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Feuilleton

Sprache des Körpers - und der Literatur

1945 1960 1980 2000 2020

Von 29. März bis 2. April verwandelte sich die Salzburger Marktgemeinde Rauris wieder in eine Literaturmetropole. Das Thema der heurigen Literaturtage - der Körper, die Sprache und die Beziehung von beiden -lud zur Grenzüberschreitung auch in die Medizin ein.

1945 1960 1980 2000 2020

Von 29. März bis 2. April verwandelte sich die Salzburger Marktgemeinde Rauris wieder in eine Literaturmetropole. Das Thema der heurigen Literaturtage - der Körper, die Sprache und die Beziehung von beiden -lud zur Grenzüberschreitung auch in die Medizin ein.

Krankheit sei vielleicht auch nichts anderes als die Formulierung eines Themas, meinte der Arzt und Psychoanalytiker Bodo Kirchner im Gespräch mit Alissa Walser und Manfred Mittermayer vergangenen Samstag im Rauriser Platzwirt. Krankheit als Sprache des Körpers, die es nur zu lesen gelte? Es gebe viele vulgärpsychosomatische Deutungen, die sich auch in umgangssprachlichen Formulierungen zeigen: Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen, sagt man, oder: Das ist mir an die Nieren gegangen. Ratgeber bieten für die Zeichen des Körpers eindeutige Übersetzungen an: Herzprobleme? Beziehungsprobleme!

Sicher gebe es einen Zusammenhang zwischen Körper und Seele und Barrieren beim Vermögen, sich in den Körper einzufühlen, Schwierigkeiten also, die es zu überwinden gelte. Doch die Eindeutigkeit der Deutungen durch vulgäre Ratgeber sollte jeden misstrauisch machen. Denn so funktioniere auch Sprache nicht. "Wir können nicht einfach Google Translate auf unseren Körper legen", so Kirchner und verweist auf die Fehler, die derartige Übersetzungsmaschinen hervorbringen.

Keine Eindeutigkeit

Keine eindeutige Übersetzung möglich: Im besten Fall gilt das auch für Literatur, für jene Textkörper, die nicht geschrieben werden, um konkret umsetzbare Ratschläge fürs Leben zu geben. Selbst wenn beim Lesen immer auch Übersetzung mit im Spiel ist. Literaten versuchen zum Beispiel, um es mit den Worten Alissa Walsers auszudrücken, einen Augenblick verdichteter Zeit zu übersetzen, und hoffen dann, dass sich dieser Augenblick auf den Leser überträgt.

Übertragungen auf die Leser funktionieren vielfach bei den seit 1971 stattfindenden Rauriser Literaturtagen, das war auch dieses Mal zu spüren. Jedes Jahr treffen hier höchst unterschiedliche Leser aufeinander: Rauriser, Touristen, Studierende aus fünf österreichischen Universitäten, Literaturkritiker und vor allem: Autorinnen und Autoren. Dadurch stellt sich die Frage der Übersetzung im Sinn von Vermittlung auf besondere Weise.

Dass Lyrik auf keine offene Ohren mehr stößt, diese Behauptung wurde wieder einmal widerlegt. Die 1976 in Slovenj Gradec geborene Schriftstellerin Anja Golob etwa erhielt tosenden Applaus nach ihrer Lesung im brechend vollen Gasthaussaal. Am Vortag hatte die Lyrikerin ihrerseits eine Erfahrung der besonderen Art gemacht: Begeistert kam sie von ihrer Störlesung auf einem Bauernhof zurück. Auch FURCHE-Kolumnistin Lydia Mischkulnig begab sich auf Stör. Wie die Handwerker im Mittelalter besuchen nämlich Autorinnen und Autoren während der Literaturtage Familien vor Ort, lesen in Bauernstuben und in Esszimmern von Frühstückspensionen und werden für ihre Lesung mit einer zünftigen Jause belohnt. Lydia Mischkulnig wurde von Thomas Berger abgeholt und in das neu renovierte "Triglerschlössl" gebracht, wo sie im Gewölbekeller in kleiner Tafelrunde aus ihrem Erzählband "Die Paradiesmaschine" las. Bald entspann sich ein Gespräch über Lebens-,Dorf-und Hausgeschichten.

"Körper.Sprache" lautete das diesjährige Thema und Autorinnen und Autoren wie Michael Stavaric, Dana Ranga, Katharina Winkler, Franzobel und Jürgen Banscherus waren in Rauris zu Gast und lasen in Gasthöfen - und auf der Heimalm. Diesen besonderen Ort erreicht nur, wer rechtzeitig die Gondel besteigt (oder zu Fuß den Berg erklimmt). Und man kann ihn erst nach Ende der Abendveranstaltung per Gondel verlassen. Auch eine Körpererfahrung.

Heilkraft Literatur

Literatur sei kein Homöopathikum, aber sie verstärke die Sprachfähigkeit, konstatierte Bodo Kirchner. Die mangelnde Verständigung zwischen Seele und Körper brauche eine Art Impfung, die Abwehrkräfte und Fähigkeiten stärkt. Und: Menschen versuchen den Tod, diese narzisstische Kränkung, mit allerlei Strategien von sich fern zu halten. Neben Fitnesscenter oder plastischer Chirurgie sei Literatur vielleicht nicht der schlechteste Ansatz: gegen den Tod anzuschreiben und im Lesefluss zu bleiben, solange es geht.

Krankheit sei vielleicht auch nichts anderes als die Formulierung eines Themas, meinte der Arzt und Psychoanalytiker Bodo Kirchner im Gespräch mit Alissa Walser und Manfred Mittermayer vergangenen Samstag im Rauriser Platzwirt. Krankheit als Sprache des Körpers, die es nur zu lesen gelte? Es gebe viele vulgärpsychosomatische Deutungen, die sich auch in umgangssprachlichen Formulierungen zeigen: Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen, sagt man, oder: Das ist mir an die Nieren gegangen. Ratgeber bieten für die Zeichen des Körpers eindeutige Übersetzungen an: Herzprobleme? Beziehungsprobleme!

Sicher gebe es einen Zusammenhang zwischen Körper und Seele und Barrieren beim Vermögen, sich in den Körper einzufühlen, Schwierigkeiten also, die es zu überwinden gelte. Doch die Eindeutigkeit der Deutungen durch vulgäre Ratgeber sollte jeden misstrauisch machen. Denn so funktioniere auch Sprache nicht. "Wir können nicht einfach Google Translate auf unseren Körper legen", so Kirchner und verweist auf die Fehler, die derartige Übersetzungsmaschinen hervorbringen.

Keine Eindeutigkeit

Keine eindeutige Übersetzung möglich: Im besten Fall gilt das auch für Literatur, für jene Textkörper, die nicht geschrieben werden, um konkret umsetzbare Ratschläge fürs Leben zu geben. Selbst wenn beim Lesen immer auch Übersetzung mit im Spiel ist. Literaten versuchen zum Beispiel, um es mit den Worten Alissa Walsers auszudrücken, einen Augenblick verdichteter Zeit zu übersetzen, und hoffen dann, dass sich dieser Augenblick auf den Leser überträgt.

Übertragungen auf die Leser funktionieren vielfach bei den seit 1971 stattfindenden Rauriser Literaturtagen, das war auch dieses Mal zu spüren. Jedes Jahr treffen hier höchst unterschiedliche Leser aufeinander: Rauriser, Touristen, Studierende aus fünf österreichischen Universitäten, Literaturkritiker und vor allem: Autorinnen und Autoren. Dadurch stellt sich die Frage der Übersetzung im Sinn von Vermittlung auf besondere Weise.

Dass Lyrik auf keine offene Ohren mehr stößt, diese Behauptung wurde wieder einmal widerlegt. Die 1976 in Slovenj Gradec geborene Schriftstellerin Anja Golob etwa erhielt tosenden Applaus nach ihrer Lesung im brechend vollen Gasthaussaal. Am Vortag hatte die Lyrikerin ihrerseits eine Erfahrung der besonderen Art gemacht: Begeistert kam sie von ihrer Störlesung auf einem Bauernhof zurück. Auch FURCHE-Kolumnistin Lydia Mischkulnig begab sich auf Stör. Wie die Handwerker im Mittelalter besuchen nämlich Autorinnen und Autoren während der Literaturtage Familien vor Ort, lesen in Bauernstuben und in Esszimmern von Frühstückspensionen und werden für ihre Lesung mit einer zünftigen Jause belohnt. Lydia Mischkulnig wurde von Thomas Berger abgeholt und in das neu renovierte "Triglerschlössl" gebracht, wo sie im Gewölbekeller in kleiner Tafelrunde aus ihrem Erzählband "Die Paradiesmaschine" las. Bald entspann sich ein Gespräch über Lebens-,Dorf-und Hausgeschichten.

"Körper.Sprache" lautete das diesjährige Thema und Autorinnen und Autoren wie Michael Stavaric, Dana Ranga, Katharina Winkler, Franzobel und Jürgen Banscherus waren in Rauris zu Gast und lasen in Gasthöfen - und auf der Heimalm. Diesen besonderen Ort erreicht nur, wer rechtzeitig die Gondel besteigt (oder zu Fuß den Berg erklimmt). Und man kann ihn erst nach Ende der Abendveranstaltung per Gondel verlassen. Auch eine Körpererfahrung.

Heilkraft Literatur

Literatur sei kein Homöopathikum, aber sie verstärke die Sprachfähigkeit, konstatierte Bodo Kirchner. Die mangelnde Verständigung zwischen Seele und Körper brauche eine Art Impfung, die Abwehrkräfte und Fähigkeiten stärkt. Und: Menschen versuchen den Tod, diese narzisstische Kränkung, mit allerlei Strategien von sich fern zu halten. Neben Fitnesscenter oder plastischer Chirurgie sei Literatur vielleicht nicht der schlechteste Ansatz: gegen den Tod anzuschreiben und im Lesefluss zu bleiben, solange es geht.