herrscht völlige Dunkelheit im Akademietheater in Wien am Beginn der dreieinhalbstündigen Aufführung. Zu hören ist nur Jagos Stimme, wie er von der Vermählung seines Feldherrn Othello mit Desdemona berichtet. Und es wird noch oft Jago sein, der wie ein Spielleiter von der ersten Reihe im Parkett aus das Geschehen auf der Bühne lenkt, seine Intrigen einfädelt, indem er das Gift des Verrats, der Eifersucht in Othellos Weltbild – mit den moralischen Grundpfeilern des menschlichen Zusammenlebens, der Treue und der Liebe – träufelt.

Er, der nihilistische Genius des Bösen, ist das geheime, dunkle Zentrum dieses Stücks. Edgar Selge, der mit dem Jago sein Burgtheaterdebüt gibt, spielt ihn überzeugend als intellektuellen Schurken, dem der moralische Unterschied von Gut und Böse vollkommen gleichgültig ist, der in skandalöser Freiheit mit kalter Kasuistik die Schlechtigkeit der Welt beweisen will. Die Verstellung ist sein Genie. So wirkt er unterwürfig und hintertrieben, lächerlich und dämonisch, brutal, als er Emilia wegen des Taschentuchs, mit dem er Desdemonas Untreue beweisen will, die Nase blutig schlägt, und verletzlich, als er vom rasenden Othello geteert und gefedert wird.

Kein edler Wilder

Als es endlich hell wird, steht das Ensemble versammelt an der Rampe vor einer pechschwarzen Wellblechwand. Auch Othello ist da, aber man sieht ihn fast nicht. Als er zu sprechen beginnt, löst er sich gleichsam aus der Wand heraus. So schwarz war Othello selten. Aber Joachim Meyerhoff ist kein edler Wilder, sein Othello nicht einfach ein romantischer Idealist. Hier – so muss man vermuten – offenbart sich vage der interpretatorische Zugriff von Regisseur Jan Bosse. Othello ist bei ihm nicht einfach die Antithese zu Jago, der ist, was er scheint. Auch er ist zur Zweideutigkeit verzerrt. So scheut Meyerhoff sich nicht, Othello in Körpersprache und Stimme mit allen rassistischen Klischees auszustatten. Behangen mit Goldkette und Golduhr, stößt er sonore Gutturallaute von sich, schnalzt mit der Zunge, bleckt unablässig die weissen Zähne im pechschwarzen Gesicht. Seine Liebe zu Desdemona ist mehr Reflex ihrer Bewunderung für ihn, nie würde er sein „ungebundenes freies Leben in Begrenzung und Beschränkung zwängen“. Zwar deckt er liebevoll den Tisch, um etwas eheliche Normalität zu haben in der verwüsteten Kriegslandschaft auf Zypern, er ist sanft, als ihn Desdemona bittet den in Ungnade gefallenen Cassio wieder in Dienst und Ehren zu setzen, aber dennoch glaubt man ihm den Liebenden kaum.

Er ermordet Desdemona weniger um die moralische Ordnung zu retten, damit die Rechnungen sich ausgleichen und die Welt zur Ordnung zurückfindet. Denn die Welt, die uns Bosse zeigt, ist längst aus den Fugen.

Chaos drinnen und draußen

In einer spektakulären Szene öffnet Bosse die Saaltüren, von beiden Seiten wehen mächtige Windmaschinen herein, die Wellblechwand zerfällt und gibt den Blick frei auf eine verwüstete Landschaft (Bühne Stéphane Laimé). Die Trümmerlandschaft ist fortan Schauplatz für das Ehedrama Othellos, und Jan Bosse lässt kaum einen Zweifel daran, dass das auch eine innere Landschaft ist. Das Chaos draußen ist das Chaos in ihnen drinnen. Der Krieg tobt in den Menschen und zwischen den Geschlechtern. In einem kleinen Zwischenspiel lässt Bosse die Frauen des Stücks gemeinsam mit Yoko Onos und John Lennons Song das ökonomische Prinzip der Militärwelt der Männer besingen – „Woman is the Nigger of the World“ – und Emilia (Caroline Peters) bringt das Scheitern aller Liebe auf den Punkt, wenn sie über die Männer sagt: „Sie alle sind nur Magen, wir nur Kost. Sie schlingen uns hinab, und sind sie satt, speien sie uns aus.“

Bosse zeichnet das illusionslose Bild einer militarisierten, mitleidlosen, liebesverlassenen Gesellschaft, in der die Fragen nach Gut und Böse, nach dem Sinn der Welt letztendlich unbeantwortbar geworden sind. Es ist ein Stück über den immerwährenden Krieg in einer mit sich zerstrittenen Gesellschaft, in der Neid, Lüge, Egoismus, Betrug und Eifersucht das Urvertrauen zerstört haben. Letztendlich ist es Jagos Welt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau