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"Spielplan ohne Kalkül“

Mit der Spielzeit 2012/13 übernimmt die Schweizer Dramaturgin und Regisseurin Bettina Hering die künstlerische Leitung des Landestheaters Niederösterreich. Ein Gespräch zum Auftakt.

Bettina Hering arbeitete an renommierten deutschen Bühnen und war zuletzt für "Literatur im Nebel“ und den Theatersommer Haag tätig. Unter dem Saison-Motto "Mit subversivem Humor zur Gegenwartsbewältigung“ liefert sie einen Mix aus klassischen Autoren (Shakespeare, Raimund, Goethe, Wilder) und Gegenwartsschriftstellern (Tom Lanoye, Jonas Hassen Khemiri, Stephan Lack). Auch selbst inszenieren wird sie, so etwa Paul Maars "Eine Woche voller Samstage“. Zur Eröffnung am 6. Oktober wird der Schauspieler Martin Wuttke Texte von René Pollesch sprechen.

DIE FURCHE: Sie starten mit einem großen Namen, Martin Wuttke …

Bettina Hering: Wuttkes Rede ist ein Freundschaftsdienst. Wir kennen einander seit dreißig Jahren, seit unseren künstlerischen Anfängen in Frankfurt am Main. Wir sind immer in Verbindung geblieben, und so passt es für mich sehr gut, vor allem, weil ich selbst keine Antrittsrede halten wollte und dies nun theatralisch passiert.

DIE FURCHE: Sie übernehmen ein Haus, das Ihre Vorgängerin Isabella Suppanz neu positioniert hat und wo internationale Stars wie auch Wuttke aufgetreten sind. Wo schließen Sie an? Wo gibt es Brüche?

Hering: Ich übernehme ein wohlbestalltes Haus, das in den letzten Jahren große Veränderungen erfahren hat. An der Resonanz der Zuschauer merke ich, dass das Landestheater Niederösterreich ein gutes Standing hat. Deswegen ist es besonders schön, so ein Theater zu übernehmen, wo man an Positives anknüpfen, den Weg aber auch weitergehen kann. Da spüre ich viel Potenzial. Dementsprechend möchte ich, neben der internationalen Vernetzung, das Haus auch mehr zur Region, zur Stadt hin öffnen, neue Leute ins Theater holen.

DIE FURCHE: Isabella Suppanz hat viele Gastspiele nach St. Pölten eingeladen, wie werden Sie es halten?

Hering: Die Gastspiele bedeuten so etwas wie ein Fenster nach außen. Die Frage, was wo wie verhandelt wird, hat viel bewirkt. Die internationalen Produktionen haben auch den Standort St. Pölten neu positioniert. Ich werde diese Linie einerseits fortführen, andererseits einen Schritt weitergehen. Das bedeutet, dass wir internationale Koproduktionen veranstalten, in dieser Spielzeit mit dem Berliner Ballhaus-Theater von Shermin Langhoff. Die Vitalität dieses Ortes hat mich überzeugt. Zusammen arbeiten wir an der deutschsprachigen Erstaufführung von Jonas Hassen Khemiris "I call my brothers“, ein Stück über Extremisten, Selbstmordattentate und Xenophobie, das im Rahmen des Theaternetzwerkes "Europe now“ entstand. Mit dieser Kooperation stellen wir uns dem internationalen Geschehen.

DIE FURCHE: Was wird es an weiteren Neuerungen geben?

Hering: Ich setze verstärkt auf Eigenproduktionen, das ist keine Neuerung, aber eine klare Schwerpunktsetzung. Dafür habe ich das Ensemble neu aufgestellt. Neben renommierten Schauspielern wie Babett Arens sind auch ganz junge Gesichter dabei. Sie kommen direkt von der Schauspielschule. Es war eine große Herausforderung, ein neues Ensemble zu formieren, bei dem auch die jungen Schauspieler viel Verantwortung übernehmen können. Ganz neu ist auch das Bürgertheater.

DIE FURCHE: Was darf man sich darunter vorstellen?

Hering: Das Theater in St. Pölten hat eine sehr bewegte Geschichte. Es wurde immer wieder geschlossen, aber von den Bürgern der Stadt stets neu eingefordert. Beim Recherchieren ist mir die Idee zum Bürgertheater gekommen, also die Bewohner der Stadt und aus ganz Niederösterreich aktiv einzubinden. Im Rahmen der ebenfalls neu etablierten Theatervermittlung stellen wir ein Projekt mit Laien auf die Beine, aufgeführt wird es im professionellen Rahmen. In diesem Jahr steht es unter dem Motto "aufgleisen!“ und spricht Menschen zwischen 18 und 35 Jahren an, ein Lebensabschnitt, in dem viele Entscheidungen anstehen. Wo möchte man leben, mit wem, welchen Beruf will man ausüben, will man Kinder oder nicht? All diese Fragen sind in dieser Phase wichtig. Das inhaltliche "Material“ bringen die Projektteilnehmer selbst mit. Eine flankierende Maßnahme sind die Bürgergespräche, die heuer den Titel "3xW“ tragen: Wer kommt? Wer bleibt? Wer geht? Dazu werden wir mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Wir sind neugierig herauszufinden, was sie nach St. Pölten gebracht hat, warum sie geblieben sind, was diese Stadt für sie einzigartig macht oder was sie bewogen hat, wegzuziehen.

DIE FURCHE: Im Rahmen des Lesefestes "Blätterwirbel“ liefern Sie mit Anna Mitgutsch, Sabine Gruber und Paulus Hochgatterer je eine Personale. Bei den dreien handelt es sich um renommierte Autoren. Wo liegt Ihre Risikobereitschaft für Neues?

Hering: Der "Blätterwirbel“ ist gemeinsam mit vielen anderen niederösterreichischen Institutionen koproduziert. Bei den drei Genannten handelt es sich um bedeutende deutschsprachige Autoren, die schon ihre Meriten haben, die in der Blüte ihres Schaffens stehen. Im Rahmen des "Blätterwirbels“ bieten wir jeweils eine spannende Werkschau, die nah am Leser dran ist. Wir werden in Zukunft auch Newcomer aus Niederösterreich fördern. Ab diesem Herbst gibt es in Kooperation mit dem Land Nieder-österreich das Peter-Turrini-Dramatikerstipendium, und hier ist das Landestheater aktiv eingebunden. Außerdem eröffnen wir mit Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen“, einem Stück, das durchaus riskant und tollkühn ist.

DIE FURCHE: Inwiefern tollkühn?

Hering: Wilder ist ein genuiner Erfinder, seine Stücke sind komplex und selten gespielt. Damit ist unsere Produktion quasi eine Wiederentdeckung "Wir sind noch einmal davongekommen“ ist außerdem dramaturgisch gewagt. Wilder streift darin durch die Jahrtausende, verbindet Motive, die nicht offensichtlich zusammengehören. Er bringt Metaphern in völlig verschiedene Bedeutungszusammenhänge, eklektizistisch experimentiert er innerhalb des Stücks. Dadurch entwickelt das Stück eine außergewöhnliche Kraft. Außerdem ist es selbstreferenziell, bezieht sich auch auf das Medium Theater - mit unschlagbarem Humor. Wilder hat damals eine Lawine losgetreten, die bis heute anhält. Ich mache keinen Spielplan mit Kalkül. Mir geht es um Inhalte, fürs reine Kalkül bin ich viel zu sehr Dramaturgin.

DIE FURCHE: Was hat sich auf der inhaltlichen Ebene in den letzten Jahren verändert? Und wie sehen die dramatisch-literarischen Entwicklungen aus?

Hering: Zurzeit gibt es sowohl auf der Stücke-Ebene als auch von den Inszenierungen her viele neue Experimente. Es bewegt sich eine Menge, vor allem inhaltlich. Wir befinden uns in einer richtigen Umbruchszeit. Es wird ent-, aber auch wieder verworfen; von großen Textflächen bis hin zu kleinteiligen hochpsychologischen Stücken ist wieder alles möglich. Das Spektrum ist breiter als vor ein paar Jahren, weil auch Neues eingefordert wird. Und auf diese Herausforderung freue ich mich!

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