Spartanisch karge Inszenierung ohne Deutung

Die Osterfestspiele Salzburg finalisieren mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ die Ring-Tetralogie szenisch minimalistisch, aber musikalisch eindrucksvoll. Exakt 40 Jahre nach Herbert von Karajan baut der charismatische Simon Rattle wieder eine phänomenale Klangdramaturgie auf, wenn auch die erzeugte Phonzahl nicht immer sängerfreundlich ist.

Stumm und niedergeschlagen beobachtet Wotan den toten Helden Siegfried, der am Fuße einer riesigen Treppe aufgebahrt liegt, während auf diese der alles verzehrende Weltenbrand und die alles verschlingenden Fluten des Rheins projiziert werden. Schließlich brechen die Stufen in der Mitte auseinander und verschwinden. Wie ein kleiner Silberstreifen am Horizont erscheinen junge Menschen in weißen Gewändern in goldenes Licht getaucht, die trotz des vernichtenden Infernos zumindest so etwas wie Hoffnung für die Zukunft signalisieren sollen.

Wenig Bewegung, viel Statik

Leider nur mit diesen finalen Bildern allein kann die Inszenierung von Richard Wagners „Götterdämmerung“ bei den Salzburger Osterfestspielen im Großen Festspielhaus beeindrucken. Denn ansonsten herrscht wie schon in den bisherigen Teilen der Tetralogie und deshalb nicht unerwartet auch beim letzten Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ in der völlig ortslosen, abstrakten Ausstattung spartanischer, karger Minimalismus vor. Minimalistisch ist auch die Personenführung mit wenig Bewegung, dafür viel Statik in ästhetischen Arrangements und heutigen schicken Kostümen (Thibault Vancraenenbroeck). Regisseur Stepháne Braunschweig, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, verweigert zudem in dieser Koproduktion mit dem Festival von Aix-en-Provence, wo seine Inszenierung schon letzten Sommer gezeigt wurde, auch jegliche Deutung vom „Opus summum“ des Bayreuther Meisters.

Wie schon im Vorjahr bei „Siegfried“ sagte auch dieses Jahr Ben Heppner diese Partie für Salzburg wiederum ab. Einspringer Stefan Vinke verfügt eher über einen schlanken, lyrischen Tenor mit sicherer Höhe als über einen fülligen Heldentenor, der wegen kluger Einteilung auch noch zum Finale der Kräfte raubenden Partie genügend stimmliche Reserven aufweist. Der Held des Abends heißt aber nicht Siegfried sondern sein Mörder Hagen.

Held des Abends: M. Petrenko

Dieser wird von Mikhail Petrenko als arroganter, intrigantisch böser, rauchender Strippenzieher gespielt und nicht mit Derbheit sondern mit großer Eleganz und Wortdeutlichkeit gesungen. Gerd Grochowski ist ein kerniger Gunther, Emma Vetter eine eher blasse Gutrune. Anne Sofie von Otter ist für ihren Kurzauftritt eine intensive Luxus-Waltraute. Dale Duesing als kraftloser Alberich spricht bei seinem Miniauftritt mehr als er singt. An Katarina Dalaymans Brünnhilde scheiden sich die Geister. Ihre Höhe wirkt manchmal gepresst. Sie singt schwer verständlich und hat zweifellos zum Finale stimmliche Kraftprobleme. Aber immerhin verfügt sie für diese schwere Partie über großes Durchhaltevermögen. Untadelig hört man die Nornen (Maria Radner, Daniela Denschlag und Miranda Keys) sowie die Rheintöchter (Anna Siminska, Eva Vogel und einmal mehr Maria Radner). Stimmgewaltig und homogen erlebt man den Berliner Rundfunkchor (Einstudierung: Simon Halsey).

Die eigentlichen Festspiele finden im Graben statt: Exakt 40 Jahren nach Herbert von Karajans „Götterdämmerung“, dem Gründer dieses Festivals, baut der charismatische Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern wieder eine phänomenale Klangdramaturgie auf. Er nimmt sich Zeit, kostet Phrasen aus und wählt dabei teilweise extrem breite Tempi. Der britische Sir weiß aber auch durch fordernde Gesten eine breite dynamische Palette zu gestalten, Spannungsbögen aufzubauen und durch gezielte Ritardandi die Spannung bis zur Unerträglichkeit zu steigern. Leider ist seine dadurch erzeugte Phonzahl nicht immer sängerfreundlich. Und beim Trauermarsch werden manche Höhepunkte schon zu früh angesetzt, sodass weitere Steigerungen nicht mehr möglich sind. Aber er weiß auch mystisch, geheimnisvoll, durchaus kammermusikalisch durchhörbar und fassettenreich mit feinen Tönen und Piani musizieren zu lassen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau