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Sprachliches Feingefühl

Es war eine Sensation. Das schmale Buch einer jungen schweizerischen Autorin, 1975 herausgegeben im kleinen feministischen Verlag Frauenoffensive, traf den Nerv des Publikums. Schon nach einem Jahr ging die fünfte Auflage in Druck -ein Bestseller, entstanden aus dem Schneeballsystem der Mundpropaganda. Spätestens da konnte auch die Literaturkritik Verena Stefans autobiografischen Text "Häutungen" nicht mehr ignorieren. Mit "hierzulande überfällig" leitete die Autorin ihr Buch ein und das war es in der Tat. Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus: Von den einen hymnisch gelobt, von den anderen pathologisiert ("Offenbar schreibt hier ein zutiefst verstörter Mensch" meinte etwa Dieter Bachmann in der Weltwoche, der ihren Text als "Krankengeschichte einer schweren Neurotikerin" liest) wurden die "Häutungen" zu einem feministischen Kultbuch, dessen Ideen und sprachliche Radikalität bis heute wenig an Relevanz eingebüßt haben.

"Autobiografische Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen" sind in dem bis heute nicht in Vergessenheit geratenen Buch versammelt. Sie sei "wort um wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt". Als Frau über die eigene Körperwahrnehmung und die Erfahrung von Sexualität schreiben zu können, erfordert einen Bruch mit der normierten Sprache und die darin eingeschriebene androzentrische Perspektive. Die Etablierung einer weiblichen Ästhetik war daher der logische programmatische Anspruch Stefans. Schritt für Schritt löst sich die Protagonistin von ihrer Heterosexualität und überwindet hegemoniale Vorstellungen von Sexualität und Partnerschaft -sie häutet sich.

Vielzahl an Erzählstimmen

Schnell wurde Stefan zum Role-Model und Star der Frauenbewegung. Eine Rolle, mit der sie nie ganz glücklich war. Es folgten zunächst Lyrik, dann weitere autobiografische Texte. In "Es ist reich gewesen"(1993) schreibt sie etwa über den Tod ihrer Mutter. Im Roman "Fremdschläfer"(2007) wird die Erfahrung von Fremdheit, die sie selbst nach ihrer Auswanderung 1998 ins frankokanadische Montreal machte, verarbeitet. Als Übersetzerin machte sie feministische Werke von bedeutenden Autorinnen wie Adrienne Rich und Monique Wittig einem deutschsprachigen Publikum zugänglich.

Vom Experiment einer weiblichen Ästhetik ist in Stefans aktuellem Roman "Die Befragung der Zeit" wenig übriggeblieben - vielleicht hat diese aber auch einfach ein wenig an subversiver Kraft eingebüßt und ist in der Postmoderne aufgegangen. Denn Brüche gibt es durchaus: Eine Vielzahl an Erzählstimmen- und perspektiven, verschiedene Zeitebenen und Stile. Erzählt wird die fiktionalisierte Geschichte ihres Großvaters, Julius Brunner heißt er im Buch, dem Ende der 1940er-Jahre in der Schweiz der Prozess wegen gewerbsmäßiger Abtreibung gemacht wurde. Zu alt und zu krank, um ins Gefängnis zu kommen, wird der Arzt in die Heil-und Pflegeanstalt Waldau gebracht, wo seine Zurechnungsfähigkeit auf dem Prüfstand steht. Dahinter, wie so oft im familiären Erinnerungsroman, zeichnet sich ein Sittenbild der damaligen Zeit ab. Am Thema der Abtreibung wird die Doppelmoral der Gesellschaft sichtbar gemacht, die Frauen mit unehelichen Kindern stigmatisiert, gleichzeitig aber Schwangerschaftsabbrüche bei hohen Strafen verbietet.

Es ist Stefan hoch anzurechnen, dass sie den eigenen Großvater dabei nicht idealisiert. Brunner ist kein altruistischer Philanthrop und auch kein Kämpfer für Frauenrechte. Seine Dienste lässt er sich gut bezahlen und die Frauen in seiner Familie, die Ehefrau Lina und seine Tochter Alice, haben unter seinen cholerischen Ausbrüchen schwer zu leiden. Auch die Patientinnen Brunners werden nicht einfach als eindimensionale Opfer inszeniert - es sind unterschiedliche Frauen, denen das System nur die Wahl zwischen zwei Übeln lässt.

Idealisiert erscheint Brunner nur in der Perspektive seiner Enkelin, der fünfjährigen Rosa, die ihren Großvater zärtlich liebt. Mit ihr teilt er einen imaginären Raum, fantasiert sich in einen Heißluftballon und verleiht so seiner Lebenslust noch einmal Ausdruck -einer Lebenslust, die von seiner Frau nie geteilt wurde.

"Die Befragung der Zeit" ist nämlich auch die Geschichte einer unglücklichen Ehe und enttäuschter Erwartungen. Beide erinnern sich an eine gemeinsame Wanderung, unternommen als frisch Verheiratete. Während sich Julius voller Inbrunst nackt unter einen Wasserfall stellt, ist Lina entsetzt. Die Szene steht symbolisch für die unterschiedlichen Zugänge der beiden zum Leben: "Eher geht die Welt unter, als dass ich dorthin gelange, wo dieser Mann jetzt vor Vergnügen johlt, anstatt von mir in meinem neuen Wanderkostüm eine Fotografie zu machen, mit dem Wasserfall und dem Felsen, der ihn trägt, als Hintergrund."

Balance zwischen Fiktion und Realität

Die Ambivalenz des Textes -und damit auch seine Qualität - liegt in seiner poetischen Dichte, durchzogen von Originaldokumenten, psychiatrischen Gutachten, Briefen und Gerichtsakten. Trotz der aufrüttelnden und emotionalen Thematik ist "Die Befragung der Zeit" ein stilles, zurückhaltendes Buch und keines, das mit erhobenem Zeigefinger operiert. Das verleiht große Glaubwürdigkeit. Die Balance zwischen Fiktion und Realität hält Stefan souverän. Sprachlich ist der Roman konventionell angelegt. Das mag dem Sujet und der dargestellten Zeit geschuldet sein. Ein bisschen vom sprachlichen Wagemut ihres Debüts und seinem ästhetischen Programm hätte dem Text allerdings trotzdem gut getan.

Spannend ist es, den literarischen Werdegang der Schweizerin zu beobachten. Obwohl auch ihr Folgewerk durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, wird Stefan immer als die junge, radikale, lesbische Autorin der "Häutungen" in Erinnerung bleiben. Schrittweise ist aus der Grenzen auslotenden Revoluzzerin eine versierte und sehr bewusste Erzählerin geworden. Das wirkt freilich gerade in "Die Befragung der Zeit" manchmal so, als hätte sie sich der Norm, die sie einst kritisierte, nun selbst gefügt. Genauer betrachtet beweist sie indes abermals ihre Sensibilität dafür, welches Sujet welche Sprache erfordert.

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