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Spitzer Schrei der Erde

Dem vorigen "Jahr des Dialogs der Zivilisationen" folgte heuer das "Internationale Jahr der Berge". Dialog und Berg - auch wenn in diesem Fall der Zufall Regie geführt hat - gehören zusammen, allein schon weil auf den Bergen der Himmel die Erde berührt. von wolfgang machreich

Berge bedecken ein Fünftel der Erdoberfläche und bieten Lebensraum für ein Zehntel der Weltbevölkerung. Darüber hinaus stellen sie in der Religion und Mythologie der Bergvölker ein bedeutendes kulturelles Erbe der Menschheit dar. Mit dem Internationalen Bergjahr 2002 wollte die UNO Impulse setzen: nachhaltige Entwicklung der Gebirgsregionen, Schutz des Kulturgutes und Entwicklung von Konfliktlösungsstrategien in Berggebieten. Der Notwendigkeit und den Erfolgsaussichten dieser Anliegen widmet sich dieses Furche-Dossier.

Nach dem letztjährigen "Jahr des Dialogs der Zivilisationen" haben die Vereinten Nationen 2002 zum "Internationalen Jahr der Berge" ausgerufen. Die Berge folgen dem Gespräch der Kulturen - auch wenn diese Aneinanderreihung ein Zufall ist und Sinn, Zweck sowie Erfolg solcher globaler Jahresmottos umstritten sind, lohnt es sich dennoch, dem Zusammentreffen gerade dieser beiden Themen Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein "spitzer Schrei der Erde gegen den Himmel" nannte einmal der französische Extrembergsteiger, Schriftsteller, Fotograf und Cineast Gaston Rebuffat die Berge. Dieser "Schrei" ist in allen Zeiten, in allen Kulturen und Religionen unterschiedlich artikuliert worden. Bei aller Verschiedenheit sind aber Intensität und Lautstärke überall gleich groß, gleich stark, gleich "spitz". Der Berg als Heimstatt der Götter, als Ort der Gottesbegegnung kennzeichnet als prägendes Motiv die Religionen dieser Welt: Horeb, der Berg der Zehn Gebote; Hirah, der große heilige Berg der Muslime und Sinnbild des Monotheismus; Kailash, geistiges Zentrum zwischen den Quellen der heiligen Flüsse Asiens; Ayers Rock in Australien, Fudschijama in Japan, Mauna Loa auf Hawai oder Griechenlands Olymp - hundert, ja tausend heilige Berge wären noch zu nennen. Viele wurden von den Menschen bestiegen, weil dort ihr Gott ist, ihre Götter zu Hause sind. Viele wurden aus genau demselben Grund aber auch gemieden.

Weitere Dimension: Darüber

Wenn das Aufgerichtet-Sein des Menschen oft als erstes Indiz für dessen Ausgerichtet-Sein auf Transzendenz, auf Gott genannt wird, wieviel mehr noch weisen die Berge über das Davor, Dahinter, Daneben hinaus und eröffnen - allein schon weil sie verlangen, den Blick zu heben - eine andere, weitere Dimension: Darüber. Die Gestalt, die Segnungen, die Forderungen dieses Darübers beschreiben die Mythen und Religionen dieser Welt verschieden. Wenn und wo diese unterschiedlichen Zuschreibungen und Erklärungsversuche des Himmels aber auf die Erde zurückkehren, dann und dort kommt es zu Konflikten. Als ob die Weite von da oben in der Enge da herunten nicht Platz finden würde.

Wie oft hat dieser Kampf um die Definitionsmacht des Himmels nicht genau an jenem Ort begonnen, an dem eben dieser mit der Erde zusammenstößt: am Berg? Am Gipfel seines Lebens besiegt Abraham den opferlüstigen Gott. Am Höhepunkt seiner Tage sieht Mose das Gelobte Land. Am Berg seiner Seligpreisungen predigt Jesus das Neue der Gotteskindschaft, um am Berg Golgatha das Sinnbild für Tod und Auferstehung, für Sünde und Erlösung darzustellen, menschlichen Horizont mit göttlicher Transzendenz zu verbinden: Kreuz. Im Gefolge dieses Kreuzes wurden Tausende Kreuze aufgestellt. Beileibe nicht alle von ihnen entsprachen dem Vorbild. Viele, sehr viele symbolisierten allein die eine Ausrichtung: Tod, Sünde, Horizont und ließen den zweiten Aspekt: Auferstehung, Erlösung und Transzendenz darüber vergessen.

Wetterkreuz & Hoheitszeichen

Oft besetzten Kreuze alte Kultplätze und wurden zum "Wetterkreuz" an jenem Platz, an dem vorher dem Wetter- oder Regengott gedacht wurde. Oft wurden Kreuze zum politischen Hoheitszeichen und nahmen nicht nur die Neue Welt "im Namen Jesu Christi für Spanien" in Besitz. Vom Ulmer Dominikanerpater Felix Fabri wird überliefert, er habe Ende des 15. Jahrhunderts auf Pilgerfahrt einen Berg auf der Halbinsel Sinai bestiegen. Einheimische hatten dort einen mit Gewandfetzen behängten Steinhaufen zur Orientierungshilfe für Karawanen errichtet. Fabri deutete die Skulptur als Zeugnis des Götzendienstes, riss den Stoff herunter und fertigte aus Stöcken ein Kreuz.

Ein Beispiel von Missverständnis und falscher Interpretation - derer es unzählige - keineswegs nur auf Seiten des Christentums! - gab und gibt. Allein aufeinander Zugehen und hinhörendes Gespräch können wahrscheinlich davor bewahren. Insofern passt es gut, dass dem Dialogjahr dieses Bergjahr folgte. Auf den ganz steilen Bergen werden zudem die Kreuze, die Madonnen und anderen Symbole gern als Sicherungs- und Abseilverankerungen genutzt. Auf dem Matterhorn beispielsweise ist der Hals der St. Bernhard-Skulptur blank gescheuert. Für viele Bergsteiger ist der massive Bronzeheilige ein willkommener Anker für das sichernde Seil. Manche sehen darin aber vielleicht auch ein Hoffnungszeichen dafür, dass der "spitze Schrei der Erde gegen den Himmel" nicht ungehört verhallt.

Reinhold Messner:

"Dem Globalen muss man das Regionale entgegensetzen. Das Unsere wird das Wertvolle sein." Seite 14

documenta 11

Die klassische Schau zeitgenössischer Kunst - ein Resümee von Hartwig Bischof. Seite 18

Ausstellungen

Zwei Retrospektiven: Karel Appel in Wien und Arnulf Neuwirth in Krems. Seite 19

Unbekanntes Land

Vom 23. bis 30. September ist Litauen zu Gast im Radioprogramm "Österreich 1". Seite 21

Jan van Eyck

leitete eine Revolution des Sehens ein, ein Bildband erzählt, wie sie Europa eroberte. Seite 24

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