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Sorgt euch nicht um dieses Land!

Die Oma ist eine rüstige alte Dame, die nicht der guten alten Zeit nachtrauert und die neue mit sorgsam-kritischem Sinn betrachtet. Ihre Träume hat sie bisher für sich behalten. Nur jenen der letzten Nacht wollte sie dem kleinen Fritzi nicht vorenthalten.

Es war einmal ein unermesslich reiches Land, so erzählte die Oma, in dem die Schnitzel größer waren als die Städte und die Frauen ihre viel zu geringen Löhne mit einer umgedichteten Staatshymne abgegolten bekamen. Eines Tages berief der oberste Präsident den Regierungschef und seine engsten Vertrauten zu sich, um ihnen die brisante Neuigkeit zu unterbreiten, dass der Staat in größerem Ausmaß pleite sei als bisher angenommen.

Für eine kurze Zeit hörte man die hohen Herrschaften hinter verschlossenen Türen besorgt tuscheln. Bald waren sie sich einig. Allen voran der Staatschef, der sich zwar von Gottes Gnaden auserwählt fühlte, jedoch keine Funktion mehr hatte. Der Regierungschef und seine Minister, die sich hinter hohlen Worthülsen zu verkriechen pflegten und darunter litten, dass sie niemand wirklich lieb hatte, beschlossen der Not folgend manch liebgewordene Tradition einzusparen. Den prestigeträchtigen Dienstwagen etwa samt Chauffeur oder so manche Werbekampagne zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls.

Auch sollten etwa die Manager der Bahn wieder daran erinnert werden, dass sie es mit Zügen und Fahrgästen zu tun haben, die der Post, dass Briefe und Pakete zu ihrem Geschäft gehören, und jene der Spitäler, dass ihr Material aus Menschen besteht. Vor allem aber sollten auf einen Dienstnehmer künftig nicht mehr zehn weitere kommen, die ihn verwalten und möglichst früh in den Ruhestand versetzen.

Und dann erschien der Oma das Christkind höchstpersönlich und verkündete, dass den Menschen dieses Landes ihre Arbeit wieder Freude mache und die Steuern nicht erhöht würden, da sie schon jetzt die Arbeitskraft lähmten. Da hörte die Oma die Englein singen und freute sich über ein Land, um das man sich in schwierigeren Zeiten keine Sorgen zu machen braucht.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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