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Spielt alle Stücke

1945 1960 1980 2000 2020

Graz 2003: Kulturhauptstadt Europas.

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Graz 2003: Kulturhauptstadt Europas.

Ein Land in Bewegung: 2003 steht Graz als "Europäische Kulturhauptstadt" im Mittelpunkt internationalen Interesses, und eine innovative Forschungslandschaft ist ebenso ein steirisches Charakteristikum. Als Wirtschaftsstandort hat die Steiermark zahlreiche Probleme geerbt, aber neue Projekte der letzten Jahre zeigen, wohin der Weg führen könnte. Abgerundet wird das Porträt des südlichen Bundeslandes durch ein Gespräch mit Landeshauptmann Waltraud Klasnic.

Redaktionelle Gestaltung: Cornelius Hell und Doris Helmberger

Bürgermeister Alfred Stingl bekam ein Geschenk am Tag seines Geburtstags: Am 28. Mai 1998 beschloss die EU, Graz zur Kulturhauptstadt 2003 zu erklären. Kaum zwei Monate später machte der Stadtsenat Wolfgang Lorenz, damals noch Kulturchef im ORF-Fernsehen, zum Intendanten. Seither ist die steirische Hauptstadt in Bewegung geraten.

Als die Österreichische Bundesregierung in Brüssel den Antrag stellte, Graz zur Kulturhauptstadt Europas zu wählen, konnte niemand wissen, wie passend gerade dieses Jahr sein würde. Hatten sich wegen der magischen Zahl im Jahr 2000 gleich neun Kulturhauptstädte um diese Ehre gedrängt, danach immerhin noch zwei pro Jahr, so steht Graz im Jahr 2003 allein da und kann alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen - unmittelbar bevor die EU neue Mitglieder aufnimmt, die an die Steiermark angrenzen. Die Grenzen nach Osten und Südosten hat man von Graz aus immer schon überschritten, auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs; jetzt wird aus Geschichte, geopolitischer Lage und aktuellen europäischen Veränderungen ein Jahresprogramm entwickelt, das alle Stücke spielt.

Ein neues Gesicht von Graz

Sollte jemand Graz eine Zeit lang nicht gesehen haben, so wird ihn eine Wiederbegegnung in Staunen versetzen. Jahrzehnte wurde der Plan eines Kunsthauses ventiliert, aber nicht verwirklicht. Seit einem halben Jahr wird es tatsächlich gebaut, man kann die Baugrube und daraus wachsende Betonwände rechts der Mur sehen. Die Stadthalle wird gerade fertig, das Literaturhaus wird gebaut, der Hauptplatz mutiert zu einem Ort urbaner Begegnung, die Stadtbeleuchtung taucht die Innenstadt in ein neues Licht, ein Kindermuseum entsteht und eine neue Halle für Konzerte und Ausstellungen wird der styriarte und dem steirischen herbst zu Verfügung stehen. Nicht zuletzt wird eine Insel in der Mur zwischen Altstadt und Mariahilferplatz einen neuen öffentlichen Raum schaffen und die beiden Stadtteile enger verbinden.

Der neue Optimismus knüpft an die Kulturrevolution an, die Graz in den sechziger und siebziger Jahren zur Stadt der Avantgarde in Literatur und Architektur hat werden lassen, ehe sie sich dem Rückblick auf bessere Zeiten verschrieben hatte. "Ein Stimmungstief aus Resignation und Depression wurde zum Negativstimulans der Kulturgrazer", schreibt Wolfgang Lorenz im zweiten Programmbuch für 2003. "Es war zum Leben zu wenig und zum Sterben knapp zuviel." Aber "irgendwann muss es dann allen gereicht haben, und so kam Mitte der Neunziger frischer Wind auf." Wolfgang Lorenz, zeitweise auch steirischer ORF-Landesintendant, muss es wissen. Seiner Hartnäckigkeit des Außenseiters, der alle Mechanismen der Grazer Selbstbehinderung kennt, ist es wesentlich zu verdanken, dass das Selbstwertgefühl der Grazer neue Blüten trieb. Ein Blütenmeer geradezu: An die 900 Projekte wurden für 2003 erfunden, eingereicht, bearbeitet, gestutzt, fusioniert. Bei einer Kreativität dieses Umfangs konnte es nicht ausbleiben, dass Enttäuschte auf der Strecke blieben. Nur etwa 100 Projekte können realisiert werden, mehr lässt das Budget nicht zu, das zu gleichen Teilen von Stadt, Land und Bund aufgebracht werden sollte. Die Bundesregierung allerdings (eine andere als die von 1998) blieb zugesagte 50 Millionen schuldig.

Immerhin reicht das Programm vom Volksfest bis zur Hochkultur, von der Kunst bis zur Wissenschaft, es wird gekocht und musiziert, gelesen, gesungen, getanzt, gefeiert, ausgestellt und nachgedacht. Solche Vielfalt lässt kein uniformierendes Motto zu. Der Blick über die Grenze wie auf die eigenen kreativen Fähigkeiten, Grenzüberschreitungen im räumlichen und mentalen Sinn sind vielleicht der geheime gemeinsame Nenner dessen, was sich 2003 in Graz abspielen wird.

Manche Projekte verstehen das wörtlich und werden dadurch paradigmatisch. Michael Petrowitsch vom Pavel-Haus nahe der Grenze eignet sich in seinem Projekt "Schengenblick" die Perspektive von außen an. In einem slowenischen Weingarten bei Novi Vrh wird eine Wetterkamera installiert, die über die Grenze schwenkt. So haben Flüchtlinge über Jahrzehnte die Landschaft abgesucht, in die sie dem Regime ihrer Heimat entkommen wollten.

Grenzüberschreitungen

Mit anderen Mitteln hat die weltbekannte Fotografin Inge Morath die südsteirische Grenze überwunden. "Grenz.Räume" heißt das Projekt, das sie gemeinsam mit Christine Frinisghelli und Regina Strassegger entwickelt hat. Inge Moraths Heimat war das südsteirisch-slowenische Grenzland. Nun ist sie im Jänner 2002 im Alter von 78 Jahren in New York gestorben und das Projekt wird zum Nachruf.

Das Jahr der Kulturhauptstadt soll Touristen in die Stadt bringen, aber es würde scheitern, wären nicht die Grazer und Grazerinnen selbst Hauptpersonen der Ereignisse. Grenzen zwischen heute und gestern wird der "Berg der Erinnerungen" aufheben. In den Gängen und Höhlen des Schlossbergs deponieren schon jetzt die Stadtbewohner Dokumente ihrer erlebten Zeitgeschichte, der öffentlichen und privaten. Und ein Wettbewerb in den 17 Grazer Bezirken hat allein 190 Vorschläge erbracht, von denen je Bezirk der beste verwirklicht wird.

Vielleicht sind Bezirksgrenzen noch relativ leicht zu überschreiten. Um schwierigere Sprachgrenzen dreht sich die monumentale Ausstellung des Kunsthistorischen Museums im Schloss Eggenberg: "Der Turmbau zu Babel" reflektiert Schrift, Sprache und Entschlüsselung seit den Anfängen der Kultur. Kunst und Juristerei begegnen einander in einem Projekt der Juridischen Fakultät, "M/ARS" wird eine Ausstellung in der Neuen Galerie über Kunst und Krieg heißen. Und die Frage nach dem Aktualität des Wahlgrazers Leopold von Sacher-Masoch wird an Grenzen des Zumutbaren stoßen und nützliche Provokationen hervorrufen.

Religion ist kein Tabu

Graz, inzwischen Weltkulturerbe und erste europäische Menschenrechtsstadt, hat in den letzten Jahren ein besonderes Verhältnis zum Pluralismus der Weltanschauungen entwickelt. Die Stadt war 1997 Schauplatz der denkwürdigen Ökumenischen Versammlung; heuer im Herbst wird sie ein großen Buddhistentreffen mit dem Dalai Lama beherbergen. Auf dieser Linie liegt das "Projekt: Interreligiöses Europa" im Juli 2003. Eine mehrtägige internationale Konferenz wird gelungene Modelle des interreligiösen und interkulturellen Zusammenlebens aus europäischen Großstädten studieren und daraus Leitlinien für den Europarat formulieren. Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Hindus sind vertreten, aber keine der Religionsgemeinschaften darf eine Vorrangstellung haben; daher sind es die Partnerstädte Graz und Sarajevo, die die Einladung zu dieser Konferenz aussprechen.

Unter den mehr als 20 Büchern und Katalogen, die für Graz 2003 publiziert werden, widmet sich eines dem passenden Thema: "Wege zur Toleranz" nennt der Philosoph und derzeitige Rektor der Salzburger Universität, Heinrich Schmidinger, sein 2003-Projekt. Es enthält alle Texte der europäischen Geschichte, die zwischen Mittelalter und Aufklärung gegen Krieg, Folter, Gewalt und Intoleranz geschrieben wurden: ein Lesebuch von bleibender Bedeutung. Um die Spannweite des Grazer Programms deutlich zu machen, genügt es, zugleich auf ein ganz anderes Buch hinzuweisen: Wolf Haas, längst zum Kultautor avanciert, lässt seinen nächsten Krimi im Herbst 2002 erscheinen und die Verbrecherjagd in Graz spielen ...

Religion ist auch im Grazer Kunstbetrieb kein Tabu. styriarte-Intendant Mathis Huber hat eine Besonderheit des Jahres 2003 entdeckt: In die christliche Fasten- und Osterzeit fällt das islamische Ashura-Fest ebenso wie das jüdische Pesach. Ein einzigartiges Musikprogramm schlägt einen Bogen über sieben Wochen, feiert das katholische und das orthodoxe Osterfest, den evangelischen Karfreitag und die großen Feste der anderen monotheistischen Religionen. Bach-Kantaten mit poetischen Reflexionen, eine türkische Psalmenvertonung aus dem 16. Jahrhundert, ein barockes "Sepolcro" von J. J. Fux und ein öffentlicher jüdischer Seder-Abend - das sind nur einige Glanzlichter des Programms, das über alle Kunstfertigkeit hinaus Spiritualität erlebbar macht.

Gestaltete Utopien

In den Zeitraum dieses Projekts wird auch die Eröffnung der Ausstellung "himmelschwer" eingeschrieben. Johannes Rauchenberger, der Chef des Kulturzentrums bei den Minoriten, präsentiert mit seinem Team eine neuartige Begegnung von Kunst und Religion. Aufhebung des Schwerkraft, real und virtuell, ist eine gemeinsame Utopie der Künstler und der Gläubigen. Die Ausstellung im Joanneum stellt alte Bildkonzepte modernen Objekten gegenüber, um Parallelaktionen ausfindig zu machen, die noch kaum wahrgenommen wurden. Leihgaben kommen aus ganz Europa.

Ein Programm von dieser Dichte und Vielfalt hat Graz noch nicht erlebt, es ist selbst eine gestaltete Utopie, die in mehrjähriger Vorbereitung gewachsen ist. Um sie zugänglich zu machen, musste in einem erster Schritt die Stadt Graz international positioniert werden, denn welcher Franzose oder Däne, Grieche oder Tscheche weiß schon etwas über die steirische Hauptstadt? Der Slogan, auf dem Graz derzeit durch Europa reitet, lautet denn auch: "Graz - wer hätte das gedacht?" Wer hätte auch gedacht, dass die Provinzhauptstadt das Zeug hat, auf ein Jahr Europahauptstadt zu werden.

Der Autor ist Mitglied des Programmarbeitskreises Graz 2003.

Das volle Programm für 2003 kann im Internet abgerufen werden: www.graz03.at

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