Mauer - © Foto: Evgeniya Dimitrova
Feuilleton

Spaziergang durch die Tabakstadt

1945 1960 1980 2000 2020

Einst war Bulgarien ein Global Player der Tabakindustrie, der beliebte Orienttabak wurde in die ganze Welt exportiert. Die Revitalisierung des vernachlässigten Industriegeländes von Plovdiv, der europäischen Kulturhauptstadt 2019, stellt eine Herausforderung dar.

1945 1960 1980 2000 2020

Einst war Bulgarien ein Global Player der Tabakindustrie, der beliebte Orienttabak wurde in die ganze Welt exportiert. Die Revitalisierung des vernachlässigten Industriegeländes von Plovdiv, der europäischen Kulturhauptstadt 2019, stellt eine Herausforderung dar.

Die Lokomotive pfeift, die Bremsen ziehen. Ein Zug ist eingetroffen. Mit ihm die Hektik und die Aufregung. Langsam stellt sich wieder Ruhe ein, in der man die ersten Geräusche und Bilder von Plovdiv, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, wahrnimmt. Zwitschernde Schwalben, verhallende Stimmen und ein Bahnhof, wie aus jener Zeit entrissen, in der noch der OrientExpress hier anhielt und vom Güterbahnhof vollbeladene Züge mit duftendem Tabak nach Westeuropa abfuhren. „Mit dem Bau des Bahnhofs und dieser Straße hat der wirtschaftliche Aufschwung begonnen“, sagt Penka Kalinkova, Film-und Buchautorin, als wir die von Platanen gesäumte Ivan-Vazov-Straße entlanggehen, die den Bahnhof mit dem Zentralplatz verbindet.

Auf mehr als 15 Hektar Fläche errichteten lokale Unternehmer in den 1920er-Jahren die so genannte „Tabakstadt“: etwa 13 Lager und Fabriken für die bulgarische Tabakindustrie, eine Industrie, die die Geschichte Bulgariens im letzten Jahrhundert erzählt. Die Gebäude wurden nicht wie Produktionsstätten, sondern wie Kulturinstitute entworfen – mit den eleganten Gipsfiguren und Ornamenten und warmen Farben der hohen Fassaden. „Der Bau dieser Lagerhäuser ist ein zivilisatorischer Akt! Und wie! Wenn Sie auch noch die Holzkonstruktion auf dem Dachboden sehen würden. Da werden Sie staunen, mit was für dicken, soliden Brettern gebaut wurde. Für mich ist es ein romantischer Ort, nicht nur, weil er Teil einer hundertjährigen Geschichte ist“, sagt Penka Kalinkova.

Plovdiv liegt in der Thrakischen Ebene. Von hier aus und weiter bis zur Ägäis erstreckt sich die Heimat des Orienttabaks – diese aromatische Ader von Tabak, ohne die keine Marke Zigaretten exzellent werden kann. Bis 1878, vor der Befreiung Bulgariens aus Osmanischer Herrschaft, war das Geschäft mit dem Orienttabak in der Hand türkischer und griechischer Kaufleute. Gegen diese mussten die bulgarischen Unternehmer des neugegründeten bulgarischen Staates konkurrieren. So etwa das Familienunternehmen Tomasjan. Zu Beginn bestand die Produktion aus ganz einfachem Schneiden des Tabaks, der sich zum Kauen und Stopfen von Pfeifen eignete. Stück für Stück wurde sie mechanisiert. Dazu brauchte es allerdings Kapital.

Aufblühen der Tabakindustrie

Das Kapital kam mit den Kriegen. Mit dem Türkisch-Griechischen Krieg wurde die Wirtschaft beider Länder stark angeschlagen. Bulgarien wurde zum Hauptlieferanten für orientalische Tabaksorten in Europa. Innerhalb von 10 Jahren wuchs der Tabakanteil am bulgarischen Export um rund 40 Prozent, überholte somit den von Rosenöl, und wurde für Bulgarien das, was das Getreide für Russland oder der Kaffee für Brasilien war. Die Nachfrage war groß: Im Zuge des Ersten Weltkriegs wurden die Großmächte, allen voran Deutschland, zu sehr guten Absatzmärkten, da die Frontsoldaten mit Zigaretten versorgt wurden. Die Soldaten, die mehrere Jahre in den Schützengräben ausharren mussten, rauchten aus Langeweile. Rauchen kam auch unter Zivilisten immer mehr in Mode. Aus den Kriegsgebieten in Thrakien und Makedonien kamen Tausende Flüchtlinge nach Bulgarien, darunter viele tabakkundige Bauern. Noch im Dunkeln klapperten sie mit ihren klobigen Holzschuhen durch die Straßen der Tabakstadt und eilten in die Fabriken. Der Tabakgeruch lag in der Luft, der Tabak plagte die Lungen und klebte an den Händen, brachte jedoch der wachsenden Arbeiterklasse Brot und ein Klassenbewusstsein. Die ersten Proteste fanden in der Tabakstadt statt, der Feminismus schlug Wurzeln, die Moderne war angebrochen. „Die Zigaretten gehörten zur Kultur der neuen Kaffeehäuser“, erklärt die Kulturanthropologin Vessela Noscharova. „Da gab es keinen Platz mehr für betrunkenes Gerede, es wurde eher sachlich über Politik diskutiert. Die Beschleunigung war spürbar. Der eilende Mensch mit der Zigarette im Mund wurde zu ihrer Ikone, ebenso die Kaufleute, die vor ihren Läden schnell eine rauchten.“

Auf mehr als 15 Hektar Fläche errichteten lokale Unternehmer in den 1920er-Jahren die so genannte ‚Tabakstadt‘.

Die Erfolgsgeschichte des bulgarischen Tabaks erreichte im Sozialismus ihren Höhepunkt. Der Exporttabak für den Westen war ein wichtiger Devisenbringer, der Export für den Osten machte gegen 80 Prozent des Gesamtexports Bulgariens aus. Während eines Konflikts zwischen Peking und Moskau 1966 verdrängte Bulgarien China vom sowjetischen Tabakmarkt und wurde dadurch zum weltweit größten Exporteur von Zigaretten. Mit dem Zerfall des Ostblocks ging die bulgarische Tabakindustrie jedoch den Bach hinunter. Über Briefkastenfirmen haben mafiose Strukturen die Produktion vernichtet.

Die Fabriken der „Tabakstadt“ stehen seit den 1990ern still.Die meisten sind in baufälligem Zustand, umzäunt von Metallabsperrungen. Die denkmalgeschützten Ruinen werden absichtlich der Witterung überlassen, damit sie durch neue Einkaufszentren und Hotels ersetzt werden können. Vor drei Jahren wurde sogar ein denkmalgeschütztes Ensemble in Brand gesteckt, ein weiteres wurde niedergerissen, obwohl Bulgarien den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ nicht zuletzt aufgrund der Tabakstadt erworben hat. Doch Verwaltungsschwächen und Apathie begünstigen die Privatinteressen. Für Kulturschaffende wie Emil Miristschiev, Direktor des Vereins für moderne Kunst, eine frustrierende Situation. „Kein Investor wird hier Geld für Denkmalschutz ausgeben“, sagt er.

„Ich bin nicht skeptisch – ich bin realistisch. Wir haben doch an die Idee Tabakstadt geglaubt, deshalb haben wir das Projekt im Antrag um den Titel Kulturhauptstadt zentral positioniert.“ Das vernachlässigte Viertel in einen urbanen Gemeinschaftsraum zu verwandeln, bleibt immer noch eine Aufgabe, die sich die Kulturhauptstadt Plovdiv stellt. Die Organisatoren haben das Lagerhaus in der Exarch Josiph-Straße gemietet. Wo einmal Tabak trocknete, ist nun ihr Büro. Zwei Etagen tiefer probt die Plovdiver Oper. Im improvisierten Kulturhaus finden Kostümworkshops und Performances statt, während im Untergeschoss Sanierungen laufen. Das kann sich die Stadt im Jahr des Titels Kulturhauptstadt Europas gerade noch leisten. Doch wie geht’s weiter, wenn das Budget für Kultur im Jahr 2020 wesentlich knapper wird?

Plovdiv als vitaler Erinnerungsort

Gina Kafedjian, stellvertretende Programmdirektorin von Plovdiv 2019, hofft, dass jedes Kulturereignis in der Tabakstadt und auch jeder Streit einen positiven Effekt hat. „So ein großes Unterfangen kann nicht innerhalb von ein paar Jahren fertiggebracht werden“, sagt sie. „Wir in Plovdiv haben das Beispiel vom Quartier Kapana, das sich von einer Parkzone langsam zu einem Ort für Initiative, Kreativität und Kultur entwickelte. Dazu brauchte es 30 Jahre Engagement seitens der Intellektuellen, die das Quartier in seiner authentischen Form aufrechterhalten wollten.“

Architekturhistoriker Teodor Karakolev dagegen möchte die Zukunft der Denkmäler nicht dem Enthusiasmus der Kultur elite überlassen. Die Politik steht in der Pflicht, die Tabakstadt vom Skelett aus dem Industrialisierungszeitalter zum vitalen Erinnerungsort werden zu lassen, meint er. „Notwendig sind ein Plan und eine sehr strenge Regelung und Kontrolle der Erhaltung wertvoller Architektur und Denkmäler.“ Gleichzeitig sollte freigestellt sein, wer die Kulturdenkmäler nutzt. Das wird Investitionen anlocken, denn der Ort muss leben. Wenn an einem Erinnerungsort kein Leben mehr ist, fällt er auseinander. In dem Sinne ist auch eine breite Debatte zwischen allen Beteiligten notwendig – den Eigentümern, den Gesetzgebern und den Bürgern. Zwischen denjenigen, denen die Gebäude am Herzen liegen, und auch denjenigen, denen sie nicht gefallen. Wenn sie die Geschichte der Tabakstadt erfahren, werden sie sie vielleicht mit anderen Augen sehen.“

Die Autorin ist freie Print- und Radiojournalistin.

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