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Feuilleton

"So wie in Hollywood läuft das normalerweise nicht"

1945 1960 1980 2000 2020

Hauptdarsteller Ben Foster im Interview über seine Rolle in der Wildnis in Debra Graniks exzeptioneller Leinwandarbeit "Leave No Trace".

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Hauptdarsteller Ben Foster im Interview über seine Rolle in der Wildnis in Debra Graniks exzeptioneller Leinwandarbeit "Leave No Trace".

Will (Ben Foster) wurde während seines Kriegsdienstes schwer traumatisiert. Nach seiner Rückkehr will er sein Leben fernab der Zivilisation gestalten: Er zieht mit seiner Teenager-Tochter Tom (Thomasin McKenzie) in den Wald von Portland, Oregon. Dort hausen sie in selbst errichteten Verschlägen, sammeln Regenwasser in Plastikplanen und essen, was die Natur so hergibt. Das abgeschiedene Dasein ist allerdings keineswegs legal: Nach einem Stadtgang, wo Will seine Schmerzmittel auf dem Schwarzmarkt verkauft, wird man auf die Einsiedler aufmerksam: Bald schon beendet die Polizei das wilde Leben von Will und Tom. Um die beiden wieder ins gesellschaftliche Leben einzugliedern, soll Will eine Stelle als Forstarbeiter antreten, während Tom die Schulbank drücken muss. Was für die Tochter, die sich nach einer Struktur im Leben sehnt, zunächst positiv scheint, zieht Will völlig hinunter - er kommt mit der neuen Situation überhaupt nicht klar.

In "Leave No Trace" blickt Regisseurin Debra Granik wieder auf die Ränder der US-Gesellschaft und verhandelt Themen wie Krieg, Leid, Einsamkeit, Frust und Perspektivenlosigkeit. Ben Foster und seine Filmtochter Thomasin McKenzie geben ein stimmiges-Vater-Tochter-Ensemble ab, wobei vor allem McKenzie überzeugt: Sie ist die nächste Entdeckung in Graniks Filmografie, nachdem die Regisseurin schon bei ihrem Filmerfolg "Winter's Bone" die Weltkarriere von Jennifer Lawrence eingeleitet hatte. Die FURCHE traf Foster zum Gespräch. DIE FURCHE: Mr. Foster, braucht es eine große Liebe für die Natur, um abgeschieden in einem Wald hausen zu können?

Ben Foster: Ich bin in einer sehr waldreichen, ländlichen Gegend aufgewachsen, deshalb kann ich die Liebe dieser Figur zum Wald und zur Natur sehr gut nachvollziehen. Der Wald ist in unserer hektischen Alltagswelt fast so etwas wie eine Medizin. Aber die fast schon besessene Art, wie puristisch Will in dieser Umgebung überleben will, das ist mir fremd. Will hätte aus ein paar Ästen ein Haus gebaut, in nur zwei Stunden. Er konnte außerdem genau sagen, wie man illegal im öffentlichen Raum lebt, ohne erwischt zu werden.

DIE FURCHE: Sie haben für den Film ein Überlebenstraining absolviert. Wie war das?

Foster: Toll! Ich kann nur jedem empfehlen, selbst einen Kurs in Überlebenstraining zu machen. Das erdet einen ungemein, weil es

dabei um die grundlegenden Dinge im Leben geht: Woher bekomme ich Wasser? Woher bekomme ich Essen? Wenn man bei Filmfestivals die Leute auf ihren Yachten sitzen sieht, wie sie daran verzweifeln, dass die Lachshäppchen aus sind, dann rate ich denen: Geht in den Wald und macht dieses Training. DIE FURCHE: Will leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Foster: Einige meiner Freunde waren bei der Armee. Ich kenne die Geschichten rund um posttraumatische Belastungsstörungen. Diese Störungen sind eindeutig mit den Erlebnissen im Krieg verknüpft. Oder wenn wir jemanden verlieren oder Zeuge außergewöhnlicher Gewalt werden. Das gehört zum Leben, und es definiert uns als Persönlichkeiten, wie wir mit solchen Ereignissen umgehen. Jeder löst das anders. Will hat sich dazu entschlossen, sich allen Reizen der Gesellschaft zu entziehen, um gar nicht erst auf die Idee zu kommen, seinen Schmerz mit Drogen oder Alkohol zu kurieren. Er entzieht sich der Gesellschaft, um besser auf sich selbst hören zu können.

DIE FURCHE: Wieso haben Sie diesen Will spielen wollen?

Foster: Als ich Debra das erste Mal traf, war ich sehr bewegt von dem Drehbuch. Damals erfuhr ich gerade, dass meine Freundin schwanger ist. Das warf für mich natürlich sofort essenzielle Fragen auf: Wie kann ich meine Kinder beschützen, wie werde ich als Vater sein? Tue ich genug, um mein Kind gut zu erziehen? Das ging sogar soweit, dass wir uns fragten: Was, wenn eine Bombe abgeworfen wird und alles zerstört? Was, wenn der Supermarkt plötzlich zu hat? Was passiert, wenn die das Wasser abdrehen? Ist das paranoid oder ein Umstand, den man sich besser in Gedanken einmal durchspielt? Die meisten Menschen denken so nicht und würden das extrem finden. Aber das ist nicht extrem, wenn Sie sich auf der Welt umschauen. Klar, in Hollywood kann das nicht passieren. Da gibt es alle 100 Meter einen Supermarkt, und alles ist rund um die Uhr verfügbar, und jeder hat ein Zahnpasta-Lächeln. Wenn man aber diese Region verlässt und den Rest der Welt sieht, bemerkt man: So wie hier läuft das normalerweise nicht.

DIE FURCHE: Erzählt dieser Film auch etwas über das zeitgenössische Amerika?

Foster: Natürlich! Instinktiverweise denke ich darüber in sehr zynischen Gedanken nach und schäme mich, mit meinen Freunden zu reden, die nicht in den USA leben, also im oft zitierten "Rest der Welt". Ich schäme mich für das, was in den USA heute passiert. Zugleich finde ich Debras Haltung gut, die sagt: Das ist kein Film über Amerika, sondern ein universeller Film. Es gibt überall auf der Welt gute Menschen, die instinktiv das richtige tun. Das macht mir Hoffnung. Das würde ich lieber sagen, als mich jetzt über das auszulassen, was ich derzeit so abscheulich finde an den USA.