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Feuilleton

So viel schlechter GESCHMACK

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ausstellung "Böse Dinge" zeigt Beispiele schlechten Geschmacks. Aber was ist guter Geschmack - und wer legt die Kriterien dafür fest?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ausstellung "Böse Dinge" zeigt Beispiele schlechten Geschmacks. Aber was ist guter Geschmack - und wer legt die Kriterien dafür fest?

Ein Salz-und Pfefferstreuer in Form einer liegenden nackten Frau, ein mit bunten Schmucksteinen und Perlen verziertes Handy, ein Eitrenner in Form einer Nase, aus deren Löchern das Eiklar austritt: Diese drei Gegenstände werden derzeit, neben vielen anderen, im Wiener Hofmobiliendepot als aktuelle Beispiele schlechten Geschmacks präsentiert. Dort nämlich hat es sich die Ausstellung "Böse Dinge" zum Ziel gesetzt, eine "Enzyklopädie des Ungeschmacks" zu erstellen. Es handelt sich um den ernst gemeinten Versuch, nach dem "Anything goes" der Postmoderne wieder so etwas wie einen ästhetischen Grundkonsens zu etablieren - zumindest auf indirekten Weg, über die Definition des schlechten Geschmacks. Das allein ist ja bereits ein hoher Anspruch. Doch die Ausstellung lässt sich auch als der noch viel weiterreichende Versuch verstehen, Geschmacksurteile überhaupt durch Moral zu ersetzen.

Der Streit um den guten und schlechten Geschmack ist wahrscheinlich so alt wie die Zivilisation. Genauso alt ist wohl auch das Diktum, dass man über Geschmack nicht streiten könne. Trotzdem hat es zu allen Zeiten Versuche gegeben, Kriterien für den guten Geschmack -pathetisch gesprochen: für das Schöne - festzulegen. Den umgekehrten Weg hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts der deutsche Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek beschritten: In seiner Funktion als Direktor des Stuttgarter Landesgewerbemuseums richtete er eine "Abteilung der Geschmacksverirrungen" ein, in der aus seiner Sicht abschreckende Beispiele kunsthandwerklicher Erzeugnisse und maschinell gefertigter Produkte ausgestellt waren.

Systematik des schlechten Geschmacks

Pazaurek entwickelte auch eine komplette Systematik des schlechten Geschmacks und einen entsprechenden Katalog von Fehlerkategorien. Zu den von ihm exakt definierten Formen der Geschmacksverirrung gehören unter anderem "Material-Vergewaltigung", "Ornamentwut" oder "Dekor-Brutalitäten". Die in Wien gezeigte, vom Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin entwickelte, Wanderausstellung nimmt Pazaureks Fehlerkatalog als Ausgangspunkt, versucht die einstige "Abteilung der Geschmacksverirrungen" zu rekonstruieren, unterwirft heutige Produkte der alten Systematik und stellt diese den historischen Objekten gegenüber.

Die Ausstellungsmacher distanzieren sich nur teilweise von Pazaureks Kriterienkatalog: dieser mute zwar manchmal "befremdlich" an, sei aber auch "sachlich und treffend". Und nicht nur das - sie fügen den historischen Kategorien des schlechten Geschmacks auch noch zeitgenössische hinzu. Dazu zählen die Förderung von Gewaltakzeptanz, unfaire Produktionsbedingungen, Kinderarbeit, sexistische oder rassistische Gestaltung. Wer guten Geschmack hat, so wird insinuiert, dürfe sich nicht guten Gewissens mit Gegenständen umgeben, die die genannten Makel aufweisen. Dazu muss grundsätzlich festgehalten werden: Guter Geschmack ist und war immer ein Instrument der sozialen Distinktion. Der gute Geschmack erlaubt es den einen, auf die anderen herabzublicken: Kunstsinnige auf Banausen, Gebildete auf Ungebildete, Reiche auf Arme. Von den Verfechtern des guten Geschmacks wird gerne übersehen, dass dieser oft schlicht und einfach eine Frage der Geldbörse ist. Eine Dienstmagd des Jahres 1900 kaufte sich einen wie aus Horn gefertigt aussehenden Kunststoffkamm nicht, weil sie schlechten Geschmack hatte, sondern weil sie sich den echten Hornkamm nicht leisten konnte. Die Sozialhilfebezieherin von heute kauft ihre Unterwäsche primär nicht deshalb beim Diskonter, weil es ihr an Geschmack mangelt, sondern weil die schicken Dessous in der Boutique um ein Vielfaches teurer sind.

Wenn das Ding zum Unding wird

Spätestens wenn man die propagierten Geschmackskategorien auf andere Objekte anlegt, als von den Geschmacksaposteln beabsichtigt, zeigt sich deren Absurdität. Benvenuto Cellinis "Saliera" ist zweifelsohne ein großes Kunstwerk. Im Sinne Gustav E. Pazaureks jedoch kann es sich bei einem Salzfass aus purem Gold, gekrönt von zwei nackten Götterfiguren, nur um "Materialprotzerei" und "Unzweckmäßigkeit" handeln. Gemessen an den aktuellen Kriterien ist die "Saliera" obendrein sexistisch. Die berühmt-berüchtigte Fettecke von Joseph Beuys wäre aus Pazaureks Sicht eine "Material-Pimpelei", aus Sicht seiner Nachfolger machte sich der Künstler der "Verschwendung von Ressourcen" schuldig.

Noch vor wenigen Jahren hätte man den Verkündern des guten Geschmacks das Phänomen des "guten schlechten Geschmacks" entgegenhalten können: Dieser besteht im bewussten Verstoß gegen den gängigen Kanon des guten Geschmacks, in der lustvollen und subversiven Aneignung von Kitsch, Klischees, Schund und Trash. Verwandt damit ist das nicht leicht zu erläuternde Konzept des Camp, bei dem es um die Huldigung des Gekünstelten und Übertriebenen geht. Camp florierte seit den 1950er-Jahren in der Subkultur der Homosexuellen, in den 1990er-Jahren hielt der gute schlechte Geschmack dann Einzug in die Mainstream-Kultur, gebrochen durch tatsächliche oder auch nur behauptete Ironie.

Doch auch diese ästhetische Sicht ist mittlerweile offenbar schon obsolet. Die von den Ausstellungsmachern formulierten aktuellen Kriterien zur Beurteilung von Produktgestaltung lassen eine Camp-Betrachtungsweise der von ihnen verdammten Objekte gar nicht mehr zu. Denn bei diesen Objekten handelt es sich um ihrem Wesen nach "böse Dinge", deren Verwerflichkeit nicht ästhetischer, sondern moralischer Natur ist: Egal wie ein Gegenstand designt ist - wenn bei seiner Herstellung die Umwelt zu Schaden gekommen ist oder wenn irgendjemand empört "Sexismus!" ruft, dann wird das Ding zum Unding. Da war sogar der alte Pazaurek im Vergleich milde, denn bei ihm waren nur bestimmte Gestaltungsformen schlecht und nicht die Menschen, die diese Gegenstände kaufen oder besitzen. Diese aktuellen Kriterien zur Beurteilung von Produktgestaltung sind in ihrer ungeheuren Anmaßung eine typische Erscheinung unserer narzisstischen "Bekenntniskultur"(Robert Pfaller), in der alles verteufelt wird, womit man sich nicht zu 100 Prozent identifizieren kann.

Verinnerlichtes Geschmacksempfinden

Bemerkenswert dabei ist, dass trotz der zunehmenden Verabsolutierung von Moral in der heutigen Gesellschaft noch immer der Begriff des Geschmacks bemüht wird. Viele Kritiker eines bekannten Schweizer Schokoladeherstellers, der gegen Mitbewerber mit unfeinen juristischen Methoden vorgeht, werfen diesem nicht nur den Missbrauch des Markenrechts vor, sondern beharren darauf, dass auch seine Produkte scheußlich schmecken. Viele Vegetarier begründen ihre Ablehnung des Fleischkonsums nicht nur mit ethischen Argumenten, sondern auch mit dem angeblich widerwärtigen Geschmack von Fleisch - die diversen Angebote an Tofu-Würstchen und anderen vegetarischen Produkten, die Fleisch imitieren (Pazaurek: "Material-Surrogate"), strafen diese Behauptung allerdings Lügen.

Offenbar verfügt das Konzept des Geschmacks noch immer über eine beträchtliche Wirkmacht. Ähnlich den emotionalen Empfindungen wie Gerechtigkeitssinn oder Empathie ist auch das Geschmacksempfinden etwas, das jeder Mensch verinnerlicht hat. Geschmack lässt sich zwar bilden und er lässt sich verfeinern, aber er lässt sich nicht auf Knopfdruck verändern. Jene, die die Moralisierung aller Lebensbereiche vorantreiben, müssen daher danach trachten, auch den Begriff des Geschmacks in ihrem Sinne zu vereinnahmen und soweit aushöhlen, dass sie ihn mit ihrer Ideologie befüllen können - was letztlich seiner Abschaffung gleichkommt. Genau das tut die scheinbar heitere Wanderausstellung "Böse Dinge".

Solchen Tendenzen muss man sich entziehen. Lieber schlechter Geschmack als gar keiner.

Böse Dinge

Die Ausstellung läuft im Hofmobiliendepot Wien bis 6. Juli.

Ein Salz-und Pfefferstreuer in Form einer liegenden nackten Frau, ein mit bunten Schmucksteinen und Perlen verziertes Handy, ein Eitrenner in Form einer Nase, aus deren Löchern das Eiklar austritt: Diese drei Gegenstände werden derzeit, neben vielen anderen, im Wiener Hofmobiliendepot als aktuelle Beispiele schlechten Geschmacks präsentiert. Dort nämlich hat es sich die Ausstellung "Böse Dinge" zum Ziel gesetzt, eine "Enzyklopädie des Ungeschmacks" zu erstellen. Es handelt sich um den ernst gemeinten Versuch, nach dem "Anything goes" der Postmoderne wieder so etwas wie einen ästhetischen Grundkonsens zu etablieren - zumindest auf indirekten Weg, über die Definition des schlechten Geschmacks. Das allein ist ja bereits ein hoher Anspruch. Doch die Ausstellung lässt sich auch als der noch viel weiterreichende Versuch verstehen, Geschmacksurteile überhaupt durch Moral zu ersetzen.

Der Streit um den guten und schlechten Geschmack ist wahrscheinlich so alt wie die Zivilisation. Genauso alt ist wohl auch das Diktum, dass man über Geschmack nicht streiten könne. Trotzdem hat es zu allen Zeiten Versuche gegeben, Kriterien für den guten Geschmack -pathetisch gesprochen: für das Schöne - festzulegen. Den umgekehrten Weg hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts der deutsche Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek beschritten: In seiner Funktion als Direktor des Stuttgarter Landesgewerbemuseums richtete er eine "Abteilung der Geschmacksverirrungen" ein, in der aus seiner Sicht abschreckende Beispiele kunsthandwerklicher Erzeugnisse und maschinell gefertigter Produkte ausgestellt waren.

Systematik des schlechten Geschmacks

Pazaurek entwickelte auch eine komplette Systematik des schlechten Geschmacks und einen entsprechenden Katalog von Fehlerkategorien. Zu den von ihm exakt definierten Formen der Geschmacksverirrung gehören unter anderem "Material-Vergewaltigung", "Ornamentwut" oder "Dekor-Brutalitäten". Die in Wien gezeigte, vom Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin entwickelte, Wanderausstellung nimmt Pazaureks Fehlerkatalog als Ausgangspunkt, versucht die einstige "Abteilung der Geschmacksverirrungen" zu rekonstruieren, unterwirft heutige Produkte der alten Systematik und stellt diese den historischen Objekten gegenüber.

Die Ausstellungsmacher distanzieren sich nur teilweise von Pazaureks Kriterienkatalog: dieser mute zwar manchmal "befremdlich" an, sei aber auch "sachlich und treffend". Und nicht nur das - sie fügen den historischen Kategorien des schlechten Geschmacks auch noch zeitgenössische hinzu. Dazu zählen die Förderung von Gewaltakzeptanz, unfaire Produktionsbedingungen, Kinderarbeit, sexistische oder rassistische Gestaltung. Wer guten Geschmack hat, so wird insinuiert, dürfe sich nicht guten Gewissens mit Gegenständen umgeben, die die genannten Makel aufweisen. Dazu muss grundsätzlich festgehalten werden: Guter Geschmack ist und war immer ein Instrument der sozialen Distinktion. Der gute Geschmack erlaubt es den einen, auf die anderen herabzublicken: Kunstsinnige auf Banausen, Gebildete auf Ungebildete, Reiche auf Arme. Von den Verfechtern des guten Geschmacks wird gerne übersehen, dass dieser oft schlicht und einfach eine Frage der Geldbörse ist. Eine Dienstmagd des Jahres 1900 kaufte sich einen wie aus Horn gefertigt aussehenden Kunststoffkamm nicht, weil sie schlechten Geschmack hatte, sondern weil sie sich den echten Hornkamm nicht leisten konnte. Die Sozialhilfebezieherin von heute kauft ihre Unterwäsche primär nicht deshalb beim Diskonter, weil es ihr an Geschmack mangelt, sondern weil die schicken Dessous in der Boutique um ein Vielfaches teurer sind.

Wenn das Ding zum Unding wird

Spätestens wenn man die propagierten Geschmackskategorien auf andere Objekte anlegt, als von den Geschmacksaposteln beabsichtigt, zeigt sich deren Absurdität. Benvenuto Cellinis "Saliera" ist zweifelsohne ein großes Kunstwerk. Im Sinne Gustav E. Pazaureks jedoch kann es sich bei einem Salzfass aus purem Gold, gekrönt von zwei nackten Götterfiguren, nur um "Materialprotzerei" und "Unzweckmäßigkeit" handeln. Gemessen an den aktuellen Kriterien ist die "Saliera" obendrein sexistisch. Die berühmt-berüchtigte Fettecke von Joseph Beuys wäre aus Pazaureks Sicht eine "Material-Pimpelei", aus Sicht seiner Nachfolger machte sich der Künstler der "Verschwendung von Ressourcen" schuldig.

Noch vor wenigen Jahren hätte man den Verkündern des guten Geschmacks das Phänomen des "guten schlechten Geschmacks" entgegenhalten können: Dieser besteht im bewussten Verstoß gegen den gängigen Kanon des guten Geschmacks, in der lustvollen und subversiven Aneignung von Kitsch, Klischees, Schund und Trash. Verwandt damit ist das nicht leicht zu erläuternde Konzept des Camp, bei dem es um die Huldigung des Gekünstelten und Übertriebenen geht. Camp florierte seit den 1950er-Jahren in der Subkultur der Homosexuellen, in den 1990er-Jahren hielt der gute schlechte Geschmack dann Einzug in die Mainstream-Kultur, gebrochen durch tatsächliche oder auch nur behauptete Ironie.

Doch auch diese ästhetische Sicht ist mittlerweile offenbar schon obsolet. Die von den Ausstellungsmachern formulierten aktuellen Kriterien zur Beurteilung von Produktgestaltung lassen eine Camp-Betrachtungsweise der von ihnen verdammten Objekte gar nicht mehr zu. Denn bei diesen Objekten handelt es sich um ihrem Wesen nach "böse Dinge", deren Verwerflichkeit nicht ästhetischer, sondern moralischer Natur ist: Egal wie ein Gegenstand designt ist - wenn bei seiner Herstellung die Umwelt zu Schaden gekommen ist oder wenn irgendjemand empört "Sexismus!" ruft, dann wird das Ding zum Unding. Da war sogar der alte Pazaurek im Vergleich milde, denn bei ihm waren nur bestimmte Gestaltungsformen schlecht und nicht die Menschen, die diese Gegenstände kaufen oder besitzen. Diese aktuellen Kriterien zur Beurteilung von Produktgestaltung sind in ihrer ungeheuren Anmaßung eine typische Erscheinung unserer narzisstischen "Bekenntniskultur"(Robert Pfaller), in der alles verteufelt wird, womit man sich nicht zu 100 Prozent identifizieren kann.

Verinnerlichtes Geschmacksempfinden

Bemerkenswert dabei ist, dass trotz der zunehmenden Verabsolutierung von Moral in der heutigen Gesellschaft noch immer der Begriff des Geschmacks bemüht wird. Viele Kritiker eines bekannten Schweizer Schokoladeherstellers, der gegen Mitbewerber mit unfeinen juristischen Methoden vorgeht, werfen diesem nicht nur den Missbrauch des Markenrechts vor, sondern beharren darauf, dass auch seine Produkte scheußlich schmecken. Viele Vegetarier begründen ihre Ablehnung des Fleischkonsums nicht nur mit ethischen Argumenten, sondern auch mit dem angeblich widerwärtigen Geschmack von Fleisch - die diversen Angebote an Tofu-Würstchen und anderen vegetarischen Produkten, die Fleisch imitieren (Pazaurek: "Material-Surrogate"), strafen diese Behauptung allerdings Lügen.

Offenbar verfügt das Konzept des Geschmacks noch immer über eine beträchtliche Wirkmacht. Ähnlich den emotionalen Empfindungen wie Gerechtigkeitssinn oder Empathie ist auch das Geschmacksempfinden etwas, das jeder Mensch verinnerlicht hat. Geschmack lässt sich zwar bilden und er lässt sich verfeinern, aber er lässt sich nicht auf Knopfdruck verändern. Jene, die die Moralisierung aller Lebensbereiche vorantreiben, müssen daher danach trachten, auch den Begriff des Geschmacks in ihrem Sinne zu vereinnahmen und soweit aushöhlen, dass sie ihn mit ihrer Ideologie befüllen können - was letztlich seiner Abschaffung gleichkommt. Genau das tut die scheinbar heitere Wanderausstellung "Böse Dinge".

Solchen Tendenzen muss man sich entziehen. Lieber schlechter Geschmack als gar keiner.

Böse Dinge

Die Ausstellung läuft im Hofmobiliendepot Wien bis 6. Juli.