Spiritualität, die das Elend der Welt lindert

1945 1960 1980 2000 2020

Östliche Meditation gilt meist als Form des Rückzugs aus der bedrängenden Umwelt. Der von Thich Nhat Hanh inspirierte "Engagierte Buddhismus" öffnet sich jedoch für die Not der Menschen. Gespräch mit einem der bekanntesten Exponenten des Buddhismus.

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Östliche Meditation gilt meist als Form des Rückzugs aus der bedrängenden Umwelt. Der von Thich Nhat Hanh inspirierte "Engagierte Buddhismus" öffnet sich jedoch für die Not der Menschen. Gespräch mit einem der bekanntesten Exponenten des Buddhismus.

dieFurche: Sie haben sich während des Vietnamkrieges für den Frieden und für soziale Belange engagiert. Ihr Anliegen wurde unter dem Begriff des "Engagierten Buddhismus" weltweit bekannt. Was war der Grund für Ihr Friedensengagement?

Thich Nhat Hanh: Wenn man das Leiden rund um sich herum sieht, weiß man, daß man etwas tun sollte, um es zu beenden. Das einzige Instrument, das man dafür hat, ist die eigene Praxis der Meditation. Man sollte daran arbeiten, daß man ein Instrument des Friedens wird. Aus diesem Grund soll die Meditationspraxis in die Welt und in die Gesellschaft gebracht werden. Deshalb versuchen wir, die Meditationsübung genau dort in der Gesellschaft zu praktizieren, wo das Leiden stattfindet. Daher sprechen wir von "Engagiertem Buddhismus". Diese Art von Buddhismus kann man überall ausüben, sogar während man sich um Verwundete kümmert, um Flüchtlinge, um Kinder, die durch Bomben sterben ... "Engagierter Buddhismus" war ein Begriff, den wir während des Krieges verwendet haben.

dieFurche: Meditation und engagierte Hilfe: Wie ist das zu verstehen?

Thich Nhat Hanh: Das Herz der buddhistischen Meditation ist die Achtsamkeit. Das ist die Praxis, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, um zu wissen, was gerade vor sich geht. Während des Krieges fand die Zerstörung des menschlichen Lebens durch Bomben und Gewehre statt. Aus diesem Grund wollten wir etwas tun, um das Leiden zu stoppen. Spiritualität sollte sich im Handeln äußern, um das Elend in der Welt zu lindern. Daher wurde der Engagierte Buddhismus als eine Form der Praxis entwickelt. Wir praktizierten nicht nur in unseren Meditationszentren, sondern übten auch außerhalb. Nämlich wenn wir uns um die Opfer kümmerten, um Kinder und Erwachsene, die Flüchtlinge geworden waren. Wir sprechen über Engagierten Buddhismus als einer Form von religiöser Praxis, die man in seinem alltäglichen Leben ausüben kann, ohne sein spirituelles Dasein zu verlieren - einfach indem man fortfährt zu helfen, auf welche Art auch immer, um Linderung zu den Menschen zu bringen, die es benötigen.

dieFurche: Sie sprechen oft davon, alle Dinge mit Achtsamkeit zu tun. Wie kann diese Praxis den Menschen helfen, ein glücklicheres, friedlicheres Leben zu führen?

Thich Nhat Hanh: Die Essenz der Achtsamkeitspraxis ist es, dessen gewahr zu sein, was gerade im jetzigen Moment vor sich geht. Wenn man sich in der Vergangenheit oder in der Zukunft verliert, als Folge seiner Sorgen und Ängste, hat man nicht die Kapazität, tief im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Aus diesem Grund hilft uns die Achtsamkeit und das Gewahrsein, in das Hier und Jetzt zurückzukehren, um tief den jetzigen Moment zu berühren, wo das Leben erst erfahrbar wird. Indem man beständig im Hier und Jetzt lebt, kann man die vielen Wunder des Lebens erfahren, die möglich sind, die die Funktion haben, uns zu nähren und zu heilen. Denn wir brauchen Elemente der Freude und des Friedens, um uns zu hegen und zu entwickeln. Und wenn Schmerz und Leiden vorhanden sind, wird unsere Achtsamkeit fähig sein, sie zu erkennen, sie zu umarmen und uns helfen, tief in sie hineinzuschauen, so daß wir sie in positive Elemente transformieren können.

dieFurche: Sie haben einen Orden gegründet, den Sie "Interbeing" genannt haben. Was ist damit gemeint?

Thich Nhat Hanh: "Interbeing" bedeutet mit dem Gewahrsein zu leben, daß man nicht allein für sich ist, sondern mit allem und jedem in Verbindung steht. Nehmen wir das Beispiel einer Blume. Eine Blume kann nicht allein aus sich selbst heraus sein. Denn wenn wir die Blume betrachten, können wir viele Elemente erkennen, die das Leben der Blume erst ermöglicht haben. Wie etwa den Sonnenschein, den Regen, die Mineralien und den Gärtner. Eine Blume kann nicht allein für sich selbst sein, sondern sie steht mit all diesen Elementen in Verbindung. Das Gleiche gilt für die Menschen. Die buddhistischen Lehren betonen sehr, daß niemand eine unabhängige Existenz hat. Niemand besitzt ein separates Selbst. Jeder ist mit jedem verbunden. Und wenn wir das wissen, erkennen wir, daß die Leiden und das Glück anderer Menschen mit unserem eigenen Leid und Glück zu tun haben. Als buddhistische Praktizierende, die gewohnt sind, tief in den Moment zu schauen, um die Natur der Abhängigkeit zu verstehen, wissen wir, daß auch im Christentum die Lehren der wechselseitigen Abhängigkeit sehr klar dargelegt sind. Aber es scheint, daß unsere christlichen Freunde diese Lehren nicht sehr stark entwickelt haben.

dieFurche: Die Regierung in Vietnam hat Ihnen bis heute die Rückkehr in Ihre Heimat verweigert. Im Exil in Frankreich haben Sie das religiöse Zentrum "Plum Village" aufgebaut. Dorthin kommen vietnamesische Flüchtlinge, vor allem aber Menschen aus westlichen Ländern. Was lernen sie dort?

Thich Nhat Hanh: In unserem Übungszentrum in Frankreich führen wir ein monastisches Leben. Wir haben aber auch eine Gemeinschaft von Laien. Unsere Praxis zielt darauf hin, mehr Solidarität und Freiheit in unserem Alltagsleben zu kultivieren. Wir üben, tief in uns hineinzuschauen, so daß unser Verständnis und Mitgefühl wächst. Dann wird es in unserem täglichen Leben mehr Freude, Frieden und Liebe geben. Der "Sangha" ist die Gemeinschaft der Praktizierenden, die sich in Ronchamps aufhalten, also jene Menschen, die in unser Zentrum kommen, um gemeinsam zu üben. Wir bieten ihnen nicht nur die buddhistischen Lehren, sondern auch Anweisungen für die Praxis. So können sie die Sitzmeditation oder die Gehmeditation in ihr eigenes Leben integrieren. Sie lernen, die Dinge mit Achtsamkeit zu tun, um fähig zu werden, Frieden und Freude in sich selbst zu kultivieren. Sie üben auch, tief in sich selbst zu schauen, um den Schmerz, die Sorge und die Verzweiflung in sich zu erkennen. Um die Wurzeln ihrer Leiden herauszufinden und dann fähig zu werden, sie zu verändern. Mit der Unterstützung durch die Gemeinschaft wird die Praxis leichter werden. Wir haben im Winter eine dreimonatige und im Sommer eine einmonatige Einkehr - Perioden des Sich-zurück-Ziehens. In dieser Zeit kommen sehr viele Familien und Einzelpersonen. Wir führen in Ronchamps in einem speziellen Programm auch Kinder in die Meditationspraxis ein.

Und es zeigt sich, daß Kinder imstande sind, mit viel Freude und Frieden zu meditieren. Viele Familien sind sehr glücklich, wenn sie nach einer, zwei, drei oder vier Wochen Aufenthalt in Plum Village wieder nach Hause zurückkehren, denn in dieser Zeit waren sie imstande, sich zu versöhnen. Sie haben eine Praxis kennengelernt, die ihnen hilft, einen Neuanfang zu machen und die Kommunikation wiederherzustellen. Das ist wirklich Engagierter Buddhismus, den man im täglichen Leben üben kann, mit der eigenen Familie.

dieFurche: Das Ziel des Buddhismus ist Nirvana. Für viele westliche Menschen ist es schwierig, den Inhalt dieses Wortes zu verstehen. Wahrscheinlich herrschen viele Mißverständnisse. Können Sie die Bedeutung des Begriffs "Nirvana" erklären?

Thich Nhat Hanh: Nirvana ist der Seinsgrund, unsere wahre Natur jenseits von Geburt, Tod und Leiden. Es ist wie Wasser, das der Ausgangsstoff für alle Wellen ist. Wenn eine Welle erkennt, daß sie eine eigene Art von Wasser ist, wird sie all ihre Furcht verlieren, ihre Vorteile, ihren Neid. Nirvana ist die Auslöschung aller Ideen und Vorstellungen, die wir von der Realität haben, denn die absolute, letzte Wirklichkeit kann nicht in Vorstellungen und Konzepten ausgedrückt werden. Nirvana kann man nur erfahren. Wenn man tief in seine eigenen Auffassungen und Ideen schaut, weiß man, daß diese Vorstellungen nicht wirklich die letzte Realität beinhalten oder erklären. Deshalb ist es die tagtägliche Übung, unsere Vorstellungen und Konzepte zu transzendieren, um den Grund unseres Seins zu berühren. Wenn man fähig ist, diese Auffassungen zu transzendieren, berührt man Nirvana, den Seinsgrund, die wahre Natur ohne Geburt und Tod. Plötzlich verliert man all seine Furcht und Vorurteile und erfährt die größte Erleichterung, die es gibt.

Es ist wie bei der Welle. Eine Welle kann natürlich das Leben einer Welle leben. Aber sie kann noch mehr. Sie kann zur gleichen Zeit auch das Leben des Wassers leben. Wenn eine Welle die eigene Natur des Wassers in sich selbst erfahren kann, dann wird sie alle Ängste und Vorurteile verlieren. Sie wird erkennen, daß sie aus dem gleichen Stoff wie alle anderen Wellen besteht und daß alle anderen Wellen sie selbst in sich tragen. Deshalb ist das Verständnis von "Interbeing", der wechselseitigen Abhängigkeit aller Dinge und Lebewesen, Nirvana zu begreifen, die wahre Natur, die unabhängig von Geburt und Tod besteht.

Das Gespräch führte Katja Sindemann.

Zur Person Ein Kämpfer für den Frieden im Exil Thich Nhat Hanh, 1926 geboren, wurde mit 16 Jahren Zenmönch. Durch Kurse über "Engagierten Buddhismus" und durch seine Bücher erlangte er große Bekanntheit. 1961 studierte er Vergleichende Religionswissenschaft in Princeton und Columbia, wo er auch als Dozent arbeitete. 1964 Rückkehr nach Vietnam, um den Buddhismus zu reformieren. Er gründete den Tiep-Hien-Orden. Ab 1967 leitete er die buddhistische Delegation bei den Pariser Vietnam-Verhandlungen. 1973 wird ihm die Rückkehr in seine Heimat verweigert. Er lebt seither in Frankreich im Exil, wo er 1982 das spirituelle Dorf Plum Village gründete.

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